Auf Grund seiner guten Wirksamkeit und Verträglichkeit nimmt Fenchel bei der Behandlung von Beschwerden des Verdauungstrakts bei Säuglingen und Kindern eine spezielle Stellung ein. Dieser altbewährte Heilpflanzen-Tee wurde in den letzten Jahren jedoch mit Begriffen wie „toxisch“ oder „gefährlich“ belegt., was zu grosser Verunsicherung führte.

Prof. Dr. Reinhard Saller vom Institut für Naturheilkunde an der Universität Zürich versucht, dieser Verunsicherung entgegenzuwirken.

Der Fenchel (Foeniculum vulgare) ist eine Gewächs, dessen heilende Wirkung in der deutschsprachigen Medizin schon im 16. Jahrhundert von Caspar Bauhin aus Basel (1560 – 1624) oder dem Deutschen Leonhart Fuchs (1501 – 1566) beschrieben wurde. Neben seinem Einsatz bei Beschwerden des Verdauungstraktes sowie der Atemwege war der Fenchel als „Frauenkraut“ auch für die Behandlung von menstruationsassoziierten Beschwerden, Amenorrhoe (ausbleibende Menstruation) oder verminderter Milchsekretion bekannt. Auch in der äusserlich-lokalen Anwendung bei einer ganzen Reihe von Augenleiden zeichnen sich die Fenchelfrüchte mit einer deutlich ausgeprägten entzündungswidrigen Wirkung aus. Sein ätherisches Öl setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen, vorwiegend aus trans-SpecialAnethol (50 bis 75 %), Fenchon (13 bis 33 %) und Estragol (2 bis 5 %), das dafür verantwortlich ist, dass der Fenchel in die negativen Schlagzeilen geriet, wie Prof. Saller am Fortbildungskurs der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP) erläuterte.

In der Vergangenheit wurde bei den Fenchelfrüchten eine östrogenartige Wirkung vermutet, weil Fälle beschrieben wurden, bei denen Kinder in frühen Jahren schon in die Thelarche (beginnende Entwicklung der weiblichen Brust) gekommen sind. Die Analyse dieser Fälle zeigte dann jedoch einen außergewöhnlich langen und hoch dosierten (mehrmals täglich, über vier Monate bis zu zwei Jahren) Konsum von Fencheltee. Nach dem Absetzen des Fencheltees ging die Symptomatik zurück. „Bei einer Anwendungsdauer von unter zwei Monaten ist es extrem unwahrscheinlich, dass solche Wirkungen auftreten“, erklärt der Professor für Naturheilkunde.

Fenchel-Inhaltsstoff Estragol in der Risiko-Diskussion

Auf Grund tierexperimenteller Daten aus der Untersuchung der Einzelstoffe wurde als Erstes vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung das in Fenchelfrüchten enthaltene Estragol als kanzerogenes (krebsauslösendes), eventuell auch genotoxisches (erbgutschädigendes) Risiko gewertet. Sie rieten, die Fenchelfrüchte aus der medizinischen Anwendung total zu verbannen. Eine vergleichbare Diskussion wurde in der EMA (European Medicines Agency) bei der Ausarbeitung der Fenchel-Monographie geführt. So wurde eine erste Entwurffassung für diese Fenchel-Monografie revidiert und Fencheltee erst für Kinder ab vier Jahren zugelassen. „Dies ist jedoch nicht ein isoliertes Fenchelproblem, das Estragol ist Bestandteil des ätherischen Öls zahlreicher anderer Pflanzen wie Estragon, Basilikum, Anis oder Sternanis. Wir müssten also unsere Küchenschränke fast komplett ausräumen“, stellt Prof. Saller fest. Die experimentellen Hinweise wurden in einem Mausmodell gewonnen. In der Untersuchung des hepatokanzerogenen (leberkrebsfördernden) Potenzials wurden von der Monosubstanz Estragol allerdings Dosierungen bis zu 1 g/kgKG verwendet, eine genotoxische Wirkung ließ sich erst ab einer Dosis von 2 g/kgKG nachweisen. „In unserer Umwelt, einschließlich unserer Körperbestandteile, dürfte es nichts geben, das in einer vergleichbaren Dosierung kein genotoxisches Risiko hätte“, kommentierte Prof. Saller.

