Kürzlich ging ich hier in Winterthur in die Naturdrogerie. Auf dem Ladentisch sah ich ein Plakat, auf dem Rosmarintinktur bei Blutarmut empfohlen wurde. Ich stutzte, weil in der ganzen Phytotherapie-Fachliteratur kein Hinweis auf eine solche Wirkung von Rosmarintinktur existiert. Auf dem Schild stand ausserdem: Fragen Sie unser kompetentes Personal. Und so fragte ich nach…

„Wie wirkt denn die Rosmarintinktur genau gegen Blutarmut?“

Die Drogistin macht einen sehr überraschten Eindruck. Offenbar stellen Kunden normalerweise keine so dummen Fragen. Dann versucht sie zu erklären, dass die Rosmarintinktur die Aufnahme von Eisen in die Zelle verbessert. Immerhin, offenbar eine spontan entwickelte Idee, denn im welche Zellen Rosmarintinktur die Eisenaufnahme erhöht, kann sie nicht sagen. Und woher sie diese Idee hat, auch nicht.

Es bleibt ein grosses Fragezeichen. Eine andere Drogistin versucht mir dann zu erklären, dass ich halt zur „Schulmedizin“ müsse, wenn ich Beweise wolle. Ich habe aber keine Beweise verlangt, sondern nur nach Begründungen gefragt. Das ist nicht das selbe.

Aber ich lerne daraus: Wer in dieser Drogerie Naturheilmittel kauft, ist mit Fragen fehlt am Platz und soll einfach vertrauensvoll glauben, was der Tinkturenhersteller als Heilwirkung seiner Produkte behauptet. Hauptsache der Rubel rollt. Mit fachlicher Beratung hat das aber nichts zu tun, vielmehr ist es ein Ausdruck von Willkürlichkeit.

Meine Empfehlung: Stellen Sie Fragen, wenn Sie in Apotheken oder Drogerien Naturheilmittel kaufen. Verlangen Sie Begründungen für versprochene Wirkungen.

Versprechungen sind nämlich sehr leicht gemacht. Dafür braucht es kein Fachpersonal. Das kann ein Kiosk auch.

P.S: Hier die Anwendungsbereiche von Rosmarin, wie sie in der Phytotherapie von den Qualitätssicherungsgremien (Kommission E, ESCOP-Monografien) akzeptiert wurden:

„Rosmarinblätter

Innerlich bei dyspeptischen Beschwerden; äußerlich zur unterstützenden Therapie rheumatischer Erkrankungen; Kreislaufbeschwerden (Kommission E); zur Verbesserung der Leber- und Gallefunktion sowie bei dyspeptischen Beschwerden; äußerlich zur unterstützenden Therapie rheumatischer Erkrankungen und bei Kreislaufbeschwerden sowie als leichtes Antisepticum zur Förderung der Wundheilung (ESCOP).“

Quelle: http://www.koop-phyto.org/arzneipflanzenlexikon/rosmarin.php

Das sind also die anerkannten Anwendungsgebiete des Rosmarins.

Rosmarin ist als Gewürz und als Heilpflanze beliebt und auch geschätzt. Kritisch muss zu den oben erwähnten Anwendungsbereichen allerdings angemerkt werden, dass die Angaben ziemlich vage bleiben: Dyspeptische Beschwerden, damit sind Verdauungsbeschwerden gemeint. Aber „Verdauungsbeschwerden“ ist alles andere als präzis. Präziser und meines Erachtens auch vertretbar wäre „Blähungen“ und „Völlegefühl“.

Genauso vage ist der Begriff „Kreislaufbeschwerden“. Rosmarinöl gilt als belebend bei Hypotonie (niedriger Blutdruck).

Von einer Wirkung von Rosmarintee oder Rosmarintinktur bei Blutarmut ist in der Phytotherapie-Fachliteratur aber keine Rede.

Falls Sie an sorgfältigem Wissen über Wirkung und Anwendung von Heilpflanzen interessiert sind, finden Sie dazu meine Kurse und Lehrgänge oben über den Menüpunkt „Kurse“. Sie lernen dabei unter anderem Versprechungen von Herstellern und Verkäufern von Naturheilmitteln auf den Zahn zu fühlen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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