Mediziner und Patienten sollten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen, denn diese beruhten häufig auf Studien, die eine auf Gewinn ausgerichtete Pharmaindustrie gesponsert hat. So lautete die Botschaft einer Veranstaltung des Österreichischen Hausärzteverbandes mit dem Titel “Medizinische Erkenntnisse – erforscht oder erkauft?” am 11. Mai 2010 in Wien.

Am Beispiel der Schweinegrippe-Impfung, eines Präparates gegen Rheumatoide Arthritis und diverser Onkologika (Krebsmedikamente) zeigte die Expertin Claudia Wild, Direktorin des Ludwig Boltzmann Institutes für Health Technology Assessment, fragwürdige Praktiken im Gesundheitsmarkt auf. Die Pharmaindustrie stelle immer weniger wirklich innovative Produkte her, während gleichzeitig zahlreiche alte Patente auslaufen. Darum würden beispielweise große Anstrengungen unternommen, um Generika zu desavouieren.

Scheinbare Unabhängigkeit

“Während die klassischen Pharmareferenten immer weniger werden, investiert die Industrie in Lobbying und Awareness-Strategien über die Medien”, stellte Wild fest. So würden von Pharmafirmen unter verschiedenen Namen, die wissenschaftliche Unabhängigkeit suggerieren (wie etwa “The European Scientific Working group on Influenza” – ESWI), Initiativen gestartet, die mit Workshops und Konferenzen sowie darauf folgenden Veröffentlichungen Stimmung bei Medien und Politik dafür machen, dass man gewisse Krankheiten dringend mit bestimmten Methoden oder Medikamenten bekämpfen müsse, etwa die drohende Schweinegrippe durch eine entsprechende Impfung.

Claudia Wild wies auf Systemmängel hin: “Wenn jene, die Impfstoffe entwickeln, auch die Forschung über deren Wirksamkeit finanzieren und gar noch in den Gremien über deren Einsatz entscheiden, entsteht ein unakzeptabler Interessenkonflikt.”

Sorge wegen Leitlinien

Die Hausärzte warnen vor einer ökonomisch motivierten “Integrierten Versorgung” mit standardisierten Diagnosestraßen und Behandlungen – dies gehe zu Lasten des individuellen Bemühens um den Patienten. Der Chef des Hausärzteverbandes, Christian Euler, und seine Kollegen lehnen strenge Leitlinien deshalb ab: “Rahmenbedingungen können so eng werden, dass im Rahmen kein Platz mehr ist.” Susanne Rabady von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin setzte sich für Leitlinien und Standards ein, doch dürften daraus nicht “starre Schemata” werden.

Michael Wendler, Leiter einer Lehrpraxis in Graz, will zurück zu einer Medizin, welche den Patienten als Partner und nicht als Objekt sieht. Der Ärztenachwuchs solle zu mehr Kritikfähigkeit ausgebildet werden. Er müsse häufig Gespräche mit Patienten führen, die ihr medizinisches Wissen aus dem Internet beziehen, erklärte Wendler. Er rate dann meist: “Erst gurgeln, dann googeln.”

Quelle:

http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=4109&Alias=wzo&cob=493144

Printausgabe vom Freitag, 14. Mai 2010
Online seit: Donnerstag, 13. Mai 2010

Kommentar & Ergänzung:

Sehr einverstanden bin ich mit der Empfehlung, dass Mediziner und Patienten die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritischer hinterfragen sollen. Kann alles in dieser Meldung dreifach unterstreichen.

Zur Ökonomisierung der Medizin schreibt Urs P. Gasche im Tages-Anzeiger (31. 5. 2010):

„Ob jemand besonders viele Medikamente verschrieben bekommt oder eine Knieprothese erhält, ob einer Frau die Gebärmutter entfernt oder einem Mann die Gallenblase operiert  wird, hängt weniger vom Zustand der Patienten ab als davon, ob es in der Gegend viele Spezialärzte gibt. Computertomografien zu diagnostischen Zwecken ordnen Ärzte in der Waadt trotz der enormen Strahlenbelastung fast doppelt so häufig an wie ihre St. Galler Kollegen. Untersuchungen mit Herzkatheter, ebenfalls risikobehaftet, machen Waadtländer Ärzte 80 % häufiger. Trotzdem sterben die Waadtländer nicht weniger oft an Herzleiden. Für solche Überbehandlungen gibt es keine medizinischen Erklärungen. Die Risiken aber tragen stets die Patienten.“

Ich würde die Forderung des Österreichischen Hausärzteverbandes  allerdings nicht einseitig auf die Medizin beschränken. Auch im Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde braucht es mehr kritisches Denken.

Bei einem sehr grossen Teil der Naturheilmittel, die in Apotheken und Drogerien verkauft werden, fehlt einfach jeder Hinweis darauf, dass sie – von Placebo-Effekten abgesehen – eine Wirkung haben. Es stellen sich hier Fragen bezüglich Ethik und bezüglich Konsumentenschutz.

Und es gibt auch im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde eine unübersehbare Tendenz zur Medikalisierung: Den Menschen werden Störungen eingeredet, um sie anschliessend zu therapieren.

Während aber in der Medizin immer wieder auch eine kritische Diskussion von Fehlentwicklungen und Auswüchsen stattfindet– die Veranstaltung des Östereichischen Hausärzteverbandes ist dafür ein Beispiel – fehlt eine solche Auseinandersetzung im Bereich Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde fast vollständig. Hier herrscht meiner Erfahrung nach  über weite Strecken eine naive Gläubigkeit, die ich ziemlich erschreckend finde.

Wenn der Bereich von Komplementärmedizin / Alternativmedizin / Naturheilkunde einen fundierten, seriösen Boden finden soll, braucht es meiner Ansicht nach vielmehr sorgfältige, selbstkritische Prüfung von Aussagen und Versprechungen und sehr viel mehr Auseinandersetzung mit den Grenzen der eigenen Heilmethode.

Die Kategorie „Naturheilkunde-Debatte“ in diesem Pflanzenheilkunde-Blog ist ein Versuch, diese Fragen zu thematisieren.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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