Spagyrische Heilmittel erleben gerade einen Boom. Das hat allerdings mehr mit arzneimittelrechtlichen, marketingbedingten und gesellschaftlichen Faktoren zu tun als mit dokumentierter Wirksamkeit. Über die Grundlagen der historisch und philosophisch ausserordentlich interessante Spagyrik weiss allerdings nur eine kleine Minderheit der Anwenderinnen und Anwender Bescheid. Hier darum eine gekürzte Zusammenfassung aus Wikipedia und im Anschluss daran einen ergänzenden Kommentar.

Herstellung

Mit Spagyrik (aus dem Griechischen spao „(heraus)ziehen, trennen“ und ageiro „vereinigen, zusammenführen“) wird die pharmazeutische und therapeutische Umsetzung der Alchemie gemeint. Dabei werden pflanzliche, mineralische und tierische Ausgangssubstanzen mit Hilfe chemischer Verfahrenstechniken, welche als typisch für die alchemistische Verfahrensweise gelten, zu Spagyrika (Einzahl: Spagyrikum) verarbeitet. Ein zentraler Bestandteil der spagyrischen Arzneimittelherstellung ist die Destillation. Sie kommt außer in ihrer einfachen Form auch in speziellen Ausführungen wie der „Zirkulation“ (Form der Rückflussdestillation) oder der so gennannten „Kohobation“ (Mehrfachdestillation) zur Anwendung. Voran geht im Allgemeinen ein „Aufschluss“ der Materie, etwa durch Mazeration – auch unter Wärme („Digestion“), der bei biogenen Ausgangsstoffen häufig unter Einwirkung von Fäulnis oder Gärung begleitet abläuft. Ein ebenfalls wesentlicher Vorgang ist die „Calcination“, worunter die Trocknung oder Veraschung des Destillationsrückstands verstanden wird. Die Verfahrensschritte konzentrieren sich aufgrund der alchemistischen Weltanschauung auf die Abtrennung des „Wesentlichen“ von seiner stofflichen Erscheinung. Am Ende des Prozesses steht die Zusammenführung der Zwischenstufen („Konjugation“) zur „Quintessenz“, der spezielle Heilkräfte zugeschrieben werden.

Heute werden auch verschiedene Heilsysteme zusammenfassend mit dem Ausdruck Spagyrik bezeichnet. Das therapeutische Ziel ist die günstige Beeinflussung einer imaginären „Lebenskraft“ und damit die Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Organismus. Der theoretische Hintergrund unterscheidet sich bei den unterschiedlichen spagyrischen Richtungen.

Als Grundlage fungieren Vorstellungen aus der antiken Naturphilosophie (z. B. „Elementenlehre“), der Signaturenlehre sowie Vorstellungen aus der Humoralpathologie (antike Säftelehre).

Für Spagyrika konnten bisher weder Daten zur Wirksamkeit über eine Placebowirkung hinaus, noch eine einleuchtende Wirkungshypothese erbracht werden. Auch die Stiftung Warentest kommt zum Schluss, dass die therapeutische Wirksamkeit für kein Anwendungsgebiet belegt sei.

Geschichte der Spagyrik

Die Arzneimittelherstellung und Behandlung nach den weltanschaulichen und praktischen Grundsätzen der Alchemie geht auf Theophrastus von Hohenheim (1493-1541), genannt Paracelsus, zurück. Von Paracelsus ist der erstmalige Gebrauch des Ausdrucks Spagyrik überliefert, die er in einer Ermahnung an Ärzte mit der Alchemie gleich setzte:

„Darumb so lern alchimiam die sonst spagyria heisst, die lehret das falsch scheiden von dem gerechten.“

Mit der Produktion von Arzneimitteln mittels alchemischer Verfahren grenzte Paracelsus sein Heilsystem von der damals verbreiteten „galenischen“ Medizin (Humoralpathologie) ab. Die therapeutische Anwendung der Spagyik wurde vor dem Hintergrund der alchemistischen Philosophie und damit der alchemistischen Sicht des Menschen und seiner Umwelt durchgeführt. Dazu zählte die Vorstellung von den Entien, den vier Elementen, den philosophischen Prinzipien, den Astra, dem Archaeus, der Mumia, den Virtutes, dem Tartarus.

Iatrochemie (16. und frühes 17. Jahrhundert)

Angeregt durch die auf Paracelsus gründende Spagyrik entstand die Iatrochemie oder Chemiatrie. Sie fand in der Folgezeit spezielle Beachtung beim Adel und zu Hofe. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel richtete 1609 in Marburg den weltweit ersten Lehrstuhl für Chemiatrie ein und besetzte diesen mit Johannes Hartmann. Ein weiterer Iatrochemiker war Johann Rudolph Glauber (von dem das „Glaubersalz“, ein salinisches Abführmittel, seinen Namen hat, M.K.).

Die Iatrochemie verlor Ende des 17. Jahrhundert an Bedeutung und erlebte im 19. Jahrhundert in Form weiterer Heilsysteme einen Wiederaufschwung.

Spagyrische Heilsysteme im 19. Jahrhundert

– Erfahrungsheillehre von Johann Gottlieb Rademacher

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte Johann Gottlieb Rademacher (1752-1850) basierend auf den Lehren der „scheidekünstigen Ärzte“ seine Erfahrungsheillehre.

– Elektrohomöopathie des Cesare Mattei

Die von dem italienischen Politiker und Heiler Cesare Mattei (1809-1896) verwendeten Mittel, welche er in der Ausübung der von ihm begründeten Elektrohomöopathie einsetzte, sollen auf spagyrisch aufbereiteten pflanzlichen Substanzen beruhen, was jedoch nicht belegt ist. Später entstand dann in Abwandlung der Elektrohomöopathie durch den Homöopathen Theodor Krauß (1864-1924) in Zusammenarbeit mit dem Apotheker Johannes Sonntag (1863-1945) aus Regensburg die JSO-Komplex-Heilweise nach Krauß, auch JSO-Spagirik genannt.

