Pflanzen werden schon seit Urzeiten zu Heilzwecken verwendet. Wie solche Heilwirkungen zustande kommen und wie man sie erkennen und nutzen kann, darüber gab und gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die heute von einigen Autoren propagierte Variante, Wirkungen von einem ominösen “Wesen” herzuleiten, muss aus ethischen, psychologische, historischen und philosophischen Gründen sehr kritisch unter die Lupe genommen werden.
Die Rede vom “Wesen der Pflanze” tönt zwar tiefsinnig. Was genau mit “Wesen” gemeint ist, wird aber kaum je genau bestimmt. So kann sich dann jede und jeder seine eigenen Vorstellungen dazu machen. Das hat zur Folge, dass man sich stundenlang über das “Wesen der Pflanze” unterhalten kann, und dabei vollkommen aneinander vorbei redet, weil jeder etwas anders darunter versteht, diese Unterschiede aber nicht auf den Tisch kommen.
Wenn zum Beispiel das Wesen des Hopfens als “fröhlich” beschrieben wird, wirft dies zahlreiche Fragen auf. Kann eine Pflanze ein fröhliches Wesen haben? Oder wird hier nicht schlicht eine menschliche Eigenschaft auf die Pflanze projiziert? – Immerhin werden ja Menschen auf eine bestimmte Art fröhlich, wenn sie Hopfen in Form von Bier zu sich nehmen. Aus solchen Phänomenen aber auf die Heilwirkungen des Hopfens zu schliessen, entbehrt jeder Seriosität. Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben ein Anrecht auf einen sorgfältigeren Umgang. Von derart wirren Gedankengängen sollten sie verschont werden.
Das “Wesen” ist zudem philosophiegeschichtlich einer der schwierigsten Begriffe überhaupt. Immer aber bezeichnete er etwas Absolutes, Ewiges, Gleichbleibendes, das unabhängig von allen Wandlungen und aller menschlicher Wahrnehmung besteht. Die alten Griechen gingen davon aus, dass es ein solches “Wesen” gibt. Für Platon (427 – 347 v. u. Z.) steckte es allerdings in den ewigen, geistigen Ideen der Dinge. Real existierende Gegenstände waren für ihn so etwas wie eine minderwertige Kopie der wesenhaften Ideen. Sein Schüler Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.) glaubte das Wesen dagegen in den Dingen selbst erkennen zu können. Er sprach von “substantia”, dem Darunterliegenden, das unabhängig von allen sinnlich wahrnehmbaren und veränderlichen Eigenschaften dauerhaft bleibt. Auch Kant (1724 – 1804) ging noch davon aus, dass es so etwas wie ein Wesen gibt. Er nannte es “Ding an sich”. Allerdings hielt er es für ausgeschlossen, dass wir Menschen dieses Wesen erkennen können. Wir nehmen nur Erscheinung war. Was wir wahrnehmen, ist immer wahrgenommene Welt, nicht Welt-an-sich. In jeder Wahrnehmung stecken unsere Sinnesorgane und unser Verarbeitungs- und Denkapparat schon mit drin. Wer ein Wesen der Pflanzen zu erkennen vorgibt, stellt damit seine persönlichen Assoziationen, Interpretationen und Phantasien bezüglich einer Pflanze als allgemein gültig und absolut dar. Damit werden möglicherweise Pflanzen zu narzisstischen Zwecken missbraucht und die Grundlage gelegt für ein Guru-System. Die Position des grossen Kants war jedenfalls bescheidener. Später haben Philosophen wie Friedrich Nietzsche, John Dewey oder Richard Rorty die Vorstellung von der Existenz eines “Wesens” in den Dingen grundsätzlich in Frage gestellt. Die Spaltung der Welt in ein ewiges, wahres Wesen und trügerische, vergängliche Erscheinungen schien ihnen hoch problematisch.

