Wirkstoffe aus Cannabis sind nicht nur für Kiffer interessant. Sie können auch bei verschiedenen Krankheiten wirksam eingesetzt werden. In letzter Zeit hört man immer wieder die Aussage, dass Cannabis als Heilmittel auch gegen Krebs helfen soll.

„Cannabis soll Polo (71) heilen“, titelte die Boulevard-Zeitung zu einer Cannabis-Behandlung des Mundart-Rockers Polo Hofer, der inzwischen an seinem Lungenkrebs gestorben ist. Als „alternatives Krebsheilmittel“ bezeichnete die „Blick“ Cannabis gar. Das ist sehr reisserisch ausgedrückt, wie es sich für eine wackere Boulevard-Zeitung eben gehört. Siehe dazu:

Cannabis als alternatives Krebsheilmittel

Dass Cannabis sogar gegen den Krebs selber helfen könne, wird immer wieder auch in Internetforen oder in Social-Media-Gruppen behauptet, oft begleitet von  emotionalen Fallberichten.

Derartige „Informationen˝ sprechen Patienten oder deren Angehörige nicht selten stark an – gerade dann, wenn konventionelle Krebstherapien nicht die erhofften Erfolge erzielen und sich die Betroffenen in einer Ausnahmesituation befinden.

Der Frage, ob Cannabis als Krebsheilmittel wirksam ist, ging das Portal Medizin-Transparent in einer Recherche nach.

Cannabis als Heilmittel gegen Krebs: Bisher keine Belege

Die kurze Antwort: wissenschaftliche Belege für eine solche Wirkung am Menschen fehlen.

Experimente mit Zellen und Tieren haben zwar einige viel versprechende Hinweise geliefert. Tetrahydrocannabinol (THC) und weitere Substanzen aus Cannabis können das Wachstum und die Blutgefäßversorgung von Tumoren bremsen – zumindest im Labor bei Zellen und bei Versuchstieren. Dabei bleibt noch zu klären, ob Hanf-Substanzen auch Krebspatienten helfen können und ob eine solche Anwendung sicher wäre.

Für verlässliche Aussagen über eine Anti-Krebs-Wirkung von Cannabis und über die Sicherheitsrisiken beim Menschen fehlt bisher die Grundlage in Form von gut gemachten Studien. Bis auf eine kleine Pilotstudie aus dem Jahr 2002 in Spanien mit neun unheilbar kranken Gehirntumor-Patienten gibt es zur Zeit (noch) keine publizierten Untersuchungen.

Die neun Probanden dieser Studien waren Patienten mit einem Glioblastoma multiforme, also mit einem bösartigen Gehirntumor. Sie waren lebensbedrohlich erkrankt und hatten sich schon diversen Therapien unterzogen.

Patienten mit dieser Krebsform haben leider keine gute Prognose undv können bislang nicht durch Operationen, Bestrahlung oder Chemotherapie geheilt werden. Der Tumor kommt wieder, auch wenn er sich zurückdrängen lässt  – mal früher, mal später.

Das Wissenschaftlerteam schob Röhrchen direkt in den Schädel der Patienten, die am Gehirn operiert worden waren. Über diese Verbindung sollte eine THC-Lösung direkt an die Tumorzellen geleitet werden.

Mit diesen Experimenten wollten die Autoren dieser 2006 veröffentlichten Pilotstudie in erster Linie klären, ob die Verabreichung von THC mit besonderen Risiken verbunden ist. Die Sicherheit stuften die Wissenschaftler dann auch als zufriedenstellend ein.

Die Überlebensdauer der Patienten scheint diese Intervention wohl nicht entscheidend verändert zu haben. Sie starben im Durchschnitt 24 Woche nach dem Start der Tests. Aufgrund des Pilotcharakters der Studie (geringe Probandenzahl, fehlende Verblindung, fehlende Kontrollgruppen) erscheint es allerdings kaum möglich, hier eventuelle Wirkungen verlässlich aufzuspüren und richtig einzuordnen.

Seit der Publikation der Resultate aus dieser Studie im Jahr 2006 sind keine weiteren Untersuchungen von experimentellen Cannabis-Therapien an Krebspatienten zu verzeichnen.

Aus dieser Pilotstudie lassen sich daher keine verlässlichen Aussagen bezüglich einer Wirksamkeit gegen Krebs ziehen

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung von Cannabis gegen Krebs beschränken sich daher sehr weitgehend auf Laborbefunde und einzelne Fallberichte, die ebensowenig aussagekräftig sind.

Cannabinoide als charakteristische Inhaltsstoffe von Cannabis sind medizinisch jedoch durchaus interessant, weil sie verschiedene Abläufe im Körper beeinflussen können, zum Beispiel im Immunsystem und im Nervensystem.

Es gibt inzwischen auch einige Medikamente, für die einzelne Cannabis-Wirkstoffe künstlich nachgebildet worden sind. Beim bekanntesten dieser Cannabinoide handelt es sich um Tetrahydrocannabiol, kurz THC.

Cannabis-Tabletten oder Cannabis-Mundsprays werden etwa gegen Muskelverspannungen bei Multipler Sklerose, gegen chronische Schmerzen oder gegen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV/Aids eingesetzt.

