In meiner über 25jährigen Lehrtätigkeit im Umfeld der Naturheilkunde bin ich deutlich skeptischer geworden gegenüber diesem Bereich. Der Hauptgrund dafür: Ich habe eindeutig zu viele Leute getroffen, die sehr einseitig unkritisch alles toll fanden, was als natürlich daher kommt, und alles “medizinische” als schlecht oder gar böse. Diese Schlagseite scheint mir sehr problematisch. Vorzuziehen wäre eine optionale Haltung, welche Wahlmöglichkeiten anbietet: Je nach Situation kann eine medizinische oder naturheilkundliche Behandlung angemessener sein.

Von Nietzsche (1844 – 1900) gibt es ein Zitat, das mir zu diesem Thema passend scheint:

“Gewöhnlich strebt man darnach, für alle Lebenslagen und Ereignisse eine Haltung des Gemüts, eine Gattung von Ansichten zu erwerben, das nennt man vornehmlich philosophisch gesinnt sein. Aber für die Bereicherung der Erkenntnis mag es höheren Wert haben, nicht in dieser Weise sich zu uniformieren, sondern auf die leise Stimme der verschiedenen Lebenslagen zu hören; diese bringen ihre eigenen Ansichten mit sich. So nimmt man erkennenden Anteil am Leben und Wesen vieler, in dem man sich selber nicht als starres beständiges eines Individuum behandelt.”

(Friedrich Nietzsche, Werke I, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main, 1979, Menschliches, Allzumenschliches, Nr. 618, S. 719)

Mir gibt es in der Naturheilkunde entschieden zu viele Leute, die nicht auf die leise Stimme der verschiedenen Lebenslagen hören, sondern apodiktische Urteile fällen wie: Niemals Cortison! Auf keinen Fall Antibiotika! Keine Chemotherapie! – Das halte ich in vielen Fällen für grob fahrlässig und solche “Heilerinnen” oder “Heiler” verursachen zum Teil schwere Erkrankungen oder Todesfälle. Blinde Verteidiger der Naturheilkunde werden darauf erwidern: Und die Probleme mit Antibiotika und Cortison? Die Nebenwirkungen der Chemotherapie? Die Todesfälle durch Fehler der Medizin? – Mag schon sein und ich propagiere ganz und gar nicht Kritiklosigkeit gegenüber Auswüchsen und Risiken der Medizin. Aber rechtfertigen sich dadurch die Probleme der Naturheilkunde? Etwa nach dem Motto kleiner Kinder: Ich nicht, aber er auch!

Meiner Meinung nach muss die Naturheilkunde mit Nachdruck vor der eigenen Türe wischen. Dazu braucht es eine interne Kritikkultur, die einseitige und grössenwahnsinnige Haltungen und Dogmen in der eigenen “Szene” verstärkt in Frage stellt. Diese kritische Auseinandersetzung ist vor allem auch deshalb so notwendig, weil es in den Bereichen Naturheilkunde / Komplementärmedizin ganz fundamental an Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle mangelt.
Eine optionale Grundhaltung und die kritische Auseinandersetzung im eigenen “Lager” sind meines Erachtens die unabdingbare Basis für eine positive Entwicklung von Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

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