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US-Studie: Vitaminpräparate sind nutzlos in der 2. Lebenshälfte

Gesundheitliches

Avatar-FotoMartin Koradi13.02.2009

In den USA sind die Resultate der bislang größten Vitaminpillen-Studie in den Archives of internal Medicine publiziert worden.
Diesmal konnten die Wissenschaftler des Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle überprüfen, ob nicht wenigstens ältere Menschen von Vitaminzusätzen profitieren. Der Untersuchung erstreckte sich über einen Zeitraum von acht Jahren.

Insgesamt wurden 161 808 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren für die Studie erfasst.
42 Prozent dieser Frauen gaben an, dass sie regelmäßig Multivitaminpräparate einnehmen. Doch im Endeffekt hatte dies keine statistisch signifikante Wirkung auf die Anzahl der beobachteten Krebserkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen oder die frühen Todesfälle.
Schon vor dieser Untersuchung kamen mehrere Studien zum Schluss, dass Multivitaminpräparate gesunde Menschen nicht vor Krankheiten schützen können.
Die aktuelle Studie belegt jetzt, dass noch nicht einmal alte Menschen (die in körperlicher Hinsicht häufig geschwächt sind) von den Pillen der Milliardenindustrie Nutzen ziehen.
Marian Neuhouser, die Leadautorin der Studie, fasst ihre Resultate in deutliche Worte: Nährstoffe sollten aus Lebensmitteln stammen. Vollwertige Nahrungsmittel sind besser als Nahrungsergänzungsmittel.

Quelle: www.scienceblogs.de
Originalpublikation:
https://archinte.ama-assn.org/cgi/content/short/169/3/294

Kommentar: Vitaminpräparate sind nutzlos in der 2. Lebenshälfte

Die Studienergebnisse der letzten Jahre sind überdeutlich. Kaum je zeigt sich ein Nutzen von Vitaminpillen bei Menschen, die nicht einen klar definierten Vitaminmangel aufweisen. Findet doch mal eine Studie einen Nutzen solcher Nahrungsergänzungsmittel bei grundsätzlich gesunden Personen, ist der Effekt minimal und meist in Grössenordnungen, die nahe bei Zufallsergebnissen liegen.
Zu denken geben sollte zudem, dass mehrere Studien bei länger dauernder Zufuhr von Vitaminpräparaten gar negative Einflüsse auf Erkrankungsraten und Sterblichkeit zeigten. Was als gesund angepriesen wird, macht möglicherweise sogar krank. Und leert darüber hinaus noch den Geldbeutel.

Erstaunlich ist vor allem, wie wenig Einfluss diese Erkenntnisse bisher auf das Verhalten aller an diesem Vitaminboom beteiligten haben.
– Sie haben wenig Einfluss auf Apotheken und Drogerien, die solche Multivitaminprodukte mehrheitlich nach wie vor massiv propagieren. Das grenzt meiner Ansicht nach oft an Täuschung oder Betrug.
– Sie haben wenig Einfluss auf weite Kreise in der Naturheilkunde-Szene, welche Nahrungsmittelergänzungen im grossen Stil propagieren, obwohl isolierte Vitamine kaum mehr etwas mit Natur zu tun haben.
– Sie haben wenig Einfluss auf die Konsumentinnen und Konsumenten, welche den Boom der Vitaminpillen erst ermöglichen.

Bei letzterem Punkt stellt sich die Frage, warum Konsumentinnen und Konsumenten so stark auf die Versprechungen der Vitaminpropagandisten ansprechen

Mangelnde oder einseitige Information dürfte dabei eine Rolle spielen. Wir werden fortlaufend berieselt mit wundervollen Versprechungen über die Wirkungen von Vitaminpillen, weil diese Informationen den Herstellern und Verkäufern nützen und darum mit viel Aufwand zu den Verbrauchern transportiert werden. Negative oder gar warnende Hinweise bringen niemandem Gewinn. Sie haben es sehr viel schwieriger, den Weg zu den Konsumentinnen und Konsumenten zu finden.
Es gibt darüber hinaus aber meines Erachtens auch noch tiefer liegende psychologische Gründe, weshalb sich Multivitaminpräparate derart leicht verkaufen lassen.
Die meisten Menschen kennen wohl Zeiten mit diffusen Beschwerden wie Müdigkeit, Reizbarkeit oder leichten Verstimmungen. In solchen Situationen sind wir anfällig für ebenso diffuse Versprechungen. Nur schon das Gefühl, etwas dagegen getan zu haben, verschafft Erleichterung. Und weil solche Beschwerden in der Regel nach einiger Zeit von selber wieder verschwinden, ist ein “Heilerfolg” garantiert.

Moderner Ablasshandel

Ein grösserer Teil der Vitaminpräparate wird aber wohl eingesetzt, um diffuse Schuldgefühle zu lindern. Uns wird fast rund um die Uhr gepredigt, was wir alles tun müssten / sollten / könnten, damit wir gesund werden oder bleiben. Kein Mensch kann alle diese Regeln auch nur annähernd befolgen. Daraus entsteht leicht ein diffuses Schuldgefühl, verknüpft mit der Vorstellung, nicht genug getan zu haben für die eigene Gesundheit. Vitaminpillen bekommen dann eine ähnliche Funktion wie früher ein Ablass. Sie erleichtern unser Schuldgefühl.

Vitaminpillen schlucken scheint mir da allerdings eine Alibiübung. Meiner Ansicht nach sollten wir viel mehr lernen, mit diffusen Beschwerden und Schuldgefühlen anders umzugehen als mit dem Konsum von Vitaminpräparaten. Nicht-medikamentöse Massnahmen wären sinnvoller, zum Beispiel regelmässige, in den Alltag integrierte Bewegung.

Medikalisierung des Älterwerdens

Speziell an der oben beschriebenen Vitaminstudie ist ja, dass sie vor allem ältere Menschen erfasst hat. Die ältere Generation wird besonders intensiv mit Versprechungen der Vitaminpropagandisten bombardiert. Hier ist ein bedenklicher Trend zu erkennen: Älter werden ist nicht mehr nur eine Lebensphase, in der Beschwerden auftreten, die dann behandelt werden können oder müssen. Älterwerden wird bereits für sich allein zu einem behandlungsbedürftigen Zustand. Wenn das so weiter geht, kann es sich fast niemand mehr leisten, ohne Supradyn & Co. alt zu werden. Wir haben es hier mit einer Medikalisierung des Älterwerdens zu tun.
Diese Entwicklung scheint mir sehr fragwürdig und auch die Naturheilkunde sollte sich meines Erachtens genau damit auseinandersetzen, wo und wie sie bei diesem Trend mitmacht.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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