Kann der bei akuter Bronchitis eingesetzte Wurzelextrakt aus Pelargonium sidoides, enthalten im Heilpflanzen-Präparat Umckaloabo®, die Leber schädigen? Der Hersteller hält das für unwahrscheinlich. Das pharmakritische „arznei-telegramm“ spricht dagegen von 20 Verdachtsberichten und versucht in seiner Juli-Ausgabe mit der Schilderung eines Fallberichts die Problematik zu verdeutlichen, geht dabei allerdings nicht auf die Begleitmedikation mit teilweise lebertoxischem Potenzial ein.

Im Gespräch mit der Deutschen Apotheker Zeitung nahm Dr. Traugott Ullrich, Geschäftsführer der Spitzner Arzneimittel, Ettlingen, Stellung zu den Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Darstellung im arznei-telegramm und den Positionen des Herstellers ergeben. Während das  „arznei-telegramm“ die 20 dem BfArM vorliegenden Verdachtsmeldungen auf Leberschädigung durch Umckaloabo als ein Risikosignal  interpretiert, kommt der Hersteller nach Sichtung aller vorliegenden Daten zu diesen Fällen zu dem Schluss, dass es keinen einzigen „wahrscheinlichen“ oder „gesicherten“ Fall erhöhter Leberwerte als Folge einer Behandlung mit Umckaloabo® gibt.

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2011/07/21/leberschaeden-durch-umckaloabo.html

Kommentar & Ergänzung:

Die Interpretation solcher Meldungen ist sehr anspruchsvoll. Die ziemlich naive, aber nicht seltene Ansicht, dass Heilpflanzen niemals schaden können, teile ich ganz und gar nicht. Ein Arzneimittel, das wirksam ist, kann potentiell auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, das gilt auch für Heilpflanzen-Präparate.

Meldungen zu möglichen Nebenwirkungen sind daher ernst zu nehmen.

Allerdings ist die Situation meistens nicht so klar, wie es vielleicht scheinen mag.

Wenn eine Million Menschen Umckaloabo-Präparate einnehmen, und 20 davon während der Einnahmezeit Leberstörungen erleiden, ist damit Umckaloabo als Ursache noch keineswegs gesichert. Von einer Million Menschen wird ein gewisser Prozentsatz auch aus anderen Gründen Leberstörungen entwickeln.

Wir Menschen neigen dazu, zeitlich zusammen fallende Ereignisse in einen ursächlichen Zusammenhang zu stellen, der gar nicht vorhanden sein muss.

Man nennt dies etwas umständlich den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlsschluss“.

Zu diesem Fehlschluss neigen wir oft auch bei der Beurteilung von Heilwirkungen:

Ich leide an Krankheit Z

Ich nehme Präparat XY

Mir geht es besser

Schlussfolgerung: XY  ist wirksam gegen Krankheit Z

Alle anderen Einflüsse, die zu meiner Gesundung beigetragen haben könnten, werden mit diesem Kurzschluss ausgeklammert (zum Beispiel Selbstheilungskräfte, Veränderungen in den Lebensumständen, andere therapeutische Massnahmen, Placebo-Effekte).

Und genauso gibt es den „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ bezüglich unerwünschter Nebenwirkungen:

Ich nehme Arzneimittel X

Ich bekomme Beschwerden Z

Schlussfolgerung: Arzneimittel X ist Auslöser der Beschwerden Z

Alle anderen Einflüsse, die zu den Beschwerden Z geführt haben könnten, werden ausgeklammert (zum Beispiel andere Medikamente, Veränderungen in den Lebensumständen, Infektionen, Nocebo-Effekte).

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist der wichtigste Grund dafür, dass die Beurteilung von Heilwirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln so komplex ist, und dafür, dass einzelne Erfahrungen in dieser Hinsicht meistens wenig aussagen.

Das gilt für synthetische Medikamente, Phytotherapeutika, Präparate aus der Komplementärmedizin etc.

Der „Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss“ ist ein wichtiger Grund für den Versuch, Wirkungen von Arzneimitteln mittels systematischeren Untersuchungen zu klären, zum Beispiel in Form von Doppelblind-Studien.

Aber selbst Doppelblind-Studien können zu unterschiedlichen und widersprüchlichen Resultaten kommen.

Daher fasst man dann mehrere Doppelblind-Studien zu einer Metastudie zusammen, um auf diese Art und Weise fundiertere Schlüsse ziehen zu können. Das macht zum Beispiel die renommierte Cochrane Collaboration.

Aber selbst Metastudien können sich widersprechen….

zum Beispiel weil die Studien, welche man zur Auswertung in eine Metastudie einschliesst, mittels unterschiedlicher Kriterien ausgewählt wurden.

So müssen wir wohl oder übel auf die endgültige und umfassende Gewissheit in den allermeisten Fällen verzichten, denn die Beurteilung von therapeutischen Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen ist eben sehr komplex.

Was uns aber meines Erachtens nicht davon abhalten sollte, nach möglichst viel vorläufiger und notgedrungen bruchstückhafter Erkenntnis zu streben.

Weitere Informationen um Thema Umckaloabo & mögliche Leberschädigungen finden Sie hier:

Umckaloabo wegen möglicher Leberschäden unter Kritik

(im zweiten Teil dieses Beitrages finden Sie Informationen zu Leberschädigungen durch Medikamente generell)

http://heilpflanzen-info.ch/cms/2011/08/04/umckaloabo-wegen-moglicher-leberschaden-unter-kritik.html

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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