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Phytotherapie: Ingwer lindert Übelkeit bei Chemotherapie

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi17.05.2009

Für diesen Effekt scheinen entzündungshemmende Eigenschaften verantwortlich zu sein.

Bei einer Chemotherapie können Ingwer-Präparate die Übelkeit von Patienten deutlich bessern. In einer Doppelblindstudie linderte das Heilpflanzen-Präparat das Unwohlsein der Teilnehmenden verglichen mit einem Scheinpräparat um 40 Prozent. Wesentlich ist offenbar, dass der Ingwer bereits vor dem Start der Chemotherapie genommen wird.

Übelkeit und Erbrechen gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen von Chemotherapien. Etwa 70 % der Patienten klagen über solche Beschwerden. In der Studie untersuchten Onkologen der Universität Rochester 644 Patienten, welche mindestens drei Chemotherapie-Behandlungen hatten.

Sie erhielten zusätzlich zu den üblichen Medikamenten gegen Erbrechen drei Tage vor jeder Behandlung sowie drei Tage danach entweder Ingwer in verschiedener Dosierung oder ein Scheinpräparat. Bei Dosierungen von 0,5 bis einem Gramm Ingwer ließ die Übelkeit um 40 % nach. Studienleiterin Julie Ryan, die das Ergebnis Ende Mai auf einem Onkologenkongress in Orlando vorstellen will, führt dies auf die entzündungshemmenden Eigenschaften der Ingwer-Pflanze zurück.

Quelle: https://derstandard.at/

Kommentar: Ingwer lindert Übelkeit bei Chemotherapie

Eine erfreuliche Meldung für die Phytotherapie. Wer positiv zu Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde eingestellt ist, wird geneigt sein, solche Informationen wie ein Schwamm aufzusaugen. Wir Menschen sind allgemein sehr offen für Meldungen, welche unsere Überzeugungen bestätigen. Fakten und Ansichten, die unseren Überzeugungen in Frage stellen, haben es dagegen sehr viel schwerer.

Das ist ein Grund dafür, weshalb ein sorgfältiger und auch (selbst-)kritischer Umgang mit solchen Informationen wichtig ist, auch im Bereich von Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin.
Vom bedeutenden Aufklärer und Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) stammt der Aphorismus:

“Es wäre vielleicht alles besser, wenn man die Menschen lehrte, wie sie denken sollen und nicht ewighin, was sie denken sollen.”
(aus: Sudelbücher, F438)

Es geht also nicht nur um das “was” einer solchen Meldung, um den Inhalt. Es geht auch um das “wie”, um den Umgang damit. Zum “Wie” gehört zum Beispiel, wie man einen solchen Text in einen Zusammenhang stellen kann, wie er sich auf seine Qualität hin befragen lässt.

Diese Ingwer-Studie aus der Universität Rochester ist zwar abgeschlossen, steht aber noch ganz am Anfang ihres Weges, was die Interpretation der Ergebnisse und die Integration in den Wissensschatz der Phytotherapie anbelangt.

Wissenschaftliche Ergebnisse bekommen ihren Wert, wenn sie sich der Kritik der Fachwelt gestellt und dabei “überlebt” haben. Der Ingwer-Studie steht erst noch bevor, dass sie an einem Fachkongress vorgestellt und dabei (eventuell, aber hoffentlich) diskutiert wird. Als weiteren Schritt braucht es die Publikation der Studie mit allen wichtigen Daten und Informationen zu Aufbau, Durchführung und Auswertung der Studien in einer seriösen Fachzeitschrift. Seriös meint hier, dass unabhängige Experten vor der Veröffentlichung beurteilen, ob die Planung und Durchführung der Studie korrekt vonstatten ging.

Daraus lässt sich nun der Schluss ziehen, dass die Meldung im “Standard” zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viel Gewicht hat.
Allerdings passt das Ergebnis der Studie, nämlich die Linderung von Übelkeit bei Chemotherapie, sehr gut zum bisherigen Stand der Ingwer-Forschung. Bei Reiseübelkeit / Reisekrankheit ist Ingwer schon bisher ein gut bewährtes Phytotherapeutikum und auch bei Übelkeit in der Schwangerschaft wird er diskutiert.
Siehe dazu:

https://www.heilpflanzen-info.ch/cms/2009/02/14/ingwer-gegen-schwangerschaftserbrechen.html

Diese Kompatibilität mit dem bisherigen Forschungsstand gibt den Ergebnissen aus Rochester mehr Glaubwürdigkeit.
Trübt das Stellen von kritischen Fragen nicht die Freude an der Pflanzenheilkunde?
Das könnte meines Erachtens der Fall sein, wenn man sich blind-gläubig mit dem “Ganzen” der Pflanzenheilkunde identifiziert.

Es kann aber auch eine Quelle der Freude werden, in einem bestimmten Fachbereich wie der Phytotherapie seine Urteilsfähigkeit zu entwickeln, kompetenter zu werden und unterscheiden zu können, welche Teile davon seriös und fundiert sind, und welche weniger oder gar nicht (falls Sie an Weiterbildung oder Ausbildung in diese Richtung interessiert sind, siehe www.phytotherapie-seminare.ch).

Verabschieden muss man sich dabei allerdings von der undifferenzierten Vorstellung, die Pflanzenheilkunde sei als Ganzes wahr und wunderbar.
Die Schulung und Entwicklung der Urteilsfähigkeit scheint mir sehr wichtig, gibt es doch im Bereich von Komplementärmedizin und Naturheilkunde sehr viele Leute, die begierig und sehr einseitig nach Bestätigung für ihre Überzeugungen Ausschau halten, aber sehr verschlossen sind gegenüber Einschränkungen, Schwächen und Widersprüchen der eigenen Methoden. So kommt man aber auf einen Holzweg, der sich für Patientinnen und Patienten als riskant erweisen könnte.

Dagegen kann man eigentlich nur die Lust und Freude an der Unterscheidung und an der Entwicklung der Urteilsfähigkeit propagieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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