Fenchel als Vielstoffgemisch wirkt anders als die Monosubstanz Estagol

Die tägliche Aufnahme von Estragol über Nahrungsmittel erreicht beim Menschen 4,3 bis 8,7 mg, auch wenn man sich gewürzfrei ernährt. 100 ml Fencheltee aus 6 g Fenchelfrüchten enthalten 0,4 mg Estragol, rechnete Prof. Saller vor. „Sie nehmen somit die zehn- bis zwanzigfache Estragoldosis pro Tag über die gewöhnliche Nahrung auf, als wie sie mit Fenchel und anderen Medizinaldrogen zugeführt wird.“ In Tierexperimenten wurde Estragol als Monosubstanz verabreicht und untersucht.

Im realen Leben konsumiert der Mensch beim Fenchel, Basilikum oder Anis ein Vielstoffgemisch. Extrakte aus Fenchelfrüchten enthalten beispielsweise eine Reihe antioxidativer Inhaltsstoffe, die als karzinomprotektiv (tumorschützend) gelten. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Anethol, die Hauptkomponente des ätherischen Öls, neben antioxidativen auch über antiinflammatorische (entzündungswidrige) und antikanzerogene (krebshemmende) Wirkungen verfügt. Im Gegensatz zum ätherischen Fenchelöl, welches bei Menschen mit Veranlagung zur Epilepsie sowie bei Säuglingen und Kleinkindern kontraindiziert ist, hat sich der Nutzen des Fencheltees bei Babys und Kleinkindern in den letzten Jahren durch experimentelle und klinische Studien zunehmend bestätigt. Den ratsuchenden Eltern dürfen Ärzte und Apotheker Fencheltee mit gutem Gewissen und zunehmend fundiertem Wissen weiterhin empfehlen, stellt Prof. Saller zum Schluss fest.

Quelle:

http://www.pharmaceutical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=104900&dspaid=879906

Kommentar & Ergänzung:

Es gibt tatsächlich diese Überinterpretation von Laborergebnissen im Umgang mit Inhaltsstoffen von Heilpflanzen, wenn diese in sehr hohen Konzentrationen an Tieren getestet und die Ergebnisse vorschnell auf den Menschen übertragen werden. Und es scheint so, dass die Debatte rund um Fenchel und Estragol in diese Richtung ausgeschlagen hat.

Andererseits gibt es manchmal bei Menschen aus der Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde / Komplementärmedizin eine Tendenz, Heilpflanzen grundsätzlich als ungiftig und heilsam zu idealisieren. Beispielsweise wurde beim Thema „Huflattich und Pyrrolizidinalkaloide (PA)“ behauptet, dass PA nur giftig seien isoliert im Tierversuch, in der ganzen Pflanze  aber ungiftig, weil sie durch andere Inhaltsstoffe ausbalanciert werden. Das ist in diesem Fall unsinnig, weil es mit Pyrrolizidinalkaloid-reichen Pflanzen Vergiftungen von Weidetieren gibt. Hier kann man nicht mehr von Laborexperimenten mit isolierten Stoffen reden.

Die Herausforderung liegt meines Erachtens darin, beim Thema „Risiken von Heilpflanzen“ weder zu dramatisieren noch zu bagatellisieren  – das gilt auch für das Thema „Huflattich und Pyrrolizidinalkaloide“.

Sich ernsthaft auch mit möglichen Risiken und Nebenwirkungen auseinanderzusetzen ist unumgänglich.  Schliesslich spricht viel dafür, dass ein Arzneimittel, welches eine Heilwirkung entfaltet, auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann.  Nur unwirksame Arzneimittel sind diesbezüglich wohl auch ganz ohne Risiko.

Bei aller geforderten Sensibilität für allfällige Risiken gilt es aber, die Relationen zu waren, um nicht unbegründet Verunsicherung und Panik zu verbreiten.

Beim Fencheltee ist meine Empfehlung: Für Säuglinge und Kleinkinder den Fencheltee nicht einfach im Sinne einer Flüssigkeitszufuhr geben, sondern nur bei konkreten Beschwerden wie Krämpfen im Verdauungstrakt oder Blähungen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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