Die meisten unerwünschten Arzneimittelwirkungen bei der Langzeitanwendung von Opioiden als Schmerzmittel betreffen den Verdauungstrakt.

Am relevantesten ist die opioidinduzierte Verstopfung (opioid-induced constipation, OIC), die nicht nur die Lebensqualität der Patienten stark beeinträchtigen kann, sondern auch die Wirksamkeit anderer Medikamente beeinflusst, wenn diese in ihrer Aufnahme gestört werden.

Schmerzmittel auf der Basis von Opioiden, wie sie zum Beispiel häufig in Onkologie und Palliative Care zum Einsatz kommen, bewirken oft eine hartnäckige Verstopfung (Obstipation) durch Störung der Darmbewegungen (Darmperistaltik).

Konventionelle Abführmittel kommen in solchen Fällen rasch an ihre Grenzen.

In meinen Tagesseminaren zu Heilpflanzen-Anwendungen in Onkologie und Palliative Care werde ich daher oft gefragt, ob es für diese Situationen nicht ein pflanzliches Abführmittel gebe.

Leider gibt es dazu aber keine wirksame und gesicherte pflanzliche Empfehlung.

Opioide führen im Verdauungstrakt zu einer Entkopplung der physiologischen peristaltischen Mechanismen. Dabei werden die vorwärtstreibenden Bewegungen gestört, die den Transport des Darminhalts regulieren. Angesichts dieser Entkopplungsmechanismen können konventionelle Abführmittel ihre Wirkung nicht mehr so entfalten, wie sie das normalerweise tun.

Das Problem kommt daher, dass Opioide neben den Opioid-Rezeptoren im Gehirn (= Schmerzlinderung) auch Opioid-Rezeptoren im Darm (= Darmperistaltik-Hemmung) beeinflussen.

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. stellte vor kurzem die Praxisleitlinie „Opioidinduzierte Obstipation“ vor. Demnach sollte zu jedem Opioid ein peripher wirkender µ-Opioidrezeptorantagonist wie Naloxegol verordnet werden, wenn konventionelle Abführmittel in einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen zu keinem spürbaren Erfolg führen.

Für die Wirksamkeit von konventionellen Abführmittel gibt es bei OIC keine wissenschaftlichen Belege. Bei klassischen Stufe-III-Opioiden haben sie keinen Effekt. Opioide bewirken im Verdauungstrakt eine Entkopplung der physiologischen peristaltischen Mechanismen. Das heisst: Die Darmbewegungen, die den Darminhalt vorwärtstransportieren, werden gehemmt.  Wegen dieser Entkopplungsmechanismen ist es sinnlos, konventionelle Abführmittel einzusetzen.

Auch gemäss der neuen Praxisleitlinie der DGS ist die Wirksamkeit der konventionellen Abführmittel bei OIC überschaubar. Mehr als die Hälfte aller betroffenen Patienten berichtet unter der Behandlung mit konventionellen Abführmitteln über keinen zufriedenstellenden Therapieerfolg.

Die DGS-Leitlinie empfiehlt, eine Therapie mit peripher wirksamen Opioidrezeptorantagonisten durchzuführen, wenn konventionelle Abführmittel innerhalb von 1–2 Wochen keinen nachweisbaren Erfolg zeigen.

Falls die Behandlung mit einem solchen PAMORA (peripherally-acting μ-opioid receptor antagonist) keine Wirkung zeigt, kann laut Leitlinie eine Kombinationstherapie aus PAMORA und klassischen Abführmitteln eingesetzt werden.

Aus Sicht von PD Dr. Michael A. Überall vom Regionalen Schmerzzentrum DGS Nürnberg ist Naloxegol (Moventig®) unter den zugelassenen PAMORA das Mittel der Wahl, da es in oraler Darreichungsform verfügbar ist.

 

Keine Toleranzentwicklung bei der Verstopfung

Laut Dr. Patric Bialas, Facharzt für Anästhesiologie, hält die OIC häufig während der gesamten Dauer der Opioidbehandlung an. Im Unterschied zu anderen opioidbedingten Nebenwirkungen entwickelt sich somit keine Toleranz. Aufgrund der peripheren Wirkung von Naloxegol – die PEGylierung verhindert die Passage der Blut-Hirn-Schranke – wird die schmerzlindernde Wirkung der Opioidtherapie im Gehirn nicht beeinflusst.

Quelle:

https://www.springermedizin.de/schmerzen/sonderbericht-opioidinduzierte-obstipation/16436232

Anmerkung:

Der Beitrag basiert auf Informationen aus dem Symposium „DGS-Praxisleitlinie OIC“ anlässlich des Innovationsforums Schmerzmedizin der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, Berlin, 17. November 2018.  Es wird im Artikel auf springermedizin.de eine Sponsoring-Beziehung angegeben für diesen Symposium-Beitrag: Unterstützung durch Kyowa Kirin GmbH   (Zulassungsinhaberin für Moventig®).

 

Kommentar & Ergänzung:

Diese Informationen aus dem Symposium Der DGS sind ziemlich komplex und wahrscheinlich nicht gerade gut verständlich für Personen, die mit medizinischer Sprache wenig vertraut sind.

Das Problem lässt sich aber relativ einfach zusammenfassen:

Menschen, die mit Schmerzmitteln aus der Gruppe der Opioide behandelt werden, leiden oft an hartnäckiger Verstopfung, weil die Opioide nicht nur im Gehirn die Schmerzen stillen, sondern auch die Darmbewegung hemmen. Klassische Abführmittel kommen in solchen Fällen rasch an ihre Grenzen.

Medikamente aus der Gruppe der blockieren die Opioidrezeptoren im Darm und heben die Hemmwirkung der Opioide auf die Darmbewegungen auf, ohne dass sie die schmerzlindernde Wirkung der Opioide im Gehirn einschränken.

Ich werde oft von Pflegenden gefragt, was man gegen Verstopfung bei Patienten mit Opioid-Medikation machen könne. Die Möglichkeit mit den peripher wirksamen Opioidrezeptorantagonisten ist wenig bekannt und als Option jedoch nützlich zu wissen.

Ob sich diese Medikamente für eine bestimmte Person eignen muss aber selbstverständlich mit dem behandlenden Arzt oder der behandelnden Ärztin geklärt werden. Es gibt Wechselwirkungen, unerwünschte Nebenwirkungen und Kontraindikationen für Naloxegol. Mit der Anwendung von Naloxegol bei Patienten mit tumorbedingten Schwmerzen liegen nur sehr begrenzte klinische Erfahrungen vor, was besondere Vorsicht nötig macht.