Die Medical Tribune berichtete kürzlich über eine Studie, bei welcher der Einfluss von ätherischen Ölen als Einreibung gegen Schmerzen untersucht wurde.
Hier eine bearbeitete Zusammenfassung:

Am Brüderkrankenhaus St. Josef in Paderborn wurde die Wirkung der Aromatherapie jetzt in einer Studie untersucht. 50 Patienten mit multilokulärem Schmerzsyndrom (Ausdehnung des Schmerzes auf benachbarte Körpergebiete), die ihre Schmerzmitteldosis in der Klinik vermindern sollten, durften sich begleitend mit Öl einreiben lassen. Dieses Angebot war voller Erfolg, denn 75 % der Kranken erreichten so eine Schmerzreduktion. Als speziell erfolgreich zeigte sich die Kombination von Lavendelöl, Eisenhut und Kampfer. Zweimal pro Tag auf die peinigenden Areale aufgetragen, erreichte das aromatische Öl eine mittlere Schmerzverminderung um 4-6 Punkte auf der numerischen Rang-Skala (NRS), während die Mischung von Johanniskrautöl, Cajeputöl, Rosmarinöl, Cineol und Lavendelöl 2-3 Punkte erzielte. Die Patienten standen der Behandlung durchweg positiv gegenüber, berichteten das Team um Eveline Löseke vom Schmerzzentrum der Klinik auf dem Deutschen Schmerzkongress.

Quelle:
http://www.medical-tribune.de

Kommentar & Ergänzung:

In dieser Studie werden natürlich nicht nur Wirkungen von ätherischen Ölen gemessen, sondern auch die Wirkung des Einreiben-lassens. Das mindert nicht den Wert dieser Massnahme. Im Gegenteil: Es ist eine Stärke mancher Heilpflanzen-Anwendungen, dass mit ihnen auch Zuwendung “verabreicht” wird.

Bei den Bestandteilen der verwendeten Einreibemitteln fällt vor allem der Eisenhut aus dem Rahmen. Blauer Eisenhut (Aconitum napellus) gehört zu den stärksten Giftpflanzen Mitteleuropas. Er enthält das Alkaloid Aconitin. Dietrich Frohne schreibt dazu in seinem Heilpflanzenlexikon (2006):

“Auf der Haut appliziert, erzeugt Aconitin vorübergehende Erregung mit Wärme, Brennen und Jucken, dann Lähmungen der sensiblen Nervenendigungen, wirkt also lokalanästhetisch. Die analgetische Wirkung, insbesondere bei Trigeminusneuralgie, ist schon bei niedriger Dosierung gegeben; trotzdem ist wegen geringer therapeutischer Breite die Verwendung von Aconitin nicht mehr zu vertreten.”
(mehr Infos zum “Heilpflanzenlexikon” von Dietrich Frohne im Buchshop)

Mit “therapeutischer Breite” ist der Abstand zwischen therapeutischer und toxischer Dosis gemeint, der beim Aconitin also klein ist. Therapeutische und toxische Dosis liegen nahe beieinander. Stoffe mit geringer therapeutischer Breite sind daher nicht einfach zu handhaben. Darum wäre es bei diesem Bericht aus der Medical Tribune wichtig zu wissen, in welcher Form und Dosierung Eisenhut zur Anwendung kam. In einer phytotherapeutischen Form würde ich – wie Dietrich Frohne es empfiehlt – von Eisenhut bzw. Aconitin die Finger lassen. Handelt es sich um eine homöopathisch verdünnte Zubereitung, kommt es auf den Grad der Verdünnung an. Bei hohen Verdünnungsgraden wird Aconitin nur noch in Spuren oder gar nicht mehr vorhanden sein, so dass mit stofflichen Wirkungen nicht mehr gerechnet werden muss. In diesen Bereichen ist aber auch die analgetische (= schmerzstillende) Wirkung nicht dokumentiert. Bei tiefen homöopathischen Verdünnungsgraden kann es dagegen zu Aconitin-Wirkungen kommen, was infolge kleiner therapeutischer Breite wiederum nicht unproblematisch ist….

Klarer fassbar sind die verwendeten ätherischen Öle:

Lavendelöl wirkt beruhigend, Rosmarinöl und Kampfer dagegen eher anregend, belebend (= analeptisch). Somit könnte man ein solches Einreibemittel je nach Bedarf eher mit beruhigendem oder eher mit belebend-anregendem Effekt komponieren.

Cineol ist unter anderem Hauptbestandteil von Eukalyptusöl, zudem aber auch in anderen ätherischen Ölen enthalten wie Teebaumöl, Cardamomöl, Campherbaumöl.
Cineol wirkt antiseptisch sowie auswurffördernd und schleimverflüssigend bei Husten. Wegen seiner schwach hautreizenden Wirkung wird es als Bestandteil von Einreibemitteln bei rheumatischen Beschwerden verwendet.

Cajeputöl (von Melaleuca leucadendra, Kajeputbaum) enthält als Hauptkomponente mehr als 50% Cineol und wirkt hyperämisierend (durchblutungsfördernd).

Johannisöl als fettes Öl dürfte in diesem Einreibemittel vor allem als Träger für die ätherischen Öle fungieren. Eigenartigerweise ist für die erste Kombination kein solches Trägeröl erwähnt.

Alles in allem werden für diese Einreibungen durchaus sinnvolle ätherische Öle verwendet. Es scheint mir aber auch klar, dass punkto Zusammensetzung verschiedenste ätherische Öle in Frage kommen und dass dabei innerhalb eines gewissen Rahmens die Wünsche, Vorlieben und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden können.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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