Das Magazin „Focus“ befasst sich in einem Beitrag damit, welche Kartoffelsorten am gesündesten sind. Dabei spielt der Gehalt an Flavonoiden eine Rolle. Flavonoide sind eine wichtige Wirkstoffgruppe in der Phytotherapie.

Zitat:

„Ein gutes Beispiel sind Kartoffeln: Wer eine bestimmte Sorte isst, zum Beispiel die typische Ofenkartoffel Russet, erhöht dadurch seinen Blutdruck. Andere Varianten stabilisieren ihn und wieder andere senken ihn. Auch unterscheiden sich die Sorten in ihrem Gehalt an Antioxidantien, die unseren Körper vor freien Radikalen schützen. Radikale lassen die Zellen schneller Altern und fördern Krankheiten wie Krebs oder Arteriosklerose.

Je farbiger eine Kartoffel ist, egal ob innen und außen, umso mehr Antioxidantien enthält sie und umso gesünder ist sie. Wer seiner Gesundheit etwas Gutes tun will, sollte also zu blauen, violetten oder roten Kartoffeln greifen.

Und wer dann noch die Schale mit isst, erhält eine Extraportion Nährstoffe. Zudem ist die Schale reich an wertvollen Ballaststoffen. Viele Kartoffeln sind allerdings mit Pestiziden belastet, daher sind Bio-Kartoffeln besser.“

Quelle:

http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesundessen/granny-smith-gesuender-als-golden-delicious-apfel-ist-gleich-apfel-oder-etwa-nicht_id_4182915.html

Kommentar & Ergänzung:

Mir ist schleierhaft, wieso Russet-Kartoffeln den Blutdruck erhöhen sollten. Hier wären mehr Informationen nötig. Wer sagt das? Wie wurde das festgestellt? Wieviel Russet-Kartoffeln müsste man pro Tag einnehmen – und wie lange – damit sich dieser Effekt zeigt?

„Je farbiger eine Kartoffel ist, egal ob innen und außen, umso mehr Antioxidantien enthält sie und umso gesünder ist sie.“

Hier geht es um Polyphenole aus der Gruppe der Flavonoide, die in der Regel von gelber, roter oder blauer Farbe sind und antioxidativ wirken.

Blaue, violette und rote Kartoffeln verdanken ihre Farbe den Anthocyanen, einer Untergruppe der Flavonoide.

Anthocyane sind ausgezeichnete Antioxidantien, wobei allerdings eingeschränkt werden muss, dass ihre Wirkung im Labor viel stärker ausfällt als im lebenden Organismus – sie werden nämlich nur sehr beschränkt aus dem Verdauungstrakt in den Körper aufgenommen.

Reich an Anthocyanen sind bei den Gemüsen auch Auberginen (Schale) und Rotkohl. Als charakteristische Inhaltsstoffe sind sie zudem zu finden in roten und blauen Beeren, z. B. in Holunderbeere, Heidelbeere, Apfelbeere (Aronia), Himbeere, Brombeere, Preiselbeeren, Schwarze Johannisbeere, sowie in Früchten wie Kirschen, Zwetschgen und Pflaumen.

Siehe auch:

Kartoffeln: gelbe Knolle reduziert den Blutdruck 

Blaue Kartoffeln reduzieren den Blutdruck

Farbstoffe aus Heidelbeeren hemmen Entzündungen

Im Übrigen wird mir in diesem Focus-Zitat etwas allzu stark die schöne Story von den bösen freien Radikalen und den guten Antioxidantien erzählt. In einer komplexen Welt hat es immer eine gewisse Entlastungsfunktion, wenn man genau weiss, wo Gut und wo Böse „hockt“. Die Physiologie des Menschen ist aber komplexer und lässt sich nicht so einfach in ein Schwarz-Weiss-Schema pressen.

Es gibt aus der Forschung schon seit längerem Hinweise darauf, dass freie Radikale im Organismus auch wichtige Funktionen erfüllen und dass ein Zuviel an Antioxidantien schädlich sein könnte.

Siehe:

Nicht übertreiben mit Antioxidantien 

Experimente stärken Zweifel am Nutzen von Antioxidantien

Diese Einwände richten sich allerdings vor allem gegen eine übermässige Zufuhr von Antioxidantien in Form von Nahrungsergänzungsmitteln. Antioxidantien aus möglichst unterschiedlichen Quellen über die normale Ernährung zuzuführen, scheint dagegen sinnvoll zu sein.

Es ist jedoch eher unsinnig, wenn das Focus-Zitat andeutet, dass Kartoffeln dank Antioxidantien gegen Krebs und Arteriosklerose schützen.

Den Satz:

„Wer seiner Gesundheit etwas Gutes tun will, sollte also zu blauen, violetten oder roten Kartoffeln greifen.“

…würde ich daher abändern:

Wer seiner Gesundheit etwas Gutes tun will, sollte sich möglichst abwechslungsreich ernähren.

Wenn überhaupt etwas gegen Krebs und Arteriosklerose schützt, dann ist es eher Vielfalt und eine Kalorienzufuhr, die das Körpergewicht in einem gesunden Rahmen hält.

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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