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Johanniskraut bei Depressionen auch als erste Therapie

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi17.11.2009

Johanniskraut wird in die S3-Leitlinie aufgenommen. Wirksamkeit und Verträglichkeit konnten im vorigen Jahr in einem Cochrane-Review belegt werden.

„Zur Behandlung einer akuten mittelgradigen depressiven Episode soll Patienten eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum angeboten werden.“ Diese Empfehlung wird in der neuen „S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie zur unipolaren Depression“ stehen. Und darüber hinaus wird die S3-Leitlinie festhalten: „Wenn bei leichten oder mittelgradigen Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden.“

Johanniskraut-Extrakte werden damit in eine Reihe mit synthetischen Antidepressiva gestellt oder ihnen sogar vorangestellt. Sie verdanken dies ihrer guten Wirksamkeit und Verträglichkeit. Beides konnte 2008 in einem Cochrane-Review nachgewiesen werden, welcher 18 placebokontrollierte und 17 verumkontrollierte klinische Studien mit Johanniskraut-Präparaten umfasste. Die Studien dauerten 1 bis 3 Monate und schlossen insgesamt fast 5500 Patienten mit „major depression“ ein.

„Die Johanniskraut-Präparate waren Placebo eindeutig überlegen“

, erklärte Professor Hans-Jürgen Möller bei einer Veranstaltung des Unternehmens Steigerwald. Sie hätten eine ähnliche Wirkung wie synthetische Standard-Antidepressiva, würden aber besser toleriert. Das zeigte sich auch an den Drop-out-Raten der Studienteilnehmer: Bei den modernen Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) waren sie zweimal, bei den älteren Antidepressiva sogar viermal so hoch wie bei Johanniskraut-Präparaten.

„Johanniskraut ist in Dosierungen für Patienten mit mittelschweren Depressionen seit April verschreibungspflichtig“, sagte der Experte aus München. „Aber nur, weil diese Patienten in ärztliche Betreuung gehören.“
Die neue S3-Leitlinie soll beim DGPPN-Kongress Ende November in Berlin präsentiert werden.

Quelle:
https://www.aerztezeitung.de

Kommentar & Ergänzung: Johanniskraut bei Depressionen auch als erste Therapie

Von allen Heilpflanzen ist Johanniskraut wohl am besten wissenschaftlich dokumentiert. Das gilt allerdings nicht für Johanniskraut als Tee oder Tinktur, sondern nur als Extrakt. Alle relevanten Studien wurden mit Johanniskrautextrakt-Präparaten gemacht. Damit ist noch nicht gesagt, dass Johanniskraut-Tee oder Johanniskraut-Tinktur keinerlei Wirkung haben. Es fehlen dazu aber jegliche Belege.
Der Sprung von Johanniskraut-Extrakten in die S3-Leitlinie ist zweifellos ein Erfolg für die Phytotherapie-Forschung.

Laut obiger Meldung auf www.aerztezeitung.de und auch laut Informationen aus der Phytotherapie-Fachpresse sind die wirksamen Johanniskraut-Präparate in Deutschland verschreibungspflichtig geworden, jedenfalls bei der Indikation “mittelschwere Depression”.

In der Schweiz sind hingegen auch bezüglich Wirksamkeit und Verträglichkeit gut belegte Johanniskraut-Extrakte erhältlich, die rezeptfrei in Apotheken gekauft werden können. Weil Drogerien solche Präparate nicht mehr verkaufen dürfen, werden dort stattdessen oft homöopathische oder spagyrische Johanniskraut-Zubereitungen empfohlen. Das ist fragwürdig. Im Sinne des Konsumentenschutzes muss dazu festgehalten werden, dass für solche Produkte jeder Beleg für eine Wirksamkeit fehlt.

Was sind S3-Leitlinien?

Leitlinien sind systematisch entwickelte Darstellungen und Empfehlungen, deren Zweck es ist, Ärzte und Patienten bei Entscheidungen über angemessene Maßnahmen der Krankenversorgung (Prävention, Diagnostik, Therapie, Nachsorge) unter spezifischen medizinischen Umständen zu unterstützen. Leitlinien werden in 3 Stufen unterteilt, wobei S3 die höchste Stufe ist. Dabei fliessen Expertenmeinung und systematisch in Studien gewonnene Erkenntnisse in die Erarbeitung mit ein. Gegenwärtig existieren 678 Leitlinien, davon 53 S3-Leitlinien.

Leitlinien geben den Stand des Wissens (Resultate von Kontrollierten Klinischen Studien und Wissen von Experten) über effektive und angemessene Krankenversorgung zum Zeitpunkt der „Drucklegung“ wieder. Als Folge der unausbleiblichen Fortschritte wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Technik braucht es daher periodische Überarbeitungen, Erneuerungen und Korrekturen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
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