Cannabis als Medizin wird in Österreich – wie zur Zeit auch in der Schweiz – weiterhin nur in Form von zugelassenen Medikamenten zur Verfügung stehen. Zu diesem Schluss kommt das Gesundheitsministerium auf der Basis eines Berichts des Obersten Sanitätsrats, der keine wissenschaftliche Evidenz für die Verschreibung von Cannabisblüten sieht.

Die Patienten in Österreich hätten mit Medikamenten wie Sativex oder Dronabinol Zugang zu zugelassenen und genau geprüften Medikamenten auf Basis der Cannabis-Inhaltsstoffe THC und CBD, die auf Wirkung und Nebenwirkungen geprüft seien. “Dieser Nachweis sei derzeit für Cannabisblüten- oder Cannabisfruchtstände nicht gegeben, hielt das Ministerium fest.

Angesichts der medizinisch-wissenschaftlichen Evidenzlage könne den strengen Richtlinien zur Arzneimittelzulassung nicht entsprochen werden könne. Alles andere seien Experimente, auf die sie sich nicht einlasse, erklärte die Gesundheitsministerin.

Die „Kleine Zeitung“ hat zu diesem Thema Stellungnahmen von Fachleuten eingeholt.

Rudolf Brenneisen, der zu den führenden Experten für die medizinische Cannabis-Anwendung zählt, spricht sich ebenfalls dafür aus, dass die Cannabis-Wirkstoffe in Form von standardisierten Medikamenten abgegeben werden: “Für jedes Arzneimittel muss die Wirkung, die Qualität und die Unbedenklichkeit nachgewiesen werden. Dazu gehört auch eine immer gleiche Konzentration des Wirkstoffs in einem Heilmittel – nur so kann auch die optimale Dosis verabreicht werden. Das ist bei Cannabisblüten aber nicht möglich, da sie von Natur aus unterschiedliche Konzentrationen des Wirkstoffs enthalten – und das sogar dann, wenn sie von derselben Pflanze stammen!“ Für die Industrie und den Apotheker seien Cannabisblüten ein ideales Rohmaterial, das zu Präparaten verarbeitet werden könne. Die Erkenntnis, dass man normierte und qualitativ abgesicherte Produkte bevorzugen sollte, setze sich auch bei Patienten durch, die sich bisher unkontrolliert selbst therapieren.

Brigitte Knopp vom Department für Pharmakognosie der Uni Wien kommt so wie der Oberste Sanitätsrat zum Schluss:

„Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass die Wirkung von Cannabisblüten besser wäre als jene der therapeutischen Reinsubstanzen.“

Der Wiener Arzt Kurt Blaas, der in seiner Praxis Patienten mit Cannabis-Produkten behandelt, sieht das hingegen anders. Die auf dem Arzneimittelmarkt zugelassenen pharmazeutischen Cannabis-Produkte bezeichnete er als “2CV”, die Patienten wollten jedoch den “Mercedes 500” in Form von Produkten aus den natürlichen Substanzgemischender Cannabisblüten oder in Form der Blüten selbst verwenden: “Es wird wohl allen klar sein, dass hundert Cannabinoide besser wirken als ein oder zwei.” 

Der Schmerzspezialist Rudolf Likar aus Kärnten sagt: “Wir brauchen THC und CBD als Medikamente in der Hand des Arztes, der das genau dosieren und verschreiben kann.” Medizinalhanf, bei dem sich die Frage stellt, wie er kultiviert worden ist und welche Wirkstoffkonzentrationen er hat, benötigt die moderne Medizin nach Ansicht von Rudolf Likar nicht.

Quelle:

https://www.kleinezeitung.at/lebensart/gesundheit/5602800/Gesundheitsministerium_Weiterhin-keine-Cannabisblueten-auf-Rezept

Kommentar & Ergänzung:

Das ist eine interessante Diskussion. Einerseits ist es tatsächlich wohl so, dass manche Patientinnen und Patienten vom Gesamtgemisch der Cannabinoide mehr profitieren oder sie besser vertragen als die isolierten Wirkstoffe THC und CBD. Mir ist es eigentlich sympatisch, wenn direkt Cannabisblüten verschrieben werden können. Ich sehe aber andererseits auch die Einwände: Cannabisblüten sind als Naturprodukt im Wirkstoffgehalt und in der Wirkstoffzusammensetzung nicht stabil, was für die Behandlung ein negativer Punkt sein kann. Bei der Herstellung von Arzneimitteln ist die gleichbleibende Wirksamkeit eine zentrale Anforderung.

In Deutschland können Ärzte und Ärztinnen seit etwa zwei Jahren Cannabisblüten verordnen. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten steigt die Zahl der Kassenrezepte inzwischen deutlich an, eine Entwicklung, die kontrovers interpretiert wird.

Der Präsident der Bundesapothekerkammer, Dr. Andreas Kiefer, deutet den Wachstumstrend als Hinweis auf den Missbrauch von Medizinalhanf. Auf einer interdisziplinären Veranstaltung sagte Kiefer, dass viele Verschreibungen nichts mehr mit rationaler Pharmakotherapie zu tun hätten, sondern eher „Spaßverordnungen“ seien. Auf derselben Veranstaltung warnte der Suchtexperte der Bundesärztekammer, Erik Bodendiek, dass Ärzte viel zu häufig von ihren Patienten unter Druck gesetzt würden, Cannabis zu verschreiben.  

Für Georg Wurth, den Chef des Deutschen Hanfverbandes, ist der steigende Trend dagegen keine Überraschung: „Allen Fachleuten sollte klar sein, dass eine ausreichende Versorgung deutscher Patienten nicht mit dem ersten Tag der Gesetzesänderung sofort erreicht werden konnte, das ist ein längerer Prozess. Aus der vorhersehbaren Steigerung der Verordnungszahlen ein besonderes Missbrauchspotenzial zu konstruieren, ist nicht seriös. Die Zahlen werden auch ohne Missbrauch weiter steigen.“ 

Quelle:

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2019/03/01/jedes-dritte-cannabisrezept-kommt-vom-hausarzt/chapter:2

 

Die Befürworter der Verschreibung von Cannabisblüten sehen in den ansteigenden Rezeptur-Zahlen eher einen Hinweis auf verbesserte Versorgung von Patienten, die bisher nicht optimal therapiert werden konnten, während  die Gegner darin Anzeichen für Missbrauch vermuten.

Cannabis ist eine wertvolle Arzneipflanze, die aber wie jede Heilpflanze ihre Grenzen hat. Und es sind dazu noch viele Fragen offen.

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