Vergleichsweise gut belegt ist auch ein gewisser Nutzen für Patienten mit chronischen Schmerzen. Dies berichteten zum Beispiel die Autoren einer 2015 publizierten Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse. Sie haben dazu 79 Cannabis-Studien zu unterschiedlichen Krankheitsbildern mit rund 6500 Teilnehmern ausgewertet.

Auch Krebspatienten bekommen zu therapeutischen Zwecken mit unter Hanf-Wirkstoffe. Diese können zur Linderung von Nebenwirkungen der Krebstherapie beitragen: Cannabinoide helfen mitunter gegen die durch Chemotherapie ausgelöste Übelkeit samt Erbrechen, wenn andere (ältere!) Medikamente nicht wirken.

Zu diesem Schluss kommen jedenfalls die Verfasser einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration. Allerdings sind die Befunde aus dieser Publikation durchaus mit Vorsicht zu genießen – denn die Wissenschaftler haben bei ihrer Auswertung nur ziemlich alte Studien und Medikamente (1980er, 1990er) berücksichtigt.

Die Recherche von Medizin-Transparent hat dementsprechend ergeben:

Es wurden zwar etliche Studien zu Cannabis und Krebs publiziert. Es handelt sich aber dabei weitestgehend um Untersuchungen mit Zellen oder an Tieren (Mäuse, Ratten).

Bei diesen Experimenten zeigte sich, dass Cannabis-Substanzen (wie übrigens zahlreiche andere Substanzen auch) diverse Effekte auf Krebszellen und Tumoren von Tieren zeigen können. Cannabis-Substanzen bewirkten zum Beispiel das Absterben von Krebszellen, verhinderten die Ausbreitung von Krebszellen (Metastasierung), bremsten das Tumorwachstum oder hemmten die Blutversorgung von Tumoren.

Obwohl diese Befunde verheißungsvoll erscheinen mögen, ist es nicht möglich, von diesen präklinischen Studien mit Zellen und Tieren ohne weiteres auf eine günstige Wirkung für den tumorkranken Menschen zu schließen.

Und die erwähnte Untersuchung mit neun unheilbar erkrankten Krebspatienten ist als Pilotstudie nicht geeignet, um Aussagen über die Wirksamkeit von THC gegen Krebs zu treffen.

Daher muss als unbekannt gelten, ob Cannabis eine heilende oder zumindest lindernde Anti-Krebs-Wirkung hat bzw. für welche Krebsformen eine solche Wirkung eventuell denkbar ist.

Offen bleibt auch, ob einzelne Cannabis-Substanzen oder ein Wirkstoffgemisch besser geeignet sein könnten. Des weiteren fehlen verlässliche Informationen zu erforderlicher Dosis oder zu den Risiken bei einer Langzeiteinnahme von Cannabinoiden bei Krebspatienten. Ebenso ist nicht geklärt, wie die Cannabis-Substanzen wohl am besten eingenommen werden sollten – also zum Beispiel in Form von Mundspray, Tabletten oder Tee.

Es gibt also bei diesem Thema gewaltige Wissenslücken.

Medizin-Tansparent kann daher nicht bestätigen, dass einzelne oder mehrere Cannabis-Substanzen wirksame Anti-Krebs-Mittel sind. Die Wissenchaftler können eine positive Wirkung aber auch nicht rigoros ausschließen.

Inzwischen sollen laut Studienregister Clinicaltrials.gov  aber einige Untersuchungen mit menschlichen Probanden laufen. Es gibt offenbar etliche Wissenschaftler, die überprüfen möchten, was Cannabis-Substanzen tatsächlich gegen Krebs und andere Erkrankungen bewirken können.

Quelle

Kommentar & Ergänzung:

Naturstoffe werden in grosser Zahl auf eine mögliche Wirksamkeit gegen Krebs untersucht. Viele davon zeigen im Labor auch eine positive Wirkung, indem sie zum Beispiel im Reagenzglas Krebszellen töten können. Solche experimentellen Ergebnisse finden oft rasch den Weg in die Medien und werden manchmal unkritisch und vorschnell als Durchbruch in der Krebsbehandlung herumgereicht.

Dass Krebspatientinnen und Krebspatienten mit ihren verständlichen Hoffnungen auf Heilung auf solche Meldungen ansprechen, ist gut nachvollziehbar.

Krebspatientinnen und Krebspatienten sind aber keine Reaganzgläser. Ein lebendiger Organismus ist um ein Vielfaches komplexer als eine überschaubare experimentelle Laborsituation. Deshalb lassen sich Laborergebnisse nicht einfach die Krebsbehandlung übertragen. Es braucht klinische Studien mit Krebspatientinnen und Krebspatienten, um die Wirksamkeit einer Substanz zu belegen.

Cannabis als Heilmitel kommt aber noch für andere Anwendungsbereiche in Frage.

Wer über die Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis und anderen Heilpflanzen Bescheid wissen möchte, kann sich dazu das nötige Wissen erwerben in meinen Lehrgängen, der Phytotherapie-Ausbildung und dem Heilpflanzen-Seminar.