Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 suchen oft im Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin nach einer Alternative zur regelmäßigen Einnahme von synthetischen Antidiabetika. Prof. Karin Kraft veröffentlichte vor einigen Monaten dazu einen fundierten Artikel, in welchem sie die Möglichkeiten der Phytotherapie bei Diabetes Typ 2 vorstellt. Zu Beginn des Textes stellt sie klar:

„Grundsätzlich ist jedoch festzuhalten, dass eine naturheilkundliche Diabetestherapie nur adjuvant zu der leitlinienkonformen Therapie durchgeführt werden sollte.“

Primäres Ziel einer naturheilkundlichen Diabetestherapie sei die Therapie der Insulinresistenz, schreibt Kraft. Bei Übergewicht müsse eine Gewichtsreduktion durch eine hypokalorische Diät angestrebt werden: „Die Diätempfehlungen der Leitlinien werden uneingeschränkt unterstützt, eine besondere naturheilkundliche Diabetesdiät existiert nicht.“

Die Knollen von Helianthus tuberosus (Topinambur) empfiehlt Kraft als kalorienarmes Sättigungs- und Süßungsmittel. Topinambur sei reich an Mineralstoffen, Vitaminen und Inulin (16%), das als Ballaststoff wirke.
Durch Heilfasten, bei dem gleichzeitig eine intensive Bewegungstherapie durchgeführt werden muss, könne die Stoffwechsellage deutlich verbessert werden. Ein dauerhafter Erfolg sei aber nur möglich, wenn die Ernährung im Anschluss langfristig im Sinne einer Diabetesdiät modifiziert werde.
Dies belegen laut Kraft einige klinische Studien. Stationäres Heilfasten sei jedoch nur bei ausreichender Insulin-Eigenproduktion und begleitender Adipositas indiziert.
Karin Kraft weist zudem auf Empfehlungen aus der Orthomolekularmedizin hin, nämlich intermittierenden Gaben von Zink (20–40 mg/d), Magnesium (300–600 mg/d) und Chrom (100–200 µg/d), wobei allerdings die Belege für diese Empfehlungen nicht befriedigend seien.

Heilpflanzen bei Diabetes

Arzneimittelrechtlich zugelassene Phytotherapeutika gegen Typ-2-Diabetes gebe es bisher nicht, schreibt Kraft, und sie schränkt ein:

„Die erhältlichen leicht blutzuckersenkenden Nahrungsergänzungsmittel wie Präparate aus Bittermelone, Zimtrinde, Flohsamen(schalen) und Ballaststoffen können nur adjuvant zur Standardtherapie und nur unter ärztlicher Aufsicht empfohlen werden.
Bittermelone und Zimtrinde wirken pharmakologisch antidiabetisch.“

Bittermelonen:

„Bittermelonenextrakt wird in einer Dosis von 1–2 g/d oral verabreicht, der HbA1c kann damit um ca. 0,5% gesenkt werden. Zur Langzeitverträglichkeit liegen nur wenige Daten vor.“

Zimtrinde:

„Bei Präparaten aus Zimtrinde ist auf eine exakte Deklarierung zu achten, es werden ca. 350 mg Zimtrindenextrakt / Tag empfohlen. Die Beleglage aus klinischen Studien ist noch nicht befriedigend.“

Quellstoffe:

Zu den Quellstoffe wie Flohsamen, Indische Flohsamen / Flohsamenschalen und Guar schreibt Kraft, dass sie Zucker binden und physikalisch antidiabetisch wirken. Der HbA1c werde mit Tagesdosen von 10–30 g Flohsamen oder 10–20 g Flohsamenschalen um etwa 1% gesenkt. Wichtig sei die Einnahme mit reichlich Wasser (mindestens 1:10). Wegen der Gefahr der Verlegung der Atemwege sei eine Einnahme im Liegen kontraindiziert.
Guar (Guarkernmehl) sei ein Quellstoff / Polysaccharid aus Mannose und Galaktose, das aus dem Samen der indischen Büschel- oder Guarbohne stammt. Die Tagesdosis von Guar betrage 5–16 g. Durch die verzögerte Glukoseresorption werden postprandiale Blutzucker- und Insulinanstiege um im Mittel 35% vermindert.

Quelle:

MMW Fortschr Med 2010; 152(13)

http://www.springermedizin.de/sprechstunde-naturheilkunde-typ-2-diabtes/219664.html

Kommentar & Ergänzung:

Fachwort-Erklärung:

postprandial = „nach dem Essen“, „nach der Mahlzeit“

adjuvant = ergänzende oder unterstützende Therapiemassnahme

Karin Kraft ist Professorin für Naturheilkunde an der Universität Rostock und eine profilierte Vertreterin der universitären Phytotherapie.

Die Empfehlungen in diesem Artikel sind fundiert und differenziert. Nichts zu bemängeln, nichts zu ergänzen. Mit Abstand der beste Fachtext, den ich in letzter Zeit zum Thema Phytotherapie & Diabetes gelesen habe.

Aber damit es nochmals festgehalten sei:

Diabetes gehört in ärztliche Behandlung und ist eine Krankheit, die langfristige medizinische Begleitung braucht. Mit Heilpflanzen-Präparaten allein ist es also nicht getan. Sie können einen günstigen Effekt zeigen, der aber eng begrenzt ist.

Diabetes ist ein Thema, bei dem sich deutlich Grenzen der Phytotherapie zeigen. Dies gilt meines Erachtens generell für Naturheilkunde & Komplementärmedizin, obwohl das nicht alle Vertreterinnen und Vertreter dieser „Szene“ gerne hören.

Allerdings: „Bewegung“ ist eine der wichtigsten Massnahmen bei Diabetes. Und  sie gehört zugleich zu den klassischen Naturheilverfahren

(Fünf Säulen nach Sebastian Kneipp: Hydrotherapie, Ernährungstherapie, Pflanzenheilkunde, Bewegung / Luft / Licht, Lebensordnung).

Insofern haben wir mit der „Bewegung“ doch einen Fuss in der Diabetes-Therapie.

„Bewegung“ geht als Naturheilverfahren leider ein bisschen unter neben dem Methodendschungel der Komplementärmedizin. „Bewegung“ ist wohl zu gewöhnlich, zuwenig exotisch, zuwenig esoterisch.

Schade, denn Bewegung ist unschlagbar kostengünstig und in ihrem Wert für die Gesundheit kaum zu überschätzen. Und bei Diabetes ist sie als Naturheilmittel wichtiger als Kräutertees, Pflanzentinkturen, Globuli & Co.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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