Eine geplante Hausgeburt war in einer prospektiven Kohortenstudie im Canadian Medical Association Journal (CMAJ 2009; doi: 10.1503/cmaj.081869) nicht mit einer erhöhten perinatalen Mortalität verbunden. Die Rate geburtshilflicher Interventionen war sogar deutlich tiefer.?? Die Hausgeburt ist immer wieder umstritten. Die Fachverbände in den USA, Australien und Neuseeland lehnen sie entschieden ab, während die britische Royal College of Obstetrics and Gynecology sie eher unterstützt.

Viele Gynäkologen halten eine Entbindung außerhalb der Reichweite eines ärztlichen Geburtshelfers im Fall einer Komplikation für gefährlich, während die Hebammenverbände dagegen betonen, dass kritische Situationen durch eine Vorauswahl der Schwangeren vermieden werden könnten. ??Eine wissenschaftliche Antwort in Form einer randomisierten Studie wird es wohl kaum geben, denn welche Schwangere würde sich per Losverfahren vorschreiben lassen, ob sie ihr Kind zu Hause oder in der Klinik zur Welt bringt. ?

Alle anderen Studien sind jedoch anfällig für Verzerrungen, die sich aus der gezielten Auswahl von Schwangeren mit günstigen Risiken für die Hausgeburt ergeben können. Um diesen Bias zu vermeiden, verglich Patricia Janssen von der Universität von British Columbia in Vancouver für ihre Studie die Hausgeburten nur mit Klinikgeburten bei Schwangeren, welche die Kriterien für eine Hausgeburt erfüllt hatten. Bei den Klinikgeburten wurde differenziert zwischen geplanten Klinikgeburten, die von einer Hebamme und solche, die von einem Arzt durchgeführt wurden. Die Kriterien für eine Hausgeburt umfassten:
Abwesenheit von Krankheiten der Mutter (Herz, Niere, Typ-I-Diabetes mellitus) und die Abwesenheit von Schwangerschaftsrisiken (Gestose, Blutungen, insulinpflichtiger Gestationsdiabetes, Herpes, Plazentastörungen). Zudem musste eine Einzelschwangerschaft in Kopflage vorliegen mit einem Gestationsalter von 36 bis 41 Wochen beim Einsetzen von spontanen Wehen. Als weitere Voraussetzung galt maximal ein früherer Kaiserschnitt.?? Primärer Endpunkt der Studie war die perinatale Mortalität. Sie betrug in allen drei Gruppen weniger als 1 Promille.

Die Hausgeburt gefährdete also gemäss dieser Studie das Leben des neugeborenen Kindes nicht. Auch die mütterliche Morbidität war nicht höher. ??Im Gegenteil: Postpartale Blutungen (minus 38 Prozent), Infektionen (minus 61 Prozent) und eine Pyrexie (minus 55 Prozent) traten bei den Frauen, die zuhause entbunden wurden, sogar seltener auf als bei einer durch eine Hebamme geleitete Klinikgeburt. Wenn die Geburt von einem Arzt geleitet wurde, war der Unterschied sogar noch deutlicher (minus 43 Prozent, minus 74 Prozent und minus 73 Prozent). ??Ob dies nicht doch ein Hinweis auf eine Selektion der schlechteren Risiken für eine Klinikentbindung ist, lässt sich, wie erwähnt, nicht völlig ausschließen, auch wenn ein Vergleich der Patienteneigenschaften keine Hinweise dafür liefern.??

Mütter, welche zuhause gebaren, waren deutlich seltener geburtshilflichen Interventionen ausgesetzt wie dem elektrischen fetalen Monitoring (minus 68 Prozent) oder einer assistierten vaginalen Entbindung (minus 59 Prozent). Bei diesen Frauen kam es auch seltener zu Verletzungen: Perineale Risse dritten oder vierten Grades traten zu 59 Prozent seltener auf.??Auch für die Kinder könnte die Hausgeburt möglicherweise weniger traumatisch gewesen sein: Sie mussten zu 77 Prozent seltener wiederbelebt werden und bekamen zu 63 Prozent seltener Sauerstoff in den ersten 24 Stunden. Offen beleibt dabei, ob dies Folge einer schwereren Geburt in der Klinik war oder eine durch die leichte Verfügbarkeit induzierte Übertherapie.

Quelle:
www.aerzteblatt.de

Kommentar & Ergänzung:

Diese Studie und die sorgfältige Darstellung im “Ärzteblatt” erleichtert meines Erachtens eine differenzierte Betrachtung der Frage “Hausgeburt oder Klinikgeburt”. Die Diskussion rund um diese Frage scheint mir manchmal allzu fundamentalistisch, was die Positionen unnötig verhärtet. Dann gibt es nur noch Entweder-oder:
“Hausgeburt – auf jeden Fall” versus “Nur die Klinikgeburt ist sicher”.
Dabei wäre eine optionale Haltung wünschenswert, die auf die konkrete Situation Rücksicht nimmt, auf die Wünsche und Befürchtungen der Frau und auf die medizinische Einschätzung allfälliger Risiken der jeweiligen Schwangerschaft.

Optionale Haltungen wären sowieso in vielen Bereichen wünschenswert, auch im Bereich Naturheilkunde / Komplementärmedizin. Ich höre noch viel zu oft fundamentalistische Aussagen wie “Niemals Cortison” oder “Auf keinen Fall Antibiotika”. Damit werden gewisse Optionen von vorneherein ausgeschlossen, die in bestimmten Fällen notwendig und sinnvoll sein können. Eine optionale Haltung hält sich dagegen möglichst viele Wahlmöglichkeiten offen und entscheidet sich für jene, die der jeweiligen Situation am angemessensten ist. Das kann in einer bestimmten Situation auch Cortison sein, aber nur solange es unumgänglich ist, und in einer anderen Situation eine Heilpflanzen-Anwendung. Aber mit einer solchen Aussage wird man in gewissen Kreisen ja schon zum Cortison-Propagandisten abgestempelt………darum sei schon mal prophylaktisch festgehalten: Ich bin vollkommen Pharma-Aktien-frei!

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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