Die Grünlippmuschel soll die Maori-Ureinwohner in Neuseeland vor rheumatischen Beschwerden bewahren. Jene Maori, die an der neuseeländischen Küste wohnen leiden angeblich seltener an rheumatischer Arthritis als die im Landesinneren beheimateten Maori. Den Grund dafür vermuteten Wissenschaftler im Speiseplan der Küsten-Maori – die Grünlippmuschel ist dort eine wichtige Zutat in der Ernährung

Geschäftstüchtige Muschelzüchter verkaufen inzwischen große Mengen der beliebten Speisemuscheln an Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Der Grünlipp-Muschelextrakt ist unter anderem reich an Omega-3-Fettsäuren und soll sich günstig auf rheumatische Symptome auswirken.

Dem widersprechen Wissenschaftler der Natural Standard Research Collaboration, die objektive wissenschaftliche (evidenzbasierte) Analysen erstellt. Forscher dieser internationalen Organisation fassten bisher publizierte Grünlipp-Studien zusammen. Ihr Fazit: für eine solch günstige Wirkung bei Patienten mit rheumatoider Arthritis existieren keine stichhaltigen Belege. Studien dazu sind von schlechter Qualität, wurden an nur wenigen Probanden durchgeführt und liefern widersprüchliche Resultate.

Für die Gelenksabnützungserscheinung Arthrose bescheinigen die Forscher Extrakten der Grünlippmuschel sogar eine mögliche Wirkungslosigkeit. Eine bereits etwas ältere systematische Übersichtsarbeit fand jedenfalls keinen Hinweis auf Wirksamkeit. Arthrose betrifft insbesondere im Alter viele Menschen, etwa drei Viertel aller Personen ab 55 Jahren leiden an diesen Beschwerden.

Quelle:

Kommentar & Ergänzung:

Medizin-Transparent hat viel Erfahrung mit der Auswertung von Studien. Darum gehe ich davon aus, dass die Bewertung der Studienlage zutreffend ist.

Für die Wirksamkeit der Grünlippmuscheln bei Arthrose soll ihr Gehalt an Glykosaminoglykanen verantwortlich sein. Das sind langkettige Aminozuckerverbindungen, die auch in der Gelenkflüssigkeit (Gelenkschmiere, Synovialflüssigkeit) vorkommen.

Der Verabreichung von Glykosaminoglykanen liegt die Vorstellung zugrunde, dass diese Substanzen in den Körper aufgenommen und in den Knorpel „eingebaut“ werden. Ob das wirklich geschieht, ist unklar.

Im Handel sind auch Produkte mit reinem Glucosamin, die als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen sind und auch in den Regalen der Grossverteiler COOP und Migros stehen (unter Bezeichnungen wie „Gelenkfit“).

Auch für diese Glucosamin-Präparate ist die Wirksamkeit bei Arthrose nicht belegt. Industriell wird dieses Glucosamin produziert aus Chitin, das aus den Abfällen der Fischerei von Krustentiere (Krabben, Garnelen) stammt. Grundsätzlich könnte das Glucosamin auch aus dem Chitin von Insekten gewonnen werden (z. B. Seidenspinnerraupen oder Bienen) oder aus Pilzen (z. B. Aspergillus niger, ein Glucosamin-Präparat auf der Basis von Aspergillus niger stellt die Firma Bioforce in Roggwil her).

Obwohl die Studienlage betreffend Grünlippmuschel-Präparaten und anderen Glucosamin-Präparaten also ziemlich desolat ist, berichten Anwenderinnen und Anwender manchmal von positiven Effekten. Bei solchen Einzelfallberichten ist aber zu berücksichtigen, dass chronische Erkrankungen wie zum Beispiel Arthrose in der Regel naturgemäss einen schwankenden Verlauf mit Hochs und Tiefs haben. So wird gerne jede Besserung während der Anwendung des Grünlippmuschel-Präparats diesem Präparat gutgeschreiben, obwohl für die Besserung auch der natürliche Verlauf verantwortlich sein könnte.

Neben den peroral anwendbaren Grünlippmuschel-Präparaten gibt es seit einiger Zeit auch Grünlippmuschel-Salben und Grünlippmuschel-Gel.

Diese Anwendungsform ist noch fragwürdiger wie die Einnahme von Grünlipp-Kapseln. Nicht nur, dass zu dieser transdermalen Anwendung keine Studien vorliegen – es ist auch ungeklärt, ob der Wirkstoff Glucosamin überhaupt durch die Haut aufgenommern wird. Gut durch die Haut aufgenommen werden lipophile (fettliebende), kleine Moleküle. Glucosamen aber ist sehr gut wasserlöslich…

Und auch wenn das Glucosamin aufgenommen würde, ist damit noch nicht gesagt, dass es auch bis zum Gelenk vordringen könnte.

Ziemlich viele Fragen also rund um diese Grünlippmuscheln.