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Heilpflanzen bei Verdauungsbeschwerden

Phytotherapie

Avatar-FotoMartin Koradi28.12.2013

Über die Festtage überbieten sich die Medien mit hilfreichen Tipps gegen Verdauungsbeschwerden. Dabei werden oft auch Heilpflanzen empfohlen – und das mehr oder weniger überzeugend. Als Beispiel dafür ein Beitrag, der unter dem Titel „Hilfe für Leber, Galle und Co.“ auf  rp-online.de veröffentlicht wurde.

Hier die entsprechenden Zitate mit Kommentaren:

„Bitterstoffe wie die in Artischocken regen den Appetit an und fördern den Gallenfluss und die Verdauung und helfen gegen Verdauungsbeschwerden wie Übelkeit, Völlegefühl und Blähungen. Wer mit dem Gemüse nichts anzufangen weiß, erhält in Drogeriemärkten und Apotheken auch Artischockenpräparate in verschiedenen Darreichungsformen.“

Kommentar: Die Artischocke eignet sich tatsächlich als Verdauungshelfer. Allerdings ist hier wohl irrtümlich von „Gemüse“ die Rede. Als Heilpflanze gegen Verdauungsbeschwerden werden nämlich die Artischockenblätter verwendet – als Artischockentee, Artischockentinktur, Artischockenextakt.

„Hilfreich ist neben diesem Gemüse auch die Mariendistel. Ähnlich wie die Artischocke schützt sie die Leber, unterstützt sie bei der Regeneration und hilft beim Abbau von Giftstoffen. Am besten entfaltet sie ihre Wirkung, wenn man sich am Abend einen Tee damit aufbrüht. Der aus ihren Früchten gewonnene Inhaltsstoff Silymarin soll selbst bei schweren Leberschäden heilende Wirkung haben.“

Kommentar: Fragwürdiger Tipp. Silymarin ist schlecht wasserlöslich, Tee als Zubereitungsform daher sehr suboptimal. Mariendistel ist auch eher für Langzeitanwendungen sinnvoll, bei Zufuhr leberbelastender Stoffe (gewisse Medikamente) und als Begleittherapie bei chronischen Lebererkrankungen. Vor allem zum Leberschutz braucht es dazu Silymarin in hohen Dosen, die nur in Form von Mariendistelextrakt oder mittels isoliertem Silymarin zugeführt werden können. Das gilt auch für die Hilfe beim „Abbau von Giftstoffen“. Silymarin wirkt antioxidativ und es erhöht den Glutathionspiegel in der Leber. Glutathion wiederum kann in der Leber mithelfen, schädliche Stoffe besser wasserlöslich zu machen, wodurch sie von den Nieren besser ausgeschieden werden. Auf diesem Weg könnte man eine entgiftende Wirkung von Silymarin allenfalls erklären, wobei aber auch hier alles für hohe Dosen über längere Zeit spricht. Schutz der Leber, „Abbau von Giftstoffen“ und „Regeneration“ der Leber – das sind Stichworte, die völlig unpassend und überzogen sind, wenn es um eine Tasse Mariendisteltee begleitend zum Weihnachtsessen geht.

Für akute, temporäre Verdauungsbeschwerden wegen Völlerei ist Mariendistel meines Erachtens einfach nicht überzeugend.

„Ebenfalls aus der Naturheilkunde kommt die Schafgarbe, die bei Verdauungsproblemen als vielseitiger Helfer bekannt ist. Ein Teelöffel Schafgarbenkraut mit einer Tasse heißem Wasser überbrüht ergibt einen Tee, der zwischen den Mahlzeiten getrunken verdauungsfördernd wirkt. Die in dem Kraut enthaltenen Bitterstoffe wirken außerdem krampflösend, galle- und verdauungsfördernd. Hilfe geben sie damit auch für einen geregelten Stuhlgang. Durch ihre ätherischen Öle und Flavonoide weist sie zudem antibakterielle und entzündungshemmende Eigenschaften auf. Selbst Menschen mit empfindlicher Magenschleimhaut können bedenkenlos auf sie zurückgreifen. Eine Tasse zusätzlich vor dem Zubettgehen beruhigt Leber, Galle und Magen und beschert eine ruhige und entspannte Nacht.“

Kommentar:

Schafgarbenkraut ist charakterisiert durch ätherisches Öl, Bitterstoffe und Flavonoide. Es ist ein Amarum-aromaticum. Als Bitterstoffpflanze regt Schafgarbe die Magensaftproduktion und den Gallenfluss an. Gut geeignet bei Verdauungsbeschwerden.

Im Text auf rp-online.de wird ein Gastroenterologe zitiert mit der Aussage: „Übertreiben Sie es mit fetthaltigen Speisen nicht und setzen Sie nicht auf den Magenschnaps.“

Der nämlich fördere entgegen der volksläufigen Meinung die Verdauung nicht, weil er die Organe zusätzlich mit Alkohol belaste. Die beste Alternative dazu sei schwarzer Tee, empfiehlt der Facharzt.

Kommentar:

Dass Verdauungsschnäpse nicht sinnvoll sind, hat sich inzwischen auch in einer Studie gezeigt:

Verdauungsschnaps unwirksam

Nicht nachvollziehbar ist für mich die Empfehlung von Schwarztee als Verdauungsförderer (obwohl Schwarztee oft auch zum Fondue getrunken wird).

Schwarztee enthält vor allem Gerbstoffe und wirkt dadurch stopfend bei Durchfall. Was er bei Verdauungsbeschwerden wie zum Beispiel Völlegefühl positiv bewirken soll, ist mir nicht ansatzweise klar. Passender wäre meines Erachtens zum Beispiel der Pfefferminztee mit seiner gallenflussfördernden Wirkung (auch zum Fondue).

„Sinnvoll ist es zudem, das Essen tatsächlich zu genießen, sich Zeit zu lassen und es gut zu kauen. Auch hilft ein Spaziergang nach dem Essen. Die Bewegung von außen regt die Verdauungsorgane an. So gerät nichts ins Stocken und die Nahrung wird zügig weitertransportiert.“

Kommentar:

Der altbewährte Verdauungsspaziergang also. Und noch besser wäre manchmal präventiv eine gewisse Mengenbeschränkung beim Essen….

Quelle der Zitate:

https://www.rp-online.de/leben/gesundheit/ernaehrung/fit-fuer-das-grosse-weihnachts-schlemmen-aid-1.3811365

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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