Vor kurzem wurde ich von einer Journalistin gefragt, weshalb sich in Europa Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) so stark verbreitet hat, Traditionelle Afrikanische Medizin aber kaum.

Für dieses Phänomen gibt es wohl zahlreiche Gründe. Hier mein Antwortversuch:

Die traditionelle afrikanische Heilkunde ist höchstwahrscheinlich die älteste und vermutlich die vielfältigste aller Therapieformen. Weil die Menschheit aus Afrika kommt, ist die hohe biologische und kulturelle Diversivität Afrikas eigentlich nicht erstaunlich. Nur schon südlich der Sahara sind etwa 2000 Sprachen bekannt und auch die Therapiesysteme zeigen grosse regionale Unterschiede. Das erschwert aber auch die Erforschung dieser Heilsysteme, die nur sehr lückenhaft dokumentiert sind. Traditionellerweise wird solches Wissen mündlich weitergegeben – hauptsächlich wohl in einer Art von “Lehrbeziehung” zwischen HeilerIn und SchülerIn.

Das sind sehr schlechte Voraussetzungen für die Lehr- und Lernbarkeit in westlichen Ausbildungssystemen und damit für die Exportfähigkeit dieses Wissens.

Ganz anders sieht es bei der chinesischen Medizin aus:

Die theoretischen Grundzüge der traditionellen chinesischen Medizin sind soziomorph, das heisst, sie wurden abgeleitet aus der damaligen Gesellschaftsstruktur, konkret aus dem chinesischen Kaiserreich.  Sie sind seit der Han-Dynastie vor zwei Jahrtausenden in allen Einzelheiten schriftlich belegt.

Das sind potenziell gute Voraussetzungen für Lehr- und Lernbarkeit und für eine Weiterverbreitung über grössere Distanzen.

Dazu kommen aber noch zwei weitere Faktoren:

– Zwischen 1950 und 1975 haben chinesische Kommissionen das Ideengebäude der alten chinesischen Medizin vollkommen entkernt und vollständig neu von innen aufgebaut. Anstelle des vielgestaltigen, zum Teil verwirrenden Gebäudes ist ein leichter handhabbarer Neubau entstanden. Das typische altchinesische Sowohl-als-auch wurde zum grossen Teil ersetzt durch modern-westliches Entweder-oder-Denken. Auf dieser Basis wurde bewusst ein Exportprodukt geschaffen, das mit westlichen Bedürfnissen und Ängsten kompatibel ist. Beispielsweise wurde die für altchinesische Medizintexte typische Kriegsrhetorik weitgehend eliminiert. Die Kämpfe zwischen Heilmittel und Krankheit bzw. zwischen verschiedenen Parteien im Organismus – soziomorph abgeleitet aus den Kriegen im Kaiserreich – wären kaum kompatibel mit den Vorstellungen der westlichen “Naturheilszene” von der sanften chinesischen Medizin.

Was wir heute in Europa als TCM kennen, ist also ein ziemliches Kunstprodukt und als solches wohl kaum älter als 50 Jahre. Aber im Gegensatz zur traditionellen afrikanischen Medizin ist TCM ein perfektes Exportprodukt, weil es an westliche Bedürfnisse angepasst wurde.

Im Detail beschreibt das übrigens der Sinologe und Medizinhistoriker Paul U. Unschuld in “Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst” (Beck Verlag 2003) und “Chinesische Medizin” (Beck Wissen 2003).

– Dieses Exportprodukt hat sich nicht zuletzt deshalb so erfolgreich durchgesetzt in Europa, weil es den Bedürfnissen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gut entspricht. Es bietet zum Beispiel einen Bezug auf das Ganze, auf den ganzen Menschen und auf den Kosmos. Das ist eine Einbettung und Sinngebung, die heute viele Menschen im Westen vermissen und welche die heutige Medizin nicht bietet (nicht bieten kann und m. E. auch nicht bieten soll). Als zusätzliches fakultatives “Wahlprogramm” ist diese Sinngebung attraktiv, als dominierendes Programm wäre es wohl ziemlich problematisch, weil diese Sinngebung und Einbettung unser westliches Autonomieverständnis arg ankratzen würde.

P.S. Das Buch „Was ist Medizin? Westliche und östliche Wege der Heilkunst“ ist im Buchshop im Abschnitt „Medizingeschichte“ erhältlich.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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