Vor kurzem hat das Verwaltungsgericht in Köln entschieden, dass in begründeten Einzelfällen der Eigenanbau von Cannabis zu therapeutischen Zwecken erlaubt ist.

Näheres siehe dazu hier:

Gericht erlaubt Schmerzpatienten Eigenanbau von Cannabis  (auch mit Informationen zur arzneimittelrechtlichen Situation in der Schweiz).

In der „Deutschen Apothekerzeitung“ publizierte Prof. Dr. Thomas Herdegen daraufhin eine Einschätzung bezüglich der Bedeutung von Cannabis in der Medizin:

„Auch wenn, insbesondere aus den USA, immer wieder neue Anwendungsgebiete für Cannabis propagiert werden, beschränken sich die Indikationen, für die es Hinweise auf einen belegbaren Nutzen gibt, auf Schmerzhemmung, Schmerzen und Spastik bei multipler Sklerose, Anti-Emesis und Appetitsteigerung bei Kachexie.“

Grundsätzlich seien Cannabinoid-haltige Arzneimittel zwar in der Regel gut verträglich, doch zeigten sie große individuelle Unterschiede in der Wirksamkeit. Je nach Indikation würden sie oft in ihrer Wirkung von Arzneistoffen der ersten Wahl übertroffen.

Obwohl in manchen Studien nur gering verbesserte Mittelwerte oder schwache klinische Effekte gezeigt werden konnten, sei nicht auszuschließen, dass gewisse Subgruppen der Patientinnen und Patienten von Cannabinoiden profitieren.

Nach Prof. Herdegen stellen sie daher in der Hand von erfahrenen, im Umgang mit Cannabinoiden vertrauten Therapeuten für einige Erkrankungen eine sinnvolle Therapieoption dar, wobei sie aber meist 2. Wahl seien.

Prof. Herdegen geht auch auf Risiken und Nebenwirkungen ein:

„Die gefürchteten psychogenen Wirkungen mit Missbrauch, Einschränkung kognitiver Fähigkeiten und Entzug beim Absetzen treten, ausgenommen von Einzelfällen, weit jenseits der therapeutischen Dosierungen auf. Beim medizinisch indizierten Einsatz kommt es vor allem zu folgenden, nicht-psychogenen Nebenwirkungen: Müdigkeit, Aufmerksamkeitsstörung, Schwindel, Hypotension, Mundtrockenheit, vermindertem Tränenfluss sowie gastrointestinalen Irritationen. Generell unterliegen die Nebenwirkungen aber einer mehr oder weniger raschen Toleranz (Beginn nach Tagen bis Wochen), was den Verdacht nahelegt, dass das auch bei den Wirkungen der Fall sein könnte.“

Zusammenfassend hält der Experte fest, „dass aus medizinischer Sicht die Cannabinoide zum ‚therapeutischen Arsenal’ gehören, wenn auch als Mittel der zweiten Wahl.“

Gerade in der Schmerztherapie könne dieses Arsenal aber nicht groß genug sein und auch die Standard-Therapeutika wie COX-Inhibitoren und Opioide seien im Umgang nicht weniger problematisch.

Die Kosten für standardisierte Cannabinoid-Arzneimittel sollten daher von den Krankenkassen übernommen werden, wenn ihre Anwendung medizinisch begründet ist, schreibt Herdegen.

Quelle:

http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/pharmazie/news/2014/08/01/wann-cannabis-helfen-kann/13472.html

 

Kommentar & Ergänzung:

Ich teile die Stossrichtung dieser Einschätzung voll.

Cannabis sollte klar zum „therapeutischen Arsenal“ der Medizin gehören.

Und der medizinische Einsatz von Cannabis sollte kritisch diskutiert werden und auf Indikationen begrenzt, für welche ausreichend dokumentierte Wirksamkeit vorliegt. Fragwürdig ist es jedenfalls, Cannabis als Heilmittel für alle möglichen Beschwerden zu propagieren.

Schmerzkranke und Menschen mit Spastik, zum Beispiel bei Multipler Sklerose, sollten aber einen legalen Zugang zu Cannabis als Arznei haben, wenn sie damit ihre Beschwerden lindern können.

Dasselbe gilt für Krebspatienten zur Linderung von Übelkeit und Erbrechen, die als Begleiterscheinung von Chemotherapien auftreten können, sowie zur Linderung von Appetitlosigkeit.

Zum Urteil des Verwaltungsgerichts siehe auch:

Cannabis-Eigenanbau: Pharmazeutische Bedenken 

Und weiteres zur medizinischen Anwendung von Cannabis:

Cannabis als Arznei 

 

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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