Aromatherapie-Bücher gibt es wie Sand am Meer. Und ätherische Öle sind interessante Wirkstoffe in Heilpflanzen. Allerdings scheint es mit sehr wichtig, Aromatherapie-Bücher sehr kritisch zu lesen. Die allermeisten Autorinnen und Autoren lehnen sich mit ihren Angaben zu Wirkungen und Anwendungsmöglichkeiten sehr weit zum Fenster hinaus.

Ich will das an einem Beispiel illustrieren:

Dietrich Wabner  nennt in seinem «Taschenlexikon der Aromatherapie» (2013) folgende körperliche Indikationen für Thymianöl (Thymian, roter und schwarzer, Thymus vulgaris ct. Thymol und Carvacrol):

Abszesse, Akne, Anämie, Arthritis, Asthma, Bleichsucht, niedriger Blutdruck, Bronchitis, Candidiasis, Cellulitis, Darminfektionen, Darmparasiten, Erkältung, körperlicher Erschöpfungszustand, Furunkel, degenerative Gelenkerkrankungen, Gicht, Grippe, Haarausfall, Harnwegsinfektionen, Hautentzündungen, Husten, chronische Infektionen, Insektenbisse, Ischialgie, Keuchhusten, Krämpfe, Läuse, Lungenentzündung, Magenschwäche, Muskelschmerzen, Nervenschmerzen, Ödeme, Quetschungen, Rheumatismus, Schlaflosigkeit, Schuppen, Sportverletzungen, Tuberkulose, Verbrennungen, Verstauchungen, Warzen, Zahnpflege.»

Das ist eine Ansammlung von wenigen sinnvollen Empfehlungen mit sehr viel Spekulation und komplettem Unsinn. Diese liefern auch andere Aromatherapie-Bücher.

Viele Aromatherapie-Bücher liefern ernsthafte Empfehlungen gemischt mit Spekulation und Unsinn

Die Empfehlungen im «Taschenbuch der Aromatherapie» zeigen das exemplarisch.

All diese Indikationen im Detail zu kommentieren würde wohl 20 Seiten brauchen. Deshalb hier nur ein paar Beispiele:

Plausibel und einigermassen belegt ist die Anwendung von Thymianöl bei Husten / Bronchitis als auswurfförderndes Mittel. Äusserlich wirkt Thymianöl antimikrobiell und juckreizstillend. Das kann Anwendungen bei Akne, Insektenbissen oder Candidiasis passen.

Vollkommen skurril ist die Empfehlung von Thymianöl bei Anämie (Blutarmut). Dazu gibt es weder Belege noch einen plausiblen Wirkungsmechanismus. Zudem gibt es für Anämie eine ganze Reihe von unterschiedlichen Ursachen. Undenkbar, dass Thymianöl hier bei allen Ursachen wirksam sein könnte. Und dann stellt sich noch die Frage, wie der Autor sich die Anwendung vorstellt: Inhalativ? Einnehmen?

Genauso skurril ist die Indikation «Ödeme». Dabei handelt es sich um Wasseransammlungen im Gewebe. Auch hier gibt es ganz unterschiedliche Ödeme mit komplett unterschiedlichen Ursachen. Ödeme können durch Herzschwäche ausgelöst werden, durch Venenschwäche, durch Nierenerkrankungen oder Lebererkrankungen. Und Thymianöl soll nun in allen diesen Fällen helfen? Das ist in höchstem Grad unglaubwürdig. Und auch hier stellt sich die Frage, wie der Autor sich die Anwendung vorstellt: Inhalativ? Einnehmen?

Genau nachfragen

Solche Fragen könnte man an jede der oben aufgeführten Indikationen für Thymianöl stellen. Und um es nochmals klarzustellen. Das «Taschenbuch für Aromatherapie» ist hier kein besonders extremes Beispiel. Die meisten Aromatherapie-Bücher sind nicht besser. Leserinnen und Lesern solcher Werke kann deshalb nur geraten werden, die Angaben nicht blindlings für bare Münze zu nehmen. Nicht die Länge der Indikationsliste ist ein Qualitätsmerkmal, sondern die Fundiertheit der Empfehlungen. Weniger ist hier oft mehr.

Wenn Sie lernen möchten, bei Angaben zu Heilpflanzen und ätherischen Ölen die Spreu vom Weizen zu trennen, dann schauen Sie sich mal die Ausschreibungen zu meinen Lehrgängen an. Hier geht’s zum Heilpflanzen-Seminar und hier zur Phytotherapie-Ausbildung.

Wir haben es hier im Übrigen mit einem Phänomen zu tun, das der Philosoph Harry Frankfurt «Bullshit» genannt hat. Bullshit ist für ihn eine Haltung, bei der es egal ist, ob eine Aussage wahr oder falsch ist. Hauptsache, sie passt ins Konzept des Sprechers oder Schreibers und dient dessen Bedürfnissen. «Bullshit» in diesem Sinn ist ein zunehmendes Problem. Wie man Bullshit erkennt und warum er problematisch ist, habe ich hier beschrieben:

Vorsicht Bullshit!