Die Kundenzeitschrift „Die Apotheke“ (Juli / 2014) beschreibt die Anwendungsbereiche der traditionellen Heilpflanze Augentrost (Euphrasia rostkoviana):

„Als Heilmittel hat Euphrasia allgemein eine entzündungshemmende Wirkung auf die Schleimhäute. Die Wirkstoffe weisen weiters antibakterielle Effekte auf. Neben der Anwendung bei Augenbeschwerden – bei Reizungen, Entzündungen von Augenlidrand und Bindehaut, Sehstörungen und Augenermüdung – wurde der Augentrost auch traditionell innerlich als Magenmittel, bei Husten und Heiserkeit, Heuschnupfen und Nebenhöhlenentzündung sowie äußerlich bei Hautproblemen angewandt. In der Pflanzenheilkunde wird er heute vor allem in Augentropfen und –salben verwendet.“

Quelle:

Die Apotheke, Juli 2014

http://www3.apoverlag.at/pdf/files/DA/DA-2014/DA-2014-07.pdf

Kommentar & Ergänzung:

Augentrost ist ein hübsches Pflänzchen (Foto auf Wikipedia) und ein Halbschmarotzer.

Der antiken Kräuterliteratur taucht Augentrost nicht auf, weil er in Griechenland nicht vorkommt. Erstmals sicher identifizierbar erwähnt wird die Pflanze im spätmittelalterlichen „Gart der Gesundheit“ (1485). Beachtet wurde der Augentrost vermehrt in der Renaissance auf dem Hintergrund der damals dominierenden Signaturenlehre, die von Farben und Formen der Pflanzen auf deren Wirkungen schloss.

Paracelsus (1493 – 1541) und andere sahen in der Blüte ein Auge dargestellt und schlossen daraus auf eine Wirksamkeit als Augenheilmittel: Das gelbe Zentrum als Pupille, die länglich schwarzen Striche als Wimpern. So kommt die Pflanze zu ihrem Ruf als Augenheilmittel.

Damals war noch nicht bekannt, dass die Farben und Formen der Blüten an die Insekten gerichtet sind, und nicht als Botschaft an uns. Auch war den Menschen wohl kaum bewusst, dass diese Zuschreibungen in ihren eigenen Interpretationen gründen und mit der Pflanze direkt nichts zu tun haben. Man könnte die Interpretationen jederzeit anders legen und zum Beispiel aufgrund der wimpernartigen dunklen Striche auf eine wimpernwachstumsfördernde Wirkung schliessen.

In den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts, zum Beispiel bei Hieronymus Bock oder Matthiolus, ist der Augentrost als Augenheilmittel ausführlich beschrieben. Matthiolus nennt ihn „ein Prinzipal zu den blöden und tunkeln Augen“. Das zeigt gut auf, dass die Zuschreibungen der Signaturenlehre meist ziemlich umfassend sind und nicht unterscheiden zwischen verschiedenen Augenkrankheiten. Augentrost enthält in diesen Vorstellungen einfach die Kraft für die Augen – egal um welche Augenkrankheit es gerade geht.

Diesen umfassenden Anspruch als Augenheilmittel muss man heute daher schon sehr relativieren. Empfohlen werden Umschläge und Augenbäder mit Augentrost in der traditionellen Pflanzenheilkunde noch bei leichten Bindehautentzündungen (Konjunktivitis). Belegt ist diese Wirkung nicht und die wissenschaftlich orientierte Phytotherapie lehnt die Anwendung von Umschlägen und Augenbädern mit Augentrost ab, weil sie bakteriologisch verunreinigt sein könnten und möglicherweise reizende Schwebestoffe enthalten. Ich selber denke, dass Augentrost bei leichten Bindehautentzündungen durchaus lindernd wirken könnte. Die Pflanze enthält Gerbstoffe und antimikrobiell wirkende Iridoide (Aucubin und Catalpol). Allerdings ziehe ich bei leichten Bindehautentzündungen Umschläge mit Schwarztee vor, wobei die Gerbstoffe sich aber bei der Teezubereitung nur langsam lösen. Schwarztee sollte zu diesem Zweck deshalb etwa 8 – 10 Minuten ziehen.

Für die Wirksamkeit einer Anwendung von Augentrost als Magenmittel, bei Husten und Heiserkeit, Heuschnupfen und Nebenhöhlenentzündung sowie äußerlich bei Hautproblemen, gibt es keine glaubwürdigen Hinweise.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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