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Mit Pflanzenheilkunde gegen Grippe?

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi29.11.2008

Die Möglichkeiten der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) beschränken sich nicht nur auf “banale” Erkältungen. Offenbar kann man sogar Grippeviren mit Heilpflanzen bekämpfen.

Influenzaviren werden mit synthetischen Neuraminidase-Hemmern bekämpft, mit Zanamivir oder Oseltamivir. Das bekannteste Produkt auf der Basis von Oseltamivir ist “Tamiflu®” von Roche.
Es gibt aber auch Heilpflanzen-Extrakte, welche das Enzym Neuraminidase in den Grippeviren wirksam hemmen. Das berichteten Wissenschaftler des Instituts für Pharmazeutische Biologie der FU Berlin auf dem Kongress “Phytopharmaka und Phytotherapie 2008”.

Ginkgo biloba hemmt Influenzaviren

Bei der Untersuchung von 25 in der Volksheilkunde beschriebenen Heilpflanzen fanden die Phytotherapeutika-Experten gut wirksame pflanzliche Auszüge. So zeigten methanolische Extrakte des bereits von den Aborigines verwendeten Eucalyptus globulus Labill., vom in der bulgarischen Volksheilkunde genutzten Geranium sanguineum (Blutroter Storchenschnabel) und von Ginkgo biloba L. eine starke Hemmaktivität gegenüber der Neuraminidase. Von den ethanolischen Auszügen hatten Extrakte aus der nepalesischen Pflanze Bergenia ligulata (Wall) Engl. sowie aus der Kapland-Pelargonie Pelargonium sidoides Dc. diese starke antivirale Eigenschaft. Unter den wässrigen Extrakten schließlich hemmte besonders stark die chinesische Arzneibuch-Pflanze Scutellaria baicalensis Georgi die Neuraminidase. Im Ganzen zeigten 23 % der untersuchten Extrakte sogar eine stärkere Neuraminidase-Hemmung als die Vergleichssubstanz Zanamivir.
Quelle: https://www.medical-tribune.de/patienten/news/23190/

Kommentar: Diese Ergebnisse sind sehr interessant, insbesondere was den Blutroten Storchenschnabel betrifft, welcher in der mitteleuropäischen Pflanzenheilkunde bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Auch betreffend Ginkgo biloba bringen die Untersuchungen der FU Berlin neue Erkenntnisse. Ginkgo gehört zwar bereits seit gut 20 Jahren zu den bedeutendsten Heilpflanzen in der Phytotherapie. Seine Hauptanwendungsgebiete sind aber Demenz und Periphere Arterielle Durchblutungsstörungen (PAVK). Darum sind die gefundenen antiviralen Effekte von Ginkgo-Extrakten eine echte Überraschung.

Laborexperimente

Erwähnt werden muss aber noch, dass es sich bei den beschriebenen Untersuchungen um Laborexperimente handelt (Enzymtest). Damit bleibt die Frage noch offen, ob die verwendeten Pflanzenextrakte auch im Organismus von Grippekranken eine vergleichbare Wirkung zeigen. Diese Präzisierung ist nötig, um nicht vorschnell überzogene Versprechungen in die Welt zu setzen.
Schwache Hemmeffekte erzielten im übrigen die Extrakte von Echinacea angustifolia (Sopnnenhut), Eleuterococcus senticosus (Taigawurzel) und Zingiber officinale (Ingwer). Diese Ergänzung fand ich in der Zeitschrift für Phytotherapie (2008; 29: 65-70).

Dieser Bericht der Medical Tribune ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Phytotherapie eben kein statisches Lehrgebäude ist, sondern sich dynamisch und vielfältig entwickelt, nicht zuletzt dank aktiver wissenschaftlicher Forschung. Neues kommt und Überholtes geht – diese kontinuierliche Erneuerung hält geistig fit und wirkt immer wieder faszinierend.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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