Heilpflanzen-Präparate aus der Phytotherapie oder aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind bei Krebspatienten beliebt. Doch manche Mittel können die Wirkung der üblichen Tumortherapie außer Kraft setzten.

Wer an einem bösartigen Tumorleiden erkrankt, muss meist eine Chemotherapie oder Bestrahlung über sich ergehen lassen und Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall, Haarausfall und Kachexie in Kauf nehmen – von der psychischen Belastung durch die Krebsdiagnose einmal ganz abgesehen. Da ist es nicht überraschend, dass Tumorpatienten gerne und häufig in Eigenregie zu pflanzlichen Mitteln greifen, um die Nebenwirkungen der Krebstherapie zu reduzieren. Tatsächlich bietet die Phytotherapie in diesem Bereich einige interessante Möglichkeiten.

Siehe dazu:

Heilpflanzen-Anwendungen bei Krebs

Phytotherapie lindert Nebenwirkungen bei Chemotherapie und Bestrahlung

Phytotherapie kann bei Krebs manche Beschwerden lindern

Allerdings sind Heilpflanzen-Präparate nicht immer harmlos und nebenwirkungsfrei. Einige können Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Krebstherapeutika erheblich beeinflussen, indem sie auf das Cytochrom-P450-System oder auf Effluxtransporter wie das P-Glykoprotein einwirken. Doch welche klinisch bedeutsamen Interaktionen (Wechselwirkungen) zwischen Tumortherapeutika und pflanzlichen Präparaten sind bisher bekannt?

Priv.-Doz. Dr. Matthias Unger vom Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität Würzburg hat dazu in der Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ einen informativen Beitrag veröffentlicht.

Dr. Unger nennt als Beispiel die erheblich reduzierte Bioverfügbarkeit der Zytostatika Irinotecan und Imatinib bei Anwendung von Johanniskraut. So wurde in klinischen Untersuchungen die Bioverfügbarkeit von Imatinib um durchschnittlich 30 Prozent und diejenige von Irinotecan sogar um 41 Prozent vermindert, wenn gleichzeitig hyperforinhaltige Johanniskrautpräparate gegeben wurden. Denn diese Pflanzenextrakte steigern die Expression von CYP3A4 und P-Glykoprotein.

Die Inhaltsstoffe von Schisandra-Spezies bewirken das Gegenteil: Sie vermindern die Expression von CYP3A4 und P-Glykoprotein und erhöhen damit die Bioverfügbarkeit von CYP3A4- und P-Glykoprotein-Substraten. So steigerte ein Extrakt aus den Früchten von Schisandra sphenanthera die AUC des Kurzhypnotikums Midazolam um 119 Prozent und die maximale Plasmakonzentration um 86 Prozent.

Bei dem Immunsuppressivum Tacrolimus wird die Bioverfügbarkeit durch Schisandra-Inhaltsstoffe sogar um 164 Prozent gesteigert. Ein weiteres Phytotherapeutikum, das auf CYP-Enzyme einwirkt, ist die Kanadische Gelbwurz (Hydrastis canadensis), die häufig kombinert mit Echinacea bei grippalen Infekten angewendet wird. Zubereitungen aus der Wurzel der Kanadischen Gelbwurz steigern die Toxizität von CYP3A4-Substraten wie Irinotecan und Imatinib und können die Wirkung von Tamoxifen fast gänzlich aufheben.

Interaktionen zwischen Krebsmedikamenten und Heilpflanzen-Präparaten lassen sich nur vermeiden, wenn Ärzte und Apotheker über die beschriebenen Mechanismen Bescheid wissen. Sie sollten Patienten über mögliche Risiken umfassend aufzuklären, fasst Dr. Unger zusammen.

Quellen:

Matthias Unger, Forschende Komplementärmedizin 2011; 18: DOI 10.1159/000330937

http://www.medical-tribune.at/dynasite.cfm?dsmid=110983&dspaid=960953

Kommentar & Ergänzung:

Dieser Beitrag zeigt, wie wichtig es ist, dass Patientinnen und Patienten den behandelnden Ärztinnen und Ärzten mitteilen, welche Heilpflanzen-Präparate sie einnehmen.

Dieser Beitrag über Interaktionen zwischen Phytopharmaka und synthetischen Medikamenten ist sehr viel präziser und fundierter als der Beitrag, den ich hier kritisch unter die Lupe genommen habe:

Phytopharmaka: Wechselwirkungen bei Operationen

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Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

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