Naturheilkunde gilt im allgemeinen ja als menschenfreundlich und hat solche Aspekte auch. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Es gibt in diesem Bereich auch Theorien und Ideologien, die meines Erachtens hoch problematisch, anmassend und menschenfeindlich sind. Daher scheint es mir sehr wichtig, dass wir lernen, sorgfältig hinzuschauen und zu unterscheiden.
Ich möchte diese für viele Freunde und Freundinnen der Naturheilkunde vielleicht provozierende Aussage mit einem Beispiel illustrieren.

Das Kantonsspital Winterthur führte dieses Jahr erstmals “Tumortage” für an Krebs erkrankte Menschen und ihre Angehörigen durch. Während zweier Tage fand ein vielfältiges Vortragsprogramm statt mit Informationen zur Tumortherapie, aber auch darüber hinaus zum Umgang mit diesen Erkrankungen. Ich selber konnte zwei Vorträge halten zum Thema Phytotherapie im Umfeld der Onkologie. Mit Heilpflanzen lassen sich viele krankheits- oder therapiebedingte Beschwerden von Krebskranken lindern, was zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann.

Im Vorfeld der Veranstaltung

Im Vorfeld der Veranstaltung wurde ich von den Veranstaltern vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass ein Teil des Publikums möglicherweise wegen der Krankheit oder der Therapie nur eingeschränkt aufnahmefähig sein könnte. Das mag bei einzelnen auch so gewesen sein. Aber im Ganzen gesehen habe ich selten ein so präsentes Publikum erlebt. Die engagierte Atmosphäre im Saal hat mich beeindruckt, und zwar sowohl von den Kranken und ihren Angehörigen als auch von den beteiligten und anwesenden Ärzten her. Diesen Menschen ging es um etwas Existenzielles, nicht nur um ein “nice to have”.

Am Abend fand unter dem Titel “Alles Liebe….” eine öffentliche Veranstaltung statt. In einem sehr berührenden, interaktiven Theaterstück setzen sich Krebskranke und Theaterleute sehr engagiert und differenziert mit den schwierigen Rollen der Tumorkranken in den Spannungsfeldern von Medizin, Familie und Beruf auseinander. Ganz am Ende dieser dichten zwei Stunden, die Moderatorin hatte schon zum Schlusswort angesetzt, sagte eine Person aus dem Publikum:

“Vielleicht noch etwas ganz Anderes. Ich bin Naturärztin. Ich möchte nur sagen: Die Gesetze der Natur bieten immer eine Lösung.”

Diese paar Sätze kamen bei mir auf verschiedenen Ebenen wie ein Hammer an. Da präsentiert jemand mit ziemlich missionarischem Einschlag die simple (Heils-)Lösung für alle Probleme im Saal – ein Faustschlag ins Gesicht von Betroffenen, die sich gerade hoch emotional beteiligt mit ihrer komplexen Lebenslage als Tumorkranke auseinandergesetzt haben. Wer hier noch krank ist, hat offenbar einfach die Gesetze der Natur noch nicht begriffen oder jedenfalls nicht befolgt. Das halte ich für eine Arroganz der Sonderklasse. Die Aussage läuft eigentlich darauf hinaus, dass, wer Krebs hat, einfach noch nicht so weit ist in seiner/ihrer Entwicklung und noch nicht “gecheckt” hat, worauf es ankommt. Diese Grundhaltung scheint mir eine Frechheit und sehr weit entfernt von einem partnerschaftlichen Verhältnis zur kranken Person.

Die Sätze zeugen aber auch von einer ideologischen Blindheit ersten Ranges: Die Gesetze der Natur, das hätte für die allermeisten der im Saal anwesenden Tumorkranken bedeutet: Der Krebs wächst, die kranke Person stirbt und das möglicherweise qualvoll. Jede effektive Bekämpfung des Tumors und jede Linderung der Beschwerden verstösst in diesem Sinne gegen die Natur. Denn der Tumor selbst ist auch Natur. Vor dieser für uns brutalen Seite der Natur verschliessen meiner Beobachtung nach nicht wenige Naturärzte und Naturärztinnen die Augen. Sie sind einer sehr einseitigen Idealisierung der Natur verhaftet (und reden dabei oft von Ganzheitlichkeit…..).

Dass diese Naturärztin ihre Sätze erst ganz am Schluss deponierte, passt genau zu dieser abgehoben-arroganten Haltung:

Sie nahm keinerlei Bezug zum interaktiven Geschehen im Theaterstück oder im Publikum. Und es hatte so ganz am Schuss auch niemand mehr die Möglichkeit, darauf dialogisch zu reagieren. Keine Spur einer dialogischen Haltung. Im Gegenteil: Offenbar ging es um ein einseitiges, isoliertes Statement im Sinne einer geäusserten Glaubensüberzeugung. Monologischer geht es kaum. Mich schaudert, wenn ich mir vorstelle, wie solche Leute in ihrer Praxis mit Patientinnen und Patienten umgehen – und dabei immer – ich habe es oben schon mal gesagt – von Ganzheitlichkeit schwafeln.
Ich würde dieses Beispiel nicht bringen, wenn es ein Einzelfall wäre. Dem ist aber nicht so. Ich habe leider in meiner über 25jährigen Lehrtätigkeit im Bereich der Naturheilkunde immer wieder solche Geschichten erlebt.

Wenn Sie krank sind, lassen Sie sich solche Arroganz nicht bieten, die immer genau weiss, was Sie zu tun haben, damit Sie garantiert gesund werden. Und wenn Sie gesund sind, dann achten Sie doch bitte bei sich und anderen auf diese unselige Neigung zu simplen (Heils-)Rezepten in schwierigsten Situationen. Vielleicht sind wir ja alle manchmal an solchen Punkten mehr oder weniger anfällig.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Pflanzenheilkunde

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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