Die Inhalation von Cannabis hat in einer kleinen placebokontrollierten Studie neuropathische Schmerzen signifikant gelindert. Die Resultate der Studie wurden im kanadischen Ärzteblatt (CMAJ 2010; doi: 10.1503/cmaj.091414) publiziert. Die Konzentration der Droge und die Effektstärke der Wirkung waren allerdings gering.

Cannabis sativa wurde schon im 3. Jahrtausend vor Chr. zur Behandlung von Schmerzen verwendet und seit zwölf Jahren kann diese Wirkung auch über eine Aktivierung von endogenen Cannabinoiden im Gehirn erklärt werden. Beides belegt die therapeutische Wirksamkeit aber noch nicht.

Hierzu sind randomisierte klinische Studien nötig, in denen bisher hauptsächlich orale Cannabinoide eingesetzt wurden. Sie sind unter Studienbedingungen leichter anzuwenden und werfen weniger rechtliche Schwierigkeiten auf.

Die Wirkung der Cannabinoide blieb in der nun veröffentlichten Inhalationsstudie weit hinter den Erwartungen zurück. In einer vielzitierten Vergleichsstudie war Dihydrocodein dem halbsynthetischen Cannabinoid Nabilon überlegen (BMJ 2008; 336: 199-201). Für die meisten Fachleute haben Cannabinoide darum derzeit keinen Stellenwert in der Schmerzbehandlung.

Dies sehen zahlreiche Patienten offenbar anders. In Kanada sollen 10 bis 14 Prozent aller Patienten mit nicht krebsbedingten chronischen Schmerzen oder multipler Sklerose regelmäßig Cannabis anwenden. Dies bewog ein Team der McGill Universität in Montreal zu einer randomisierten Studie zur inhalativen Cannabis-Anwendung, weil diese möglicherweise stärker wirksam sein könnte als orale Präparate.

Die Cannabis-Droge bezogen Mark Ware und Mitarbeiter von der McGill University in Montreal von einem kanadischen Anbauer medizinischer Hanfpflanzen. Die THC-Konzentration lag bei 2,5, 6 und 9,4 Prozent.

Das ist prägnant tiefer als bei vielen illegal angebauten Cannabis-Pflanzen, die 20 Prozent oder mehr THC enthalten können. Für die Placebo-Gruppe wurde ein Cannabis-Produkt verwendet, dem mittels alkoholischer Extraktion das THC total entzogen worden war.

Von den 116 gescreenten Kandidaten konnten nur 23 in die Studie aufgenommen werden, weil die Einschlusskriterien sehr restriktiv waren. Es Teilnehmen durften nur Patienten mit neuropathischen Schmerzen nach Operationen oder Traumata. Außerdem hatte die Ethikkomission zu Beginn gefordert, dass die Patienten früher schon Erfahrungen mit der Droge gehabt haben mussten. Es sollten keine Probanden durch die Studie auf den Geschmack oder in eine Abhängigkeit gebracht werden.

Diese Bedingung wurde allerdings später fallengelassen. Die Teilnehmer mussten jedoch mindestens ein Jahr vor Studienbeginn Cannabis-abstinent gelebt haben, um jegliche Restwirkung und einen illegalen Beikonsum zu auszuschliessen.

Die Inhalation der Droge erfolgte mit handelsüblichen Pfeifen. Die Probanden wurden angewiesen, 5 Tage lang dreimal am täglich jeweils die (vorverpackte) Einzeldosis von 25 mg zu entzünden und den Rauch für 5 Sekunden zu inhalieren.

Im Cross-Over-Design wendete jeder Studienteilnehmer nach zwischenzeitlichen Auswaschintervallen alle 4 Dosierungen inklusive Placebo an. Während der gesamten Studie führten die Patienten ihre früheren (nicht genügend wirksame) Schmerzbehandlung mit Opioiden, Antidepressiva, Antikonvulsiva und/oder NSAID fort.

Nur das Cannabispräparat mit der höchsten THC-Dosis bewirkte einen signifikanten schmerzlindernden Effekt. Die Wirkungsstärke war allerdings gering: Die Differenz zum Placebo lag gerade einmal bei 0,7 Punkte (5,4 vs. 6,1) auf einer 11 Punkte-Schmerzskala. Cannabis wirkte sich günstig auf das abendliche Einschlafen und die Schlafqualität aus. Auch Angst und Depressionen besserten sich.

Die Droge zeigte indes auch unerwünschte Nebenwirkungen, zu denen Kopfschmerzen, trockene Augen, Benommenheit, Husten, Taubheitsgefühl und ein Brennen auf der Haut in den neuropathischen Regionen zählten.

Ob eine höhere THC-Konzentration eine bessere Wirkung ergeben würde, muss weiteren Studien mit einer längeren Dauer und einer flexibleren Dosierung vorbehalten bleiben, hält Mark Ware fest. Für die Patienten, welche gegenwärtig zu der illegalen Droge greifen, liefert die Studie nach Ansicht des Editorialisten Henry McQuay von der Universität Oxford in England immerhin die Gewissheit, dass sie eine wirksame Therapie durchführen (CMAJ; doi: 10.1503/cmaj.100799) – was allerdings nichts daran ändert, dass der Cannabis-Konsum in vielen Ländern illegal ist.

Quelle:

www.aerzteblatt.de

http://www.cmaj.ca/embargo/cmaj091414.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Es ist bekannt, dass es für die Linderung von Schmerzen durch Cannabis oft relativ hohe Dosierungen braucht. Wahrscheinlich ist Schmerzlinderung nicht die „Kernkompetenz“ von Cannabis. Diese liegt wohl eher in der Linderung der Spastik zum Beispiel bei Multipler Sklerose oder in der Linderung von Appetitlosigkeit und Übelkeit als Begleiterscheinungen bei Krebserkrankungen.

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