In der Phytotherapie hat Baldrian bei Schlafstörungen einen hohen Stellenwert. In der Zeitschrift für Komplementärmedizin hat Prof. Dr. Sigrun Chrubasikvon der Universität Freiburg im Breisgau eine Text publiziert zum Thema „Naturheilkundliche Behandlung von Schlafstörungen und Ängsten“ (2014/Nr. 4). Sie geht dabei auch auf Baldrian ein.

Im Folgenden dazu Zitate mit einem Kommentar von mir (kursiv):

„Einnahmeempfehlungen:

Bei leichten Schlafstörungen empfiehlt sich ein Tee aus 2–3g Baldrianwurzel, bis zu 3-mal pro Tag. Als Einschlafhilfe sollte eine Tasse  Tee eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen getrunken werden, eventuell eine zweite Tasse. Alternativ kann 1- bis 2-mal täglich eine Urtinktur versucht werden (z. B. 5–8 Tropfen Ceres Valeriana Urtinktur® pro Tag).“

Kommentar:

Natürlich kann man Baldriantee trinken. Geschmacklich ist das aber eine Herausforderung, die sich kaum jemand antut. Baldriantinktur ist in dieser Hinsicht nicht besser, aber schneller geschluckt. Die hier empfohlene Ceres Valeriana Urtinktur ist für eine Pflanzentinktur allerdings krass unterdosiert. Bei Baldriantinkturen jeder Herkunft ist eine Dosierung von einem Teelöffel eine halb Stunde vor dem Schlafengehen und allenfalls ein zweites Mal in Verlauf des Tages empfehlenswert. Der Hersteller der Ceres-Tinkturen suggeriert irreführenderweise, aber erfolgreich, dass seine Pflanzentinkturen wirksamer sind und daher tiefer dosiert werden können. Solider ist meines Erachtens die Baldriantinktur nach der Rezeptur des Schweizerischen Arzneibuchs (Pharmakopöe), die in Apotheken und Drogerien offen gekauft werden kann. Hier bekommt man eine pharmazeutisch gute Qualität zu einem sehr moderaten Preis.

Was mir in diesem Abschnitt fehlt ist der Hinweis, dass die Einahme von Baldrianpräparaten über mehrere Wochen erfolgen sollte, damit die Wirksamkeit sich voll entfalten kann. Aus klinischen Studien lässt sich nämlich schliessen, dass eine Sofortwirkung wohl eher dem Placeboeffekt zuzuschreiben ist. Damit die Präparate besser wirken als Placebo, ist eine Einnahmedauer von mindestens 14 Tagen nötig. Die fehlende Sofortwirkung vermindert das Risiko einer Abhängigkeit.

 

„Unerwünschte Wirkungen

Unter der Einnahme von Zubereitungen aus der Wurzel des Baldrians kommt es weder zu Abhängigkeit noch zu Entzugserscheinungen. Bei Einnahme zentral wirksamer Medikamente sind Wechselwirkungen nicht ausgeschlossen. Spezifische unerwünschte Ereignisse sind nicht bekannt. Beschrieben ist ein Fall nach Überdosierung mit 20g. Die Symptome Müdigkeit, Leichtigkeitsgefühl, Handtremor, Mydriasis waren benigne und verschwanden nach 24 Stunden. Acht Stunden nach Einnahme von 10ml Baldrianwurzelsirup (ent- sprechend 4 g Wurzel) war die Vigilanz nicht beeinträchtigt, es bestand kein Hang-over.“

Kommentar:

Ein grosser Vorteil pflanzlicher Schlafmittel wie Baldrian liegt tatsächlich darin, das im Gegensatz zu synthetischen Schlafmitteln Abhängigkeit, Entzugserscheinungen und Hang-over nicht zu befürchten sind. Zudem gibt es kein erhöhtes Sturzrisiko. Manchmal berichtet mir allerdings jemand in einem Kurs, dass er oder sie nach der Einnahme von Baldrianpräparaten eine paradoxe Wirkung erlebt und statt beruhigt eher aufgekratz und unruhig wird. Für dieses Phänomen gibt es bisher keine überzeugende Erklärung. Wer so reagiert, meidet Baldrian wohl am besten.

„Wirksamkeitsnachweise

Es besteht kein Zweifel daran, dass Baldrian wirkt, doch ist die Evidenz der Studienlage mäßig. Der Wirkstoff interagiert mit den GABA-, Benzodiazepin-, Barbiturat und Adenosinrezeptoren. Der genaue Wirkungsmechanismus ist jedoch noch nicht bekannt und die Wirksamkeit ist für kein Baldrianpräparat überzeugend belegt. Baldrian hemmt die Wachheit und unterstützt den Schlaf. Die Einnahmedauer ist nicht limitiert.“

Kommentar:

Hier stellt sich die Frage, wie die Autorin dazu kommt, dass an der Wirkung von Baldrian kein Zweifel besteht, wenn sie gleichzeitig die Evidenz, also die Studienlage, für mässig einschätzt.

Der Baldrianwurzelstock enthält mehrere Wirkstoffe die auf unterschiedliche Rezeptoren einwirken. Darum wird über Wirkungsmechanismen kontrovers diskutiert. Die Studienlage ist sehr unterschiedlich für die verschiedenen Arzneiformen. Für Baldriantee und Baldriantinktur gibt es keine klinischen Studien von relevanter Qualität. Solche Studien gibt es für Trockenextrakte in einer Tagesdosis von 500 – 600 mg.

Quelle der Zitate:

https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/rechtsmedizin/pdf/Schlafstörungen.pdf

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