Kombipräparate gegen Erkältungen sind beliebt, aber nicht empfehlenswert. Zu diesem Schluss kommt ein Expertenbericht der Stiftung Warentest. Hier die Zusammenfassung eines Berichts des „Tages-Anzeigers“:

Die deutschen Tester beurteilten 2000 frei verkäufliche Arzneimittel. 500 dieser Medikamente stuften die Fachleute als «wenig geeignet» ein, darunter beliebte Kombinationsmittel gegen Erkältungen oder Kopfschmerzen.

Das Team von Pharmazeuten und Ärzten unter der Leitung des Pharmazieprofessors Gerd Glaeske war bei der Überprüfung strenger als die Zulassungsbehörden. Berücksichtigt wurden alle qualitativ hochstehenden Studien, die bisher zu einem Präparat erschienen sind, und nicht nur die Wirksamkeitsstudien, die ein Hersteller vor der Zulassung liefern muss. Zudem schauten sich die Experten auch die Nebenwirkungen genauer an.

Ein Teil der Medikamente wie Vicks Medinait oder Aspirin Complex ist auch in der Schweiz zu kaufen.

Manche Präparate heissen in der Schweiz einfach anders oder sie unterscheiden sich nur unwesentlich von den deutschen Produkten.

So hat zum Beispiel das deutsche Doregrippin, das auf der Liste der Stiftung Warentest aufgeführt wird, zwei Wirkstoffe in Kombination, die auch im schweizerischen Neocitran enthalten sind. Allerdings sind im Neocitran noch zwei weitere Inhaltsstoffe zu finden.

Bei den Kombipräparaten führen die Fachleute mehrere Probleme auf.

Je mehr Inhaltsstoffe, desto höher das Risiko für Nebenwirkungen

Die Hersteller mischen in Kombipräparaten verschiedene Substanzen zusammen. Bei den Erkältungsmitteln sind das beispielsweise ein Schmerzmittel wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure, ein Präparat zum Abschwellen der Schleimhäute, ein Hustenmittel, ein Schleimlöser und manchmal auch noch ein Medikament gegen Allergien.

Dazu sagt Stefanie Krämer, Professorin am Institut für Pharmazeutische Wissenschaft der ETH Zürich:

«Das Risiko von unerwünschten oder toxischen Wirkungen steigt überproportional mit der Anzahl der Wirkstoffe, die man gleichzeitig verwendet.»

Die verschiedenen Wirkstoffe beeinflussen sich nicht nur gegenseitig, auch das Risiko von  Nebenwirkungen wird akuter.

Der Tages-Anzeiger zitiert dazu  den Medizinprofessor Thomas Rosemann, der das Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich

leitet:

«Nebenwirkungen potenzieren sich, wenn man Kombipräparate nimmt.»

Das kann ernsthafte Konsequenzen haben, denn wer drei oder vier Wirkstoffe gleichzeitig nimmt, der hat nicht nur drei- oder viermal so viele Nebenwirkungen, sondern möglicherweise ein Vielfaches. Darüber hinaus kann es beim Abbau der Arzneistoffe im Organismus zu unerwünschten Reaktionen kommen. Die chemischen Substanzen aus den Medikamente scheiden wir entweder mit dem Urin aus, oder unsere Leber baut sie ab. Speziell in der Leber kann es dabei in ungünstigen Fällwn zu problematischen Wechselwirkungen (Interaktionen) kommen.

Ein weiterer heikler Punkt sind die unterschiedlichen Halbwertszeiten der Wirkstoffe, erklärt Stefanie Krämer:

«Während das eine gegen die verstopfte Nase vielleicht schon nicht mehr wirkt, hat das andere gegen Husten noch hohe Spiegel im Körper.»

Das kann zur Folge haben, dass die Patienten wegen nachlassender Wirkung einer Substanz die zweite Dosis einnehmen, und dann bei der langsamer abgebauten Substanz eine toxische Konzentration erreichen.

Wer tatsächlich mehr als einen Wirkstoff braucht, solle die Medikamente viel besser in genau dosierbaren Einzeldosen nehmen, rät Krämer.

Auch kombinierte Schmerzmittel als schlecht beurteilt

Auch kombinierte Schmerzmittel kommen in der Beurteilung  der Stiftung Warentest schlecht weg. Paracetamol und Acetylsalicylsäure zu mischen, sei nicht besser gegen Schmerz, sondern bringe nur die gleichen Probleme wie die anderen Kombinationen, heisst es in dem Bericht. Als wenig geeignet stufen die Fachleute zudem die Mischungen mit Koffein ein. Koffein sei kein Arzneistoff, sagt auch Pharmazeutin Krämer. Die Gefahr, dass man zu oft zum Schmerzmittel greife, wenn es wegen dem Koffeingehalt auch wach mache, steige. Patienten, die unter Migräne leiden und eine lindernde Wirkung durch das Koffein verspüren, empfiehlt Krämer einen starken Espresso zu trinken und das Schmerzmittel einzeln zu nehmen.

Gegen die Anwendung von Kombipräparaten bei Erkältungen spricht auch, dass Betroffene selten an allen Symptomen gleichzeitig leiden.

Häufig läuft zuerst die Nase und der Husten kommt erst später. Oder der Hals kratzt, aber die Nasenschleimhäute machen noch kaum Probleme.

