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Wesen und Signatur der Heilpflanzen – Gänseblümchen….

Naturheilkunde-Debatte

Avatar-FotoMartin Koradi21.12.2009

Das “Wesen” der Heilpflanze soll für deren Heilwirkung verantwortlich sein. So höre ich es in letzter Zeit ab und zu von wohl eher leichtgläubigen Leuten. Auf Nachfrage konnte mir jedenfalls niemand auch nur einigermassen genauer erklären, was er oder sie denn mit dem “Wesen” meint.
Kürzlich versuchte mir gar eine Heilpraktikerin das “Wesen” des Gänseblümchens zu beschreiben, wie sie es einem Pflanzenbuch entnommen hatte:

Das Wesen des Gänseblümchens sei auf die Bewahrung der kindlichen Unschuld und Reinheit gerichtet. Es versuche sich vor Befleckung durch schuldhaft Verstrickungen, wie sie zum Älterwerden gehören, zu behüten. So scheu und verletzlich es auch sei, könne es dennoch grosse Kräfte freisetzen, um die Folgen von Übergriffen auf seine seelische und körperliche Unversehrtheit zu heilen….

Wesensbeschreibung

Ich habe ziemlich gestaunt ob dieser angeblichen Wesensbeschreibung. Das “Wesen” ist ein sehr komplexer Begriff. Ob es ein Wesen der Dinge gibt und ob und allenfalls wie es wir Menschen erkennen können, darüber gibt es in der abendländischen Geschichte sehr unterschiedliche Auffassungen. Doch mit solchen Details hat sich meine Berichterstatterin nicht herumgeschlagen. “Das Wesen der Heilpflanzen” – das tönt so tiefsinnig, dass genaueres Nachfragen wohl die positiven Schwingungen stören würde…..aber ich will ja nicht “gifteln”. Mir ist es durchaus ernst mit diesen Fragen und ich möchte nur folgendes zu bedenken geben:
Wenn denn ein Wesen des Gänseblümchens existieren sollte, dann würde es bei diesem Wesen meines Erachtens um das Gänseblümchen gehen, und nicht um uns.

Die Wesensbeschreibung, die meine Berichterstatterin mir übermittelt hat, dreht sich aber voll um den Menschen. Das Wesen des Gänseblümchens sei auf die Bewahrung der kindlichen Unschuld und Reinheit ausgerichtet….
Schuld und Unschuld sind meiner Ansicht nach in der Menschenwelt verortete Phänomene. Mit den Heilpflanzen generell und mit dem Gänseblümchen im Besonderen haben sie meines Erachtens gar nichts zu tun. Und ob es zum Wesen des Gänseblümchens gehört, dass es scheu ist, würde ich sehr bezweifeln. Es gibt scheue Menschen und auch scheue Katzen. Aber wenn Scheuheit zu Wesen des Gänseblümchens gehört, dann sind alle Gänseblümchen von Natur aus scheu….

Hier werden menschliche Phantasien, Interpretationen, Projektionen und Assoziationen dem Gänseblümchen “untergejubelt” und dann einer leichtgläubigen Szene als “Wesen” des Gänseblümchens verkauft.

Bevor man einen solch komplexen Begriff wie das “Wesen” verwendet, sollte man meines Erachtens klären, was man damit meint. Sonst redet man vollkommen aneinander vorbei. Sprechen wir vom “Wesen” im Sinne von “Charakter”, dann bewegen wir uns klar im Bereich von Zuschreibungen bzw. Interpretationen. In diesem Sinne sagt man zum Beispiel von einer bestimmten Pferderasse, sie habe ein gutmütiges Wesen. Das ist eine menschliche Beurteilung, die meines Erachtens mit dem Pferd an sich wenig zu tun hat.
Versucht man den Begriff des “Wesens” eher von seiner philosophischen Tradition her zu fassen, geht es dabei um einen ewig gleichbleibenden Kern, der unabhängig von aller Wahrnehmung, Interpretation, Projektion oder Assoziation existiert.

Das Wesen eines Tisches ist dann das, was der Tisch “an sich” ist, also unabhängig von aller Wahrnehmung und Interpretation. Wenn jemand nun behauptet, in diesem Sinne das “Wesen” einer Heilpflanze zu erkennen, dann ist das eine ziemlich fragwürdige Behauptung. Man sagt damit nämlich, dass man den Wesenskern erfassen kann, unabhängig von der eigenen Wahrnehmung und Perspektive, und unabhängig von eigenen Phantasien etc. Darin steckt meines Erachtens ein sehr fragwürdiger Objektivitätsanspruch und eine ziemlich dogmatische Grundhaltung.

Kritische Reflektion

Darum überrascht es mich auch nicht, dass Beschreibungen vom Wesen der Heilpflanzen, von denen ich höre, fast ausnahmslos als absolute Wahrheiten daher kommen. Fragezeichen, Diskussion unterschiedlicher Sichtweisen, kritische Reflektion von Aussagen etc. findet rund um die “Wesensbeschreibungen” meiner Erfahrung nach nicht statt. Genau solche Diskussionen wären aber interessant – anstelle von blinder Gläubigkeit.

Sehr problematisch scheint es mir, wenn auf der Basis solch willkürlicher Interpretationen, Assoziationen und Phantasien angebliche Heilwirkungen von Pflanzen festgelegt werden. Hier kommen meines Erachtens ethische Fragen ist Spiel, weil möglicherweise Patientinnen und Patienten getäuscht werden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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