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Alternativmedizin: Fragwürdige Gallensteinkur mit Olivenöl

Gesundheitliches

Avatar-FotoMartin Koradi20.10.2012

In der Alternativmedizin wird sie unter verschiedenen Bezeichnungen empfohlen – die „Leberreinigung“ „Gallenspülung“ oder  „Gallensteinkur“. Dieses Verfahren soll durch die Einnahme von Bittersalz, Olivenöl und Grapefruitsaft (oder Saft von anderen Zitrusfrüchten), manchmal ergänzt um weitere Zutaten, Gallensteine aus dem Körper abführen.

Bei der Durchführung einer Leberreinigung verbinden sich die eingenommenen Stoffe aus Bittersalz, Olivenöl und Zitrussaft im Körper. Diese Mischung verklumpt im Darm durch Verseifung zu grünlichen steinartigen Gebilden, die mit dem Stuhlgang ausgeschieden und von den Anwendern irrtümlich für Gallensteine gehalten werden. Die Zusammensetzung der Ausscheidungsprodukte ähnelt Gallensteinen aber nicht und ist mit den eingenommenen Ausgangsstoffen erklärbar.

Die Einnahme der Substanzen kann mit Durchfall und Bauchschmerzen verbunden sein. Die Wirksamkeit dieser Art von Gallensteinkuren ist nicht nachgewiesen. Es ist zudem auch ein Fall beschrieben, in dem es, vermutlich durch die hohe Fettbelastung, zu einem mit Koliken verbundenen Steinabgang kam, der zu einer steinbedingten Bauchspeicheldrüsenentzündung (biliäre Pankreatitis) führte.

Die Versprechungen, die mit der Gallensteinkur verbunden sind, gehen aber über das Abführen von Gallensteinen deutlich hinaus.

Der Autor Andreas Moritz, der in seinem Buch «Die wundersame Leber- und Gallenblasenreinigung» das Olivenöl-Rezept propagandiert, behauptet, dass Gallensteine die Leber vom Entgiften des Körpers abhalten. Er macht die Gallensteine für alle möglichen Leiden verantwortlich: von Herzerkrankungen und Krebs über Gelenkprobleme bis hin zu Diabetes und Hautproblemen.

Das Gesundheitsmagazin «Puls» wollte testen, was an der «Leberspülung» dran ist. Redaktorin Sarah Allemann prüfte die Rosskur mit Bittersalz und einem grossen Glas Olivenöl-Grapefruitsaft-Gemisch am eigenen Leibe (gesendet am Montag 6. Dezember 2010 auf SF 1).

Tatsächlich schwammen bei ihr nach viel Bauchweh am zweiten Tag der Kur plötzlich Steinchen in der WC-Schüssel.

Wie vorhergesagt, waren die Klümpchen dunkelgrün, weich und von einigen Millimetern bis zu 3 Zentimetern gross.
«Puls» hatte Allemann allerdings vor der Gallensteinkur per Ultraschall untersuchen lassen.

Sie war frei von Gallensteinen.

«Puls» liess die Steine im Labor am Institut für Klinische Chemie des Universitätsspitals Zürich untersuchen. Hier werden jährlich Tausende von Gallen- und Nierensteinen auf ihre Zusammensetzung analysiert.
Dort zeigte sich, dass die Kügelchen gar keine echten Gallensteine sind: Sie schmelzen nämlich unter einer warmen Lampe, während richtige Gallensteine steinhart sind, erläutert Katharina Rentsch, die Leiterin des Steinlabors.

In einer weiteren Untersuchung brachte sie ans Licht, woraus die vermeintlichen Gallensteine überwiegend bestehen: aus Ölsäure, dem Hauptbestandteil von Olivenöl.

Alle von „Puls“ angefragten Gastroenterologen und Chirurgen halten die «Leberspülung» für Unsinn.

Das Olivenöl verseife sich im Magen zu Klumpen, erläutert etwa Miriam Thumshirn, Magen-Darm-Spezialistin am Claraspital Basel. Wenn jemand wirklich Gallensteine habe, könnte eine Spülung mit mehreren Dezilitern Öl sogar riskant sein. Bei so viel Ölivenöl zieht sich die Gallenblase stark zusammen.  Dies könnte erst recht eine Gallenkolik verursachen.

Kommentar & Ergänzung:

Olivenöl ist ein starkes Cholekinetikum – also ein Mittel, das eine Entleerung der Gallenblase auslöst. Bei einem Gallensteinleiden würde ich Cholekinetika nicht empfehlen wegen dem Risiko einer Gallenkolik, wenn ein Gallenstein abgeht und in den Gallenwegen stecken bleibt.

Solche Empfehlungen, die in der Alternativmedizin ziemlich häufig vorkommen, halte ich für riskant.

Das Beispiel Gallensteinkur zeigt einmal mehr, dass nicht alles, was als traditionelle Volksmedizin daher kommt, wirklich Hand und Fuss hat. Manche Irrtümer halten sich über Jahrhunderte.

Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde ist interessant und oft auch lohnend. Es braucht aber eine prüfende, sortierende Auseinandersetzung, nicht einfach das fraglose Nachbeten alter Gebräuche.

Siehe dazu auch:

Komplementärmedizin – Hat Tradition Recht?

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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