Komplementärmedizin stösst auf zunehmendes Interesse – auch in den Medien. Dadurch werden wir allerdings permanent überschwemmt mit Ratschlägen, Versprechungen und Behauptungen zu diesem Thema. Sich in dieser Vielfalt zu orientieren ist keine leichte Aufgabe.

Im Bereich der Komplementärmedizin fehlt es nämlich weit gehend an unabhängiger Qualitätskontrolle – bei Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten, im Bereich der Ausbildungsinstitute, aber auch bei Apotheken und Drogerien. Papier ist sowieso geduldig. Gedruckt wird praktisch alles, was sich verkaufen lässt. Und im Internet findet sich neben hochwertiger Information auch jede Menge Schrott. Konsumentinnen und Konsumenten sind darum zum grösstenteils auf sich allein gestellt, wenn sie sich in diesem Dschungel eine eigene Meinung bilden wollen. Sie finden hier 14 Prüfsteine, die zur Orientierung und Klärung beitragen können – und das nicht nur im Bereich der Komplementärmedizin.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 1: Quellenangaben verlangen

Wenn Sie Ratschläge, Versprechungen oder Behauptungen auf Glaubwürdigkeit prüfen wollen, verlangen Sie konsequent Quellenangaben: Wer hat was, wann und wo gesagt oder geschrieben?

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 2: Begründungen verlangen

Akzeptieren Sie keine reinen Behauptungen. Verlangen Sie Begründungen. Auf Grund welcher Erfahrungen, Beobachtungen oder Überlegungen kommt jemand zu einer Aussage?
Wenn Sie Quelle und Begründungen kennen, lässt sich die Glaubwürdigkeit einer Behauptung eher einschätzen.
Skepsis ist angebracht, wenn Begründungen durch Schlagworte ersetzt werden. Ein häufig gehörtes Beispiel dafür ist der Spruch: “Wer heilt hat recht!” – Er fegt scheinbar die Notwendigkeit von plausiblen Begründungen vom Tisch. Ausgeklammert bleibt dabei, ob die Heilung spezifisch mit der Behandlung zusammenhängt, oder ob sie auf die Selbstheilungskräfte des Organismus zurück zu führen ist, oder auf den Placebo-Effekt, der bei jeder Behandlung mitwirkt.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 3: Verständlichkeit verlangen

Verlangen Sie verständliche Begründungen. Erstarren Sie nicht vor Ehrfurcht, wenn Sie eine Erklärung nicht verstehen. Unverständlichkeit wird manchmal als Folge besonders tief greifender oder gar höherer Erkenntnis aufgefasst. Genauso gut kann sie jedoch Resultat wirrer Gedankengänge sein.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 4:  Bestätigung durch Fachwelt

Steht die zu prüfende Behauptung isoliert da oder wird sie von anderen Fachleuten oder Büchern geteilt? Zwar wird eine Meinung nicht unbedingt wahr dadurch, dass Sie von zahlreichen Personen geteilt wird – auch viele können sich irren. Von einer isoliert dastehenden Behauptung müssen aber besonders plausible Gründe verlangt werden. Die Glaubwürdigkeit einer Aussage steigt dagegen, wenn sie die kritische Diskussion in der Fachwelt “überlebt” hat.
Schwierig an diesem Punkt ist allerdings, dass im Bereich Komplementärmedizin gar nicht so eindeutig auf der Hand liegt, wer oder was nun zur “Fachwelt” zählt und was nicht. Kriterien dazu fehlen. Die anderen Komplementärmedizin-Prüfsteine können aber diesbezüglich Hinweise geben.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 5:  Suspekte Heilungsgarantien

Vorsicht bei absoluten Heilungsversprechen, die beispielsweise mit “immer” oder “nie mehr” daher kommen. Menschliche Gesundheit und Krankheit sind viel zu komplex, als dass Garantien abgegeben werden könnten. Wer dies trotzdem tut, gehört wohl zu den “terrible simplificateurs”, den “schrecklichen Vereinfachern”.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 6:  Feindbilder meiden!

Im Bereich der Komplementärmedizin können Sie immer wieder Leute antreffen, die Sie mit ihren eigenen Feindbildern gegen die “Schulmedizin” abfüllen wollen. Man erkennt solche Personen an ihrem Schwarz-Weiss-Denken: Hier die gute, lebens- und menschenfreundliche Komplementärmedizin, dort die schädliche, menschenverachtende „Schulmedizin“. Notwendig wäre dagegen eine kritisch-differenzierte Auseinandersetzung mit Medizin und Komplementärmedizin. Wer nur kritisch gegenüber der sogenannten “Schulmedizin” auftritt, in der Komplementärmedizin aber blauäugig alles wunderbar findet, ist nicht wirklich kritisch, sondern nur verhaftet in den eigenen Feindbildern.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 7:
Werden Misserfolge, unerwünschte Nebenwirkungen und Grenzen thematisiert?

