Ärzte sollen in Zukunft kein Geld mehr für Beobachtungsstudien von Pharmafirmen erhalten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat vor kurzem den Gesetzgeber zu strengeren Regeln aufgefordert. «Es kann nicht sein, dass ein Arzt für das Ausfüllen eines Anwendungsbogens 1000 Euro bekommt», hielt der KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller dazu fest. «Wir wollen, dass die Ärzte von der Pharmaindustrie abgenabelt werden.» Nach neuestem Stand gab es zuletzt mehr als 300 solcher Beobachtungsstudien, an denen sich Mediziner mehr als 80 000 Mal beteiligt hatten.

Die Ärzte beobachten die Wirkung neuer Medikamente nach ihrer Zulassung an den Patienten, häufig ohne deren Wissen. Die Pharmahersteller zahlen den Ärzten dafür pro Patient 10 bis 1000 Euro. Kritiker bemängeln, die Studien hätten wenig Wert und dienten hauptsächlich dazu, die Verbreitung des Medikaments zu fördern. Bei solchen Beobachtungsstudien gelten lediglich die Regeln der Selbstverpflichtung, die sich die Pharmafirmen selbst auferlegt haben.

Carl-Heinz Müller gibt zwar zu, dass diese Anwendungsbeobachtungen nötig seien. «Aber der Gesetzgeber muss sie schärfer regeln.» Entschädigungen müssten im Verhältnis zum Aufwand stehen, nicht zum Verkaufspreis des Medikaments. «Teilnehmende Ärzte müssen transparent gemeldet werden.» Patienten sollten ihr Einverständnis erteilen müssen. Für die Pharmaindustrie forderte Müller eine Pflicht zur Publikation der Resultate. «Bislang verschwinden sie bisweilen in der Schublade, wenn sie negativ ausfallen.»

Quelle:

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=nachrichten&Nachricht_ID=39627&Nachricht_Title=Nachrichten_%C4rzte+fordern+unabh%E4ngige+Pharmaforschung&type=0

Kommentar & Ergänzung:

Beobachtungsstudien werden sehr oft hauptsächlich für Marketingzwecke genutzt. Dann heisst es: „Wissenschaftliche Studien haben die Wirksamkeit von Präparat X. gezeigt…“

Wer nur oberflächlich liest und nicht die nötigen Kenntnisse hat, lässt sich von solchen Formulierungen nicht selten beeindrucken. Dass es wissenschaftliche Studien mit sehr unterschiedlicher Aussagekraft gibt, ist leider zuwenig bekannt.

Und Beobachtungsstudien sind nur von begrenzter Aussagekraft.

Das gilt im Übrigen auch für viele Studien in den Bereichen Komplementärmedizin und Phytotherapie.

Da wird dann beispielsweise ein Wasserdost-Präparat an Säuglingen, Kindern und Jugendlichen mit Erkältung getestet. Und oh Wunder:

Fieber, Husten, Schnupfen, Halsschmerzen sowie Kopfschmerzen und Gliederschmerzen besserten sich in dieser Studie nach durchschnittlich 7 Tagen deutlich. Alle Besserungsraten lagen über 50 Prozent und beim Fieber waren es sogar über 90 Prozent.

Solche Besserungsraten erziele ich auch, wenn ich einfach auf die Selbstheilungskräfte vertraue und gar nix einnehme. So unüblich ist es jedenfalls nicht, dass Fieber nach durchschnittlich 7 Tagen zurückgegangen ist.

Mehr dazu hier:

Wasserdost-Präparat gegen Erkältung getestet

Man findet diesen Forschungsansatz auch häufig in der Homöopathie-Forschung, zum Beispiel in der grossen Studie von Prof. Claudia Witt  (Charité Berlin). Hier handelt es sich um eine sogenannte Outcome-Studie:

„Die bisher größte Outcome-Studie zur Homöopathie hat C. Witt vorgelegt. Fast 4000 Patienten (davon über 1000 Kinder), die jeweils bei einem von über 100 ambulant praktizierenden klassischen Homöopathen behandelt wurden, wurden über zwei Jahre lang regelmäßig hinsichtlich ihres Gesundheitszustands und ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität befragt. In allen Aspekten der Lebensqualität konnten klinisch relevante und statistisch signifikante Verbesserungen nachgewiesen werden. Im körperlichen Bereich erreichten die meist chronisch erkrankten Patienten eine Lebensqualität, die der deutschen Normbevölkerung entspricht.“

Quelle: http://www.carstens-stiftung.de/eigene/fa/stand/stand_der_forschung_homoeopathie_07MAR06.pdf

Das Problem auch hier: Nach einer gewissen Zeit (Selbstheilungskräfte) und intensiver Betreuung geht es den meisten Patienten und Patientinnen besser, unabhängig von der eingesetzten Methode. In der Presse wird die Studie, die möglicherweise einen unspezifischen Effekt misst,  dann aber undifferenziert als Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie dargestellt, was sie jedoch nicht sein kann. Kontrollierte Studien kommen zu sehr viel kritischeren Ergebnissen.

Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, haben qualitativ hoch stehende Studien eine Kontrollgruppe mit einer Placebobehandlung. Erst aus dem Unterschied zwischen dem zu prüfenden Präparat und dem Placebopräparat kann man sehen, ob ein Medikament für sich selber eine Wirkung entfaltet – oder ob sich ein beobachteter Effekt aus Placebowirkung und Selbstheilung  zusammensetzt.

Auch in der Wirksamkeits-Forschung in den Bereichen Komplementärmedizin und Phytotherapie muss deshalb meines Erachtens auf kontrollierte Doppelblind-Studien als „Gold—Standard“ focussiert werden.

Sollen also nur noch Heilmittel angewendet werden, deren Wirksamkeit durch Doppelblind-Studien belegt ist?

Soweit würde ich nicht in jedem Fall gehen. Ein Kräutertee oder eine Pflanzentinktur kann meines Erachtens sehr wohl angewendet werden, auch wenn keine Studien dazu vorliegen.

Allerdings wäre mehr Transparenz für die Konsumentinnen und Konsumenten wünschenswert, damit erkennbar ist, ob ein Präparat seine Wirksamkeit dokumentiert hat oder nicht. Und sobald ein Hersteller eine Heilwirkung verspricht, soll er sie auch plausibel belegen. Aber bitte nicht mit windigen Anwendungsbeobachtungen oder Outcome-Studien, mit denen oft mehr „Wissenschaft“ vorgespiegelt wird, als sie hergeben.

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