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Metastudie zeigt: Alzheimer-Kranke können von Ginkgo-Extrakt profitieren

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi18.12.2008

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat seinen Abschlussbericht zu Ginkgo biloba bei Alzheimer-Demenz veröffentlicht.
Das IQWiG sieht einerseits Belege dafür, dass Ginkgo biloba in einer hohen Dosis von 240 mg Trockenextrakt pro Tag eine positive Wirkung auf die «Aktivitäten des täglichen Lebens» hat. Für niedrigere Dosierungen sei aber kein Nutzen belegt. Zudem gebe es Hinweise auf eine Verbesserung der geistigen Fähigkeiten, der psychischen Verfassung und der Lebensqualität von betreuenden Angehörigen.
“Patientinnen und Patienten mit Alzheimer-Demenz können von ginkgohaltigen Präparaten profitieren, sofern sie diese in einer hohen Dosierung einnehmen”, heißt es im Bericht des IQWiG.

Andererseits gebe es aber auch Studien, die keinen Nutzen zeigen. Letztlich bleibt deshalb für das IQWiG die Frage offen, wie groß der Effekt ist.
Das IQWiG zieht daraus den Schluss, dass die Studienlage uneinheitlich ist und weitere klinische Vergleiche notwendig seien.
Für wünschenswert hält das IQWiG unter anderem Studien, die den Ginkgo-biloba-Extrakt mit anderen Behandlungsalternativen vergleichen oder die Patientengruppen eingrenzen, die tatsächlich von Ginkgo biloba profitieren könnten.
Dabei betonte das IQWiG, dass sich seine Aussagen ausschließlich auf bereits an Alzheimer-Demenz erkrankte Menschen beziehen.
Dies im Gegensatz zur derzeit viel zitierten JAMA-Studie, an der Senioren ohne Demenz teilgenommen hatten und die dem Ginkgo-biloba-Extrakt keinen vorbeugenden Effekt bescheinigt.

Quelle: www.pharmazeutische-zeitung.de
Originalbericht des IQWiG als pdf

Kommentar: Alzheimer-Kranke können von Ginkgo-Extrakt profitieren

Um Ginkgo biloba ist in den letzten Monaten einige Verwirrung entstanden, weil die JAMA-Studie, die keinen Effekt gefunden hat, und die IQWiG-Aussagen, die eine Wirkung zumindestens in Teilbereichen bestätigt, sich scheinbar widersprechen. Dieser Widerspruch löst sich aber auf, wenn klar festgehalten wird, dass es bei der JAMA-Studie um vorbeugende Effekte ging, bei der IQWiG-Metastudie aber um therapeutische Effekte bei erkrankten Menschen.

Ich füge hier noch einige Details zum IQWiG-Bericht an, die das Verständnis und die Beurteilung erleichtern können (Quelle dieser Details: www.igwig.de):

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchten für ihren Bericht nach Studien, die für Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen maßgebliche Therapieziele untersucht haben: Sogenannte kognitive Fähigkeiten (z.B. Erinnerungsvermögen) und Alltagskompetenz (z. B. bei der Körperpflege) gehören genauso dazu wie psychische Begleiterscheinungen (z. B. Depression, krankhafte Unruhe) oder Lebensqualität. Bedingung war, dass die Behandlung der Patientinnen und Patienten mit ginkgohaltigen Medikamenten mindestens 16 Wochen dauerte.
Im Ganzen konnten 7 Studien mit knapp 1.800 Teilnehmenden in die Nutzenbewertung einbezogen werden. An den Studien hatten sehr unterschiedlich zusammengesetzte Patientengruppen teilgenommen: Alter und Geschlecht, aber auch Schweregrad der Erkrankung und psychopathologische Begleitsymptome der Teilnehmenden variierten von Studie zu Studie stark.

Die beiden aktuellsten und mit total rund 630 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch größten Studien fanden in der Ukraine statt. Das IQWiG hält dazu fest, dass diese Studien damit aus einem Versorgungskontext stammen, der sich vom deutschen stark unterscheidet. Es sei jedoch davon auszugehen, dass auch deutsche Patientinnen und Patienten von Ginkgo biloba profitieren. Der positive Effekt könnte allerdings geringer sein als in den beiden ukrainischen Studien.
Die Patientinnen und Patienten dieser beiden ukrainischen Studien, die das Ergebnis des Berichts stark beeinflussen, waren im Vergleich sehr jung, die Erkrankung war bereits stark fortgeschritten und sie litten häufig an Begleitsymptomen wie Depressionen oder krankhafter Unruhe. Nicht auszuschließen ist daher, dass nur Alzheimer-Patienten mit solchen psychopathologischen Begleiterscheinungen von Ginkgo-Präparaten profitieren.

Ukrainischen Studien

Besonders in den beiden ukrainischen Studien fand das IQWiG Belege, dass Alzheimer-Patienten alltägliche Verrichtungen leichter fallen, wenn sie Ginkgo biloba in einer hohen Dosis von 240 mg pro Tag bekommen. Auch auf ihr Erinnerungsvermögen und auf ihre psychische Verfassung könnten sich die Ginkgo-biloba-Extrakte positiv auswirken. Ausserdem scheinen Angehörige weniger emotionalen Stress aushalten zu müssen. Dafür gibt es jedoch keine Belege, sondern nur Hinweise.
Das IQWiG war im Verlauf der Berichtserstellung vorerst noch zu einem deutlich weniger positiven Resultat gekommen. Das lag daran, dass eine der beiden osteuropäischen Studien, aus denen sich besonders positive Effekte bei Alzheimer-Patienten zeigten, erst im Verlauf zugänglich wurde.

Außerdem waren die Patientinnen und Patienten der beiden osteuropäischen Studien, die das Ergebnis des Berichts stark beeinflussen, im Vergleich sehr jung, die Erkrankung war bereits weit fortgeschritten und sie litten häufig an Begleitsymptomen wie Depressionen oder krankhafter Unruhe. Nicht auszuschließen ist deshalb, dass nur Patienten mit solchen psychopathologischen Begleitsymptomen von Ginkgo-Präparaten profitieren.

Gemeinsamen Bundesausschusses

Der Bericht des IQWiG ist Teilergebnis eines umfassenden Auftrags des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Therapiemöglichkeiten für Alzheimer-Patienten zu evaluieren. Bereits im April 2007 erschien ein Abschlussbericht zu Medikamenten der Wirkstoffgruppe der Cholinesterasehemmer. Ein weiterer Teilauftrag des IQWiG zum Thema Demenz betrifft den Wirkstoff Memantin. Schließlich evaluiert das Institut auch nichtmedikamentöse Therapien. Zu den beiden letztgenannten Aufträgen existieren bereits die Vorberichte bereits vor.
Mir scheint, dieser IQWiG-Bericht zeigt wieder einmal, wie differenziert ein Thema wie die Wirksamkeit von Heilpflanzen bei bestimmten Krankheiten betrachtet werden muss.

Man kann nicht einfach generell und pauschal sagen: “Ginkgo hilft bei Demenz” oder “Ginkgo hilft nicht bei Demenz”.
Es braucht genauere Fragen und genauere Antworten:
In welcher Form wirkt Ginkgo? Trockenextrakt? Tinktur? Tee?
In welcher Dosierung wirkt Ginkgo?
Bei welchen Formen und Varianten von Demenz wirkt Ginkgo?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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