Fachleute raten sowieso davon ab, eine verstopfte Nase mit einem systemischen Medikament, also einer Substanz, die im ganzen Körper wirkt, zu behandeln.

Pseudoephedrin oder Phenylephrin sind bekannte Wirkstoffe, die man einnimmt, um die Nase abzuschwellen. Sie bewirken eine Gefässverengung in der Nasenschleimhaut, doch handelt es sich dabei eigentlich um Aufputschmittel, die auch auf Dopinglisten stehen.

Hausarzt-Professor Rosemann empfiehlt:

«Bei grippalen Infekten genügt meist ein Schmerzmittel wie Paracetamol, das zudem fiebersenkend ist, und ein Nasenspray.» Für Husten- und Schleimlöser, die den Kombipräparaten auch oftmals beigemischt sind, sieht er keine medizinische Evidenz. Besser wirke eine Nasendusche mit Kochsalzwasser.

Als Beispiele hier Details zu den Kombipräparaten Vicks Medinait und Aspirin complex Granulat:

☛ Vicks Medinait Sirup besteht aus Paracetamol, Doxylamin, Ephedrin und Dextromethorphan.

Kommentar der Stiftung Warentest:

„Nicht sinn­volle Kombination aus einem Schmerz-, einem Husten- sowie einem beruhigenden und einem anregenden Mittel, die über das Blut im ganzen Körper verteilt werden und dabei auch die Nasen­schleimhaut abschwellen sollen.“

Empfehlung der Stiftung Warentest:

„Die einzelnen Erkältungs­symptome wie Schmerzen, Husten, Schnupfen sollten besser getrennt behandelt werden.“

☛ Aspirin Complex Granulat besteht aus Acetylsalicylsäure und Pseudoephedrin.

Kommentar der Stiftung Warentest:

„Nicht sinn­volle Kombination aus einem Schmerz­mittel und einem anregenden Mittel, das über das Blut im ganzen Körper verteilt wird und dabei auch die Nasen­schleimhaut abschwellen soll.“

Empfehlung der Stiftung Warentest:

„Gegen Schmerzen und Fieber reicht Azetylsalizylsäure allein. Bei Schnupfen ist die kurz­zeitige Anwendung von abschwellenden Nasen­sprays oder -tropfen verträglicher.“

 

Quelle:

https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/aerzte-warnen-vor-kombipraeparaten/story/18282640

https://www.test.de/Medikamente-Viele-beliebte-Arzneimittel-wenig-geeignet-4611718-4611750/

 

Kommentar & Ergänzung:

Die Kritik an Kombipräparaten gegen Erkältungen ist nicht neu. Siehe auch:

Erkältungsmittel: Hände weg von Kombipräparaten!

Bei Erkältungen nur jene Symptome zu behandeln, die man auch hat, ist bestimmt ein guter Rat.

Der Nutzen eines Zusatzes von Koffein zu Schmerzmitteln wurde in einer Cochrane-Metastudie untersucht. In der Mehrzahl der analysierten Studien wurde Paracetamol oder Ibuprofen eingesetzt, in zwei Studien ASS (= Acetylsalicylsäure, Aspirin), in einer ASS plus Paracetamol.

Die Resultate aller Studien zeigten einen kleinen, aber signifikanten Vorteil für die Kombipräparate: Die Chance, dass mindestens die Hälfte der maximal möglichen Schmerzlinderung erreicht wurde, erhöhte sich um 10 Prozent.

Etwa 15 Patienten müssen ein Schmerzmittel plus Koffein bekommen, damit die Schmerzen bei einem Patienten mehr deutlich gemildert werden als mit dem Schmerzmittel allein.

Die schmerzvermindernde Wirkung des Koffeins war sowohl bei Kopfschmerzen wie auch nach Zahn-Operationen und Entbindungen festzustellen, jedoch nicht bei Menstruationsbeschwerden.

Die nötige Mindestmenge an Koffein lag bei 100 mg – ungefähr die Menge, die mit einer Tasse Kaffee zugeführt wird. Schwere unerwünschte Wirkungen in Zusammenhang mit der Behandlung wurden nicht registriert.

Siehe:

Koffein verstärkt Wirkung von Schmerzmitteln

Der Nutzen eines Zusatzes an Koffein scheint also tatsächlich nicht gerade gross zu sein.

Fazit:

Konsumentinnen und Konsumenten ist sehr zu empfehlen, dass sie sich auch bei frei erhältlichen Medikamenten dafür interessieren, was sie da genau einnehmen und ob das sinnvoll ist. Auf die Beratung in Apotheken und Drogerien ist leider nicht immer Verlass. Es ist jedenfalls nützlich, wenn Konsumentinnen und Konsumenten sich hier ein Basiswissen zulegen. Das gilt im Übrigen auch für Heilpflanzen-Präparate. Auch hier gibt es sehr grosse Qualitätsunterschiede und gerade auch bei Kombipräparaten aus mehreren Heilpflanzen ist die Wirksamkeit oft fraglich.

Siehe auch:

Qualitätssicherung in der Phytotherapie

Wer sich für Wirkstoffe und Heilpflanzen-Anwendungen interessiert, kann dazu fundiertes Wissen erwerben in meinen Lehrgängen, dem Heilpflanzen-Seminar und der Phytotherapie-Ausbildung.