Über die Heilwirkungen der Pflanzen darf es durchaus kontroverse Vorstellungen geben. Von nebulösen Begriffen wie dem “Wesen” der Pflanzen sollte man sich allerdings nicht einlullen lassen, sondern sie mit Nachdruck in Frage stellen.
Falls Pflanzen wirklich ein “Wesen” haben sollten, dann geht es dabei nur um sie selber, dann ist es ihr Wesen. Schaut man sich aber die heute gängigen Beschreibungen über das Wesen der Pflanzen genauer an, dann beziehen sie sich in der Regel auf den Menschen mit seinen Beschwerden. Damit wird der Mensch aber meines Erachtens für viel zu wichtig genommen. Wenn das Wesen der Wilden Möhre darin bestehen soll, dass zerstreute Kräfte wieder auf den Mittelpunkt hingeführt werden und der Blick für das Wesentliche geschärft wird, dann ist das eine Enteignung. Das Wesen der Wilden Möhre wird auf die Bedürfnisse des Menschen hin umgebogen.
Oder beim Gänseblümchen: Es soll tatsächlich das Wesen des Gänseblümchens sein, die Folgen einer Versehrung, einer physischen oder psychischen Gewaltanwendung zu lindern. Das heisst: Der Kern der Existenz des Gänseblümchens soll darin liegen, uns zu heilen von Gewaltanwendung. Es geht im Wesen also nicht um das Gänseblümchen. Es geht exklusiv um uns. Eine ausgesprochen hochmütige Angelegenheit.

Gelegentlich wird von “Wesen der Pflanzen” auch gesprochen im Sinne eines inneren Kerns. Damit wird die Pflanze quasi auseinandergerissen. Wer vom inneren Kern spricht trennt diesen von randständigeren, offenbar weniger wichtigen Bereichen. Diese Trennung ist anmassend. Etwas krasser ausgedrückt: Wer vom “Wesen der Pflanze” spricht, impliziert damit auch, dass es ein “Unwesen der Pflanze” gibt. Das sagt natürlich keiner der “Wesens-Apostel” so, doch es folgt automatisch aus ihren Theorien: Wer ein Wesen setzt, setzt auch ein Un-wesen.
Dem könnte man mit Goethe entgegnen: “Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.”
Die Trennung in ein Wesen als ewiges, wahres Prinzip und in das Erscheinende als täuschend und vergänglich, hat die Geschichte des abendländischen Denkens geprägt. Die gravierenden Folgen dieser Trennung sind bis heute wirksam. Wir sollten diese Trennung nicht weiterhin aufrechterhalten, indem wir ein Wesen der Pflanzen herbeiphantasieren. Und wir sollten uns nicht dazu versteigen, den Pflanzen ein Wesen überzustülpen, das ganz und gar auf unsere Heil(ung)sbedürfnisse zugeschnitten ist. Diese Vorstellung scheint mir viel zu eng und zu anthropozentrisch.
Mir wäre ganz im Gegensatz dazu wichtig, dass wir die Heilpflanzen in ihrem eigenen Dasein kennenlernen, ohne alles immer sofort auf uns zu beziehen. Wo lebt die Pflanze? Welche Ansprüche hat sie an ihre Umgebung? Wie hat sie sich durch Formen und Farben an ihre Lebensbedingungen angepasst? Wem dient sie als Nahrung? Bei all diesen Phänomenen geht es um die Pflanze selbst, nicht um uns. Darum scheint es mir frevelhaft, daraus ein Wesen abzuleiten, das auf unsere Bedürfnisse gerichtet ist.
Die Heilpflanzen sind ganz für sich betrachtet schon faszinierend.
Dazu kommt dann noch die ästhetische Ebene. Auf die Schönheit der Pflanzen können wir uns intensiver einlassen, wenn wir sie ohne Nützlichkeitsdenken betrachten. Denn Schönheitsempfinden hat viel zu tun mit interesselosem Schauen. Diese Erlebnisqualität wird beeinträchtigt, wenn wir den inneren Kern der Pflanze in einem Wesen fixieren, das uns zu Heilzwecken dienlich sein soll.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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