– Heilsystem nach Dr. Zimpel

Der schlesische Eisenbahningenieur Carl-Friedrich Zimpel (1801-1879) entwickelte ab dem Jahre 1868 das nach ihm benannte Heilsystem, nachdem er in Italien Cesare Mattei kennengelernt hatte. Zimpel verwendete neben den „Spagyrischen Pflanzenmitteln“ auch die sogenannten „Elektrizitätsmittel“ und weitere, nicht ausschließlich spagyrisch hergestellte Mittel („Arcana“). Er hielt die Destillation für einen zentralen Herstellungsschritt und glaubte, durch ausdauernde Destillationsvorgänge die arzneiliche Wirkung seiner Mittel speziell zu verstärken. Die heute angebotenen und mit dem Namen Zimpels bezeichneten Spagyrika werden allerdings nicht nach der original Zimpelschen Herstellungsmethode produziert. Sie gehen wahrscheinlich auf die Vorschriften von Glauber zurück. Im Gegensatz zu den Zubereitungen, welche nach der original Zimpelschen Produktionsmethode hergestellt wurden, enthalten sie keine Wirkstoffe mehr. In den Produkten sind nur die wasserdampfflüchtigen Inhaltsstoffe sowie die löslichen Mineralsalze aus der Pflanze enthalten. Eine medizinische pharmakologische Wirkung ist deshalb nicht denkbar.

Spagyrische Arzneimittel im 20./21. Jahrhundert

Bekannte Vertreter der Spagyrik des 20. Jahrhunderts sind etwa Johann Conrad Glückselig (1864-1934), Alexander von Bernus (1880-1965), Walter Strathmeyer (1899-1969) und Frater Albertus (bürgerlicher Name Albert Riedel, 1911-1984).

(Zwischenbemerkung: Strathmeyer erntwickelte 1948 das Stärkungsmittel „Bio-Strath“, heute „Strath“, ein Produkt auf Hefebasis, M.K.)

In der Gegenwart wurden und werden Spagyrika hauptsächlich als Fertigarzneimittel von verschiedenen Firmen produziert, es sind dies Präparate zum Beispiel der folgenden Richtungen:

– Spagyrik nach Bernus (Laboratorium Soluna Heilmittel GmbH, Donauwörth) nach Alexander von Bernus

– Spagyrik nach Glückselig (Phönix Laboratorium GmbH, Bondorf; Heidak AG, Emmenbrücke) nach Conrad Johann Glückselig.

– Spagyrik nach Heinz (HSI-Spagyrik Institut, Braunschweig) nach Ulrich-Jürgen Heinz

– Spagyrik nach Krauß (ISO Arzneimittel, Ettlingen) nach Theodor Krauß und Johann Sonntag

Spagyrik nach Pekana (Pekana Naturheilmittel, Kißlegg) nach Peter Beyersdorff

– Spagyrik nach Strathmeyer (Strath-Labor, Donaustauf) nach Walter Strathmeyer

– Spagyrik nach Zimpel (Staufen-Pharma GmbH & Co. KG, Göppingen; Lemasor GmbH, Püttlingen; Phylak Sachsen GmbH, Burgneudorf; Heidak AG, Emmenbrücke) Verfahren irreführender Weise benannt nach Carl Friedrich Zimpel; Produktion der Präparate orientiert sich wahrscheinlich an den Vorschriften von Johann Rudolph Glauber.

Die angewendeten Verfahren unterscheiden sich in den einzelnen Produktionsschritten deutlich voneinander. Sechs Verfahren (Krauß, Pekana, Strathmeyer, Zimpel, Glückselig, von Bernus) sind im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) als standardisierte Herstellungvorschriften aufgeführt. Die nach dem HAB produzierten Fertigarzneimittel werden rechtlich wie homöopathische Arzneimittel behandelt: ihr Inverkehrbringen bedarf der behördlichen Genehmigung (Zulassung, Registrierung), an die Produktionsbedingungen gelten strenge Anforderungen.

Quelle: Wikipedia (Literaturangaben dort)

Kommentar & Ergänzung:

Der Aufschwung von spagyrischen Präparaten in den letzen Jahren dürfte vor allem kommerzielle und rechtliche Gründe haben. Da Spagyrik-Präparate rechtlich wie homöopathische Arzneimittel behandelt werden, dürfen sie wie diese ohne Wirksamkeitsnachweis verkauft werden.

Darum ist es zum Beispiel sehr viel einfacher, Spagyrika in Verkehr zu bringen als Phytotherapeutika, bei denen Wirksamkeitsbelege gefordert werden.

Dementsprechend sind allerdings auch die Wirksamkeitsbelege für Spagyrik-Tinkturen äusserst dürftig.

Ein grosses Problem liegt meines Erachtens zudem darin, dass oft unbesehen Wirkungen, die bei phytotherapeutischen Präparaten dokumentiert wurden (weil Phytotherapeutika eben wie schon erwähnt Wirkungsnachweise bringen müssen), auf Spagyrika aus der gleichen Heilpflanze übertragen werden. Das ist unzulässig, weil Spagyrika, falls sie wirksam sein sollten, durch ihr anderes Herstellungsverfahren zwangsläufig auch anders wirken müssten.

Die Spagyrik müsste die Wirksamkeit ihrer Präparate selber dokumentieren und glaubhaft belegen. Bisher gibt es hier aber vor allem anekdotenhafte Einzelfallgeschichten, die kaum brauchbares aussagen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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