An den Südtiroler Herbstgesprächen berichtete Doz. Dr. Matthias Unger vom Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Uni Würzburg über Interaktionen (Wechselwirkungen) von pflanzlichen Wirkstoffen mit anderen Medikamenten:

„Eine wichtige Rolle kommt hier den Cytochrom-P450-Enzymen (CYP-Enzyme) zu. Sie sind am Metabolismus von 90 Prozent aller Arzneistoffe beteiligt. So ist z.B. bekannt, dass hyperforinhaltige Johanniskrautextrakte zu einer gesteigerten Expression von CYP-Enzymen und P-Glykoprotein führen und dadurch die Bioverfügbarkeit von zahlreichen CYP- oder P-Glykoprotein-Substraten klinisch relevant erniedrigen. Allerdings konnte bisher eine klinisch relevante Inhibition des Arzneistoffmetabolismus oder -transports durch die in Europa zugelassenen pflanzlichen Arzneimittel nicht zweifelsfrei belegt werden.“

Kommentar & Ergänzung:

Johanniskraut-Extrakte können – wie viele andere Medikamente auch – in der Leber Enzyme aktivieren, die für den Abbau von Fremdstoffen zuständig sind. Gewisse gleichzeitig mit Johanniskraut-Präparaten eingenommene Medikamente werden dadurch schneller abgebaut, so dass möglicherweise ihre Wirkung nicht mehr sicher gestellt ist. Das betrifft zum Beispiel Herzmedikamente von Digitalis-Typ, Blutgerinnungshemmer vom Typ Marcoumar, Immunsuppressiva, gewisse HIV-Medikamente und Hormonpräparate (Antibaby-Pille).

Bezüglich der Relevanz dieser Wechselwirkungen sind noch viele Fragen offen und sie dürfte nicht für alle der aufgeführten Medikamentengruppen gleich sein.

Auch stellt sich die Frage, ob und allenfalls wie stark diese Wechselwirkungen bei hyperforinarmen Johanniskraut-Extrakten auftreten.

Wer Johanniskraut-Extrakte einnimmt, sollte jedenfalls behandelnde Ärztinnen oder Ärzte darüber informieren, damit mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vermieden werden können.

„Die in In-vivo-Studien beobachteten Änderungen der Bioverfügbarkeit z.B. durch Baldrian-, Echinacea- und Weißdornpräparate sind klinisch nicht relevant. Die für Mariendistelextrakte mit über 70 Prozent Silymarin-Gehalt veröffentlichten Studien weisen auf eine Beeinflussung des Arzneistoffmetabolismus hin. Doz. Unger wies allerdings darauf hin, dass bei pflanzlichen Arzneimitteln die Ergebnisse aus In-vitro-Studien vorsichtig interpretiert werden sollten, da bei Phytopharmaka nur selten eine positive In-vitro-in-vivo-Korrelation vorliegt.“

Kommentar & Ergänzung:

Was bedeutet In-vitro?

„Als in vitro (lateinisch, im Glas) bezeichnet man organische Vorgänge, die außerhalb eines lebenden Organismus stattfinden, im Gegensatz zu solchen, die im lebenden Organismus (in vivo) ablaufen. In der Naturwissenschaft bezieht sich in vitro auf Experimente, die in einer kontrollierten künstlichen Umgebung außerhalb eines lebenden Organismus durchgeführt werden, zum Beispiel im Reagenzglas.“

(nach Wikipedia)

Was sind In-vitro-Studien?

„Biologische und medizinische Forschung lässt sich experimentell kontrollierter in vitro durchführen. Die Parameter, die den In-vitro-Versuch beeinflussen, sind besser überschaubar als jene in vivo. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse lassen sich nicht immer auf die Vorgänge in der Natur übertragen. Daher werden sie in der Regel mit einer weiteren Versuchsreihe in vivo überprüft.“

(nach Wikipedia)

Interessant ist die Bemerkung, „dass bei pflanzlichen Arzneimitteln die Ergebnisse aus In-vitro-Studien vorsichtig interpretiert werden sollten, da bei Phytopharmaka nur selten eine positive In-vitro-in-vivo-Korrelation vorliegt.“

Mit anderen Worten: Gefundene Wechselwirkungen In-vitro lassen sich nicht einfach auf den lebenden Organismus übertragen.

Das gilt allerdings nicht nur für Interaktionen, sondern auch für therapeutische Wirkung.

Es geschieht auch bei Heilpflanzen viel zu häufig, dass von Wirkungen, die sich im Reagenzglas gezeigt haben, schnurstracks auf therapeutische Effekte beim kranken Menschen geschlossen wird. Unzählige Naturstoffe aus Heilpflanzen werden In-vitro gegen Krebszellen getestet, und siehe da: Eine ganze Anzahl dieser Substanzen zeigt antitumorale Wirkung. Aber ob diese Inhaltsstoffe auch bei Krebskranken wirksam sind, steht in den Sternen. Es stellt sich in solchen Fällen zm Beispiel die Frage, ob der im Reagenzglas antitumorale Stoff aus dem Verdauungstrakt in genügender Menge resorbiert wird und ob im Organismus eine wirksame Konzentration erreicht werden kann.

Quelle:

Pharmaceutical Tribune, 2. Jahrgang, Nr. 20/2010

http://www.pharmaceutical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=106790&dspaid=908445

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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