Wer nur von Heilerfolgen redet oder schreibt, nie aber von Misserfolgen und Grenzen der eigenen Methoden, der blendet einen wichtigen Bereich der Realität aus. Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass es jemals eine Heilmethode gab oder geben wird, die weder Misserfolge noch Grenzen kennt.
Fragwürdig ist auch, wenn zum Beispiel in einem Heilpflanzenbuch nur von wunderbaren Heilwirkungen, nie jedoch von unerwünschten Nebenwirkungen die Rede ist. Es spricht viel dafür, dass, was therapeutische Wirkung entfaltet, auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen kann. Das gilt auch für Behandlungen mit Heilpflanzen.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 8:
Arbeitsteilig entstandenes Wissen bevorzugen

Vorsicht ist angezeigt, wenn ein einzelner Mensch ein scheinbar geniales, aber durch andere unüberprüfbares Heilsystem aus dem Hut zaubert. Daraus entsteht häufig die Grundlage für ein Guru-System. Solche Angaben kann man nur glauben oder nicht. Arbeitsteilig in kleinen Schritten gewonnene Erkenntnisse dagegen sind zwar viel weniger spektakulär, stehen dafür aber auf sichererem Fundament. Ein einzelner Mensch ist anfälliger für Irrtum und (Selbst-)Täuschung. Narzissmus und Selbstüberschätzung können beispielsweise dazu verführen, eigene Deutungen zum Beispiel von Heilpflanzen für allgemeingültig zu erklären, statt klar zu stellen, dass es sich um Interpretationen handelt.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 9:

Vorsicht bei grossen Versprechungen

Je grösser die Versprechungen, desto mehr Belege sind zu fordern! Achten Sie auf Leute mit Grössenphantasien. Charakteristisch für solche Personen ist, dass sie sich und ihren Methoden grundsätzlich alles zutrauen. Das äussert sich zum Beispiel in Sprüchen wie: “Gegen jede Krankheit ist ein Kräutchen gewachsen” oder “Die Schulmedizin behandelt nur Symptome, wir dagegen behandeln die Ursachen”. Letzteres trieft vor Arroganz, ist doch das Finden der letztendlichen Ursachen einer Krankheit ein äusserst schwieriges, wenn nicht gar oft unmögliches Unterfangen.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 10:

Diffuse Begriffe in Frage stellen!

In der Komplementärmedizin gibt es eine “Szene”, die mit äusserst vagen Begriffen operiert und damit zahlreiche leicht gläubige Leute einnebelt. So wird zum Beispiel gern vom “Wesen der Pflanzen” gesprochen, welches erkannt werden müsse, wenn Heilpflanzen erfolgreich angewendet werden sollen. Der bedeutungsschwer tönende Begriff vom “Wesen der Pflanzen” bleibt dabei weitestgehend ungeklärt. So kann jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen damit verbinden. Werden diese nie thematisiert, reden die beteiligten Personen vollkommen aneinander vorbei, während sie zugleich glauben, sie würden sich gut verstehen. Unter dem Etikett des “Wesens” der Pflanzen werden dann eigene Deutungen als allgemein gültig verkauft. Anstelle eines sorgfältigen “so sehe ich diese Pflanze” gilt dann ein dogmatisierendes “so ist diese Pflanze”.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 11:
Transparenz verlangen!

Akzeptieren Sie es nicht, wenn Ihnen die Zusammensetzung eines Heilmittels, einer Teemischung oder eines anderen Präparates, verschwiegen wird. Mündige und aufgeklärte Patientinnen und Patienten wissen, was sie einnehmen.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 12:
Popularität ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit Qualität

Lassen Sie sich nicht täuschen von hohen Buchauflagen und grosser Bekanntheit. Beides entsteht hauptsächlich, wenn ein Buch oder ein Mensch Bedürfnisse weiter Kreise bedient. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die vertretenen Ansichten richtig und die Therapie wirksam sein muss. Oder halten Sie McDonalds qualitativ für das beste Restaurant? Cola für das wertvollste Getränk? Eben.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 13:

Vorsicht bei Heilungsgeschichten

Bleiben Sie skeptisch bei überschwänglichen Heilungsgeschichten. Dabei werden oft Placebo-Effekte und Selbstheilungsvorgänge ausgeblendet.

Komplementärmedizin-Prüfstein Nr. 14:
“Erfahrung” genügt nicht als Begründung

Oft werden Ratschläge und Heilungsversprechungen nur begründet mit Aussagen wie: “Es wirkt doch, ich habe es selbst erlebt”. Dieser simple Rückgriff auf “Erfahrung” ist naiv, weil es keine reine Erfahrung geben kann, die uns unmittelbar etwas sagt. Wir kommen nur mit bereits (durch uns) wahrgenommener und interpretierter Erfahrung in Kontakt. Und jede Erfahrung ist bereits durch unsere vorgängigen Theorien und Überzeugungen beeinflusst. Erfahrung allein zählt zudem nicht, man muss auch aus ihr gelernt haben. Dazu braucht es Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, Vergleiche mit den Erfahrungen anderer Leute in ähnlichen Situationen etc.

Diese vierzehn Komplementärmedizin-Prüfsteine garantieren nicht, dass Sie sicher die Spreu vom Weizen trennen können. Sie schärfen jedoch die Wahrnehmung für Qualitätsunterschiede. Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen! Prüfen Sie Behauptungen, Meinungen und Versprechungen.

Weitere Informationen mit einer Kritik am Begriff Komplementärmedizin:

Komplementärmedizin – ein fragwürdiger Begriff

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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