Im vergangenen Sommer auf einer Heilpflanzen-Exkursion in den Bergen: Wir treffen auf Augentrost, eine hübsche Pflanze, die traditionell als Augenbad oder Umschlag bei leichteren Bindehautentzündungen eingesetzt wird. Eine teilnehmende Heilpraktikerin sagt mit grosser Überzeugung: “Augentrosttee trinken hilft bei Entzündungen aller Art!” – Ich stutze weil die innerliche Anwendung von Augentrost sehr unüblich ist und frage nach, wie sie zu dieser Aussage kommt. Wir sollten meines Erachtens wenn immer möglich ungewöhnliche Aussagen über Heilpflanzen nicht sofort reflexartig ablehnen, sondern nach den Hintergründen fragen. Die Dame erklärt also, dass sie dies so in ihrer Phytotherapie-Ausbildung gelernt habe. Mich überrascht das, weil dieser Anwendungsbereich des Augentrosts in der Phytotherapie nicht bekannt ist. Also frage ich nach, wie diese Aussage begründet wurde. Wenn wir wissen, wie jemand zu einer Überzeugung gekommen ist, können wir sie besser beurteilen und uns eine eigene Meinung bilden.

Die Erklärung lautete folgendermassen:

“Im Hitzesommer 2003 litten aussergewöhnlich viele Menschen an Entzündungen. Und genau in diesem Sommer wuchsen auch besonders viele Augentrostpflanzen.” – Das häufigere Auftreten des Augentrosts wurde also als Zeichen gedeutet dafür, dass er gegen die ebenfalls häufigeren Entzündungen helfen soll. Der Augentrost kommt zu uns, wenn wir ihn brauchen. Diese Begründung hat mich ziemlich erschüttert. Erstens leite ich seit 1986 jeden Sommer Heilpflanzen-Exkursionen in den Bergen und mir ist nicht aufgefallen, dass der Augentrost im Jahr 2003 überdurchschnittlich häufig zu sehen war. Auch mit den vermehrten Entzündungen im Sommer 2003 kann ich nicht so recht etwas anfangen.

Aber selbst wenn dieses gehäufte Auftreten von Augentrost und Entzündungen im Sommer 2003 tatsächlich stattgefunden hätte, bliebe der daraus konstruierte Zusammenhang immer noch höchst fragwürdig.
Wenn der Augentrost in einem bestimmten Jahr besonders häufig auftritt, dann kommt das meines Erachtens daher, weil die Bedingungen für seine Entwicklung besonders günstig waren. Es geht dabei um ihn selbst und nicht um uns und unsere Krankheiten.

Ich höre ähnliches immer wieder:

Die Pflanzen, die zu mir in den Garten kommen, sind genau diejenigen, die ich auch brauche. Es gibt da offenbar eine geheime Verständigung zwischen Pflanze und Mensch. Sie kommt zu mir, weil sie mir helfen will. Ich halte diese Vorstellung für hoch anthropozentrisch. Der Mensch steht hier im Mittelpunkt der “Veranstaltung” Natur und die Heilpflanzen kümmern sich um ihn. Eine schöne Vorstellung, die unserem Narzissmus gehörig schmeichelt. Etwas mehr Demut gegenüber der Natur wäre angebracht.
Die Idee, dass ich genau diejenige Heilpflanze brauche, die zu mir in den Garten kommt, hat über die narzisstischen Streicheleinheiten hinaus aber noch einen weiteren grossen Vorteil: Es ist immer fraglos klar, welche Pflanzen ich gerade nötig habe. Es gibt keinen Zweifel und ich muss auch nicht darüber nachdenken und mich damit auseinandersetzen. Es zeigt sich ohne all diese Mühen.

In diesem Sinne haben wir es hier meines Erachtens nicht nur mit einer narzisstischen, sondern auch mit einer denkfaulen Haltung zu tun

Weil ich solche Ansichten immer mal wieder höre, sagen sie meiner Meinung nach etwas aus über das erschreckend naive Argumentationsniveau in manchen Kreisen der Pflanzenheilkunde. Nur immer schön das Gehirn ausgeschaltet lassen. Das ist ja ein Körperteil, der nicht zur Ganzheitlichkeit gehört……
Wenn nun ein Mensch für sich selber solche Ansichten pflegt und sich danach richtet, ist das ja sein gutes Recht. Wenn aber dann auf diese Art Patientinnen und Patienten behandelt werden, scheint mir das höchst fahrlässig.
Schauen Sie also genau und kritisch hin, wenn Sie sich in diesem Terrain bewegen. Es kann nicht sein, dass Ansichten und Haltungen nur schon deswegen kritikimmun sind, weil sie als natürlich daher kommen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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