In Teilen der Pflanzenheilkunde hält sich die Vorstellung, dass die Heilpflanzen uns durch ihre Formen und Farben mitteilen, welche Kräfte sie enthalten und wozu sie für uns gut sind. So wird beispielsweise vom schwarzen Punkt im Zentrum der Wilden Möhre (Daucus carota) geschlossen, dass diese Pflanze geeignet ist für Menschen, die sich zentrieren müssen.
Diese “Signaturenlehre” hatte ihren Höhepunkt in der Renaissance. Sie ist medizinhistorisch von grosser Bedeutung und passt genau ins Denken der Renaissance, in dem Ähnlichkeitsdenken eine wichtige Rolle spielte.
Dass die Rede von der Signatur der Pflanzen heute wieder attraktiv wird, hat aber ganz andere Gründe, welche im folgenden Zitat von Nietzsche anklingt:

“Die Neutralität der grossen Natur (in Berg, Meer, Wald und Wüste) gefällt, aber nur eine kurze Zeit: Nachher werden wir ungeduldig. ,Wollen denn diese Dinge gar nichts zu uns sagen? Sind wir für sie nicht da?‘ Es entsteht das Gefühl eines crimen laesae majestatis humanae.”
Friedrich Nietzsche, Philosoph, 1844 – 1900,
aus: Menschliches, Allzumenschliches, zweiter Nachtrag: Der Wanderer und sein Schatten (1880)

Es entsteht also nach Nietzsche ein Gefühl der Beleidigung seiner Majestät, des Menschen, wenn klar wird, dass die Natur uns nichts zu sagen hat, sich nicht an uns wendet. So könnte man den Schluss dieses Zitates frei übersetzen. Nietzsche trifft hier wohl tatsächlich eine empfindliche Stelle des modernen Menschen. Im Mittelalter galt die Erde als Mittelpunkt des Kosmos und der Mensch als Krone der Schöpfung. Die ganze Welt war sinndurchtränkt. und – auch in der Renaissance – erfüllt mit Zeichen und Botschaften für den Menschen. In der Neuzeit verlor die Erde ihre zentrale Stellung im Kosmos und der Mensch seine herausgehobene Position in der kosmischen Veranstaltung. Dieser Vorgang wird immer wieder als eine Art Kränkung beschrieben. Man könnte Nietzsches Philosophie als Aufforderung deuten, diesem Verlust ins Auge zu sehen und die Welt auch dann zu lieben, wenn sie keinen vorgegebenen Sinn und keine Botschaft für uns bereit hält, sich nicht um uns kümmert.

Auf die Pflanzenheilkunde bezogen könnte man sagen: Das Festhalten an der Vorstellung, dass Pflanzen eine Signatur für uns bereithalten, ist eine Weigerung, die Entthronung des Menschen zu akzeptieren. Die damit verbundene Kränkung wird abgewehrt. Der emotionale Gewinn, die Vorstellung, von den Pflanzen gemeint zu sein, vernebelt dabei, dass es keine auch nur einigermassen plausiblen Gründe gibt für die Annahmen, dass Formen und Farben der Pflanzen mit ihren Wirkungen zusammenhängen.
Die Vorstellung, dass Heilpflanzen sich mittels einer Signatur an uns richten, uns dadurch etwas mitteilen, stellt dem Menschen wieder ins Zentrum der “Natur-Veranstaltung”. Sie ist zutiefst anthropozentrisch. Und sie führt in der Pflanzenheilkunde zu krassen Fehlbehandlungen.
Meines Erachtens ist es bescheidener und dem Menschen angemessener, wenn wir uns nicht so stark ins Zentrum stellen. Und akzeptieren, dass die Pflanzen sich nicht mit Signaturen an uns wenden.

Auch mit dieser bescheideneren Haltung können wir Pflanzen gern haben, uns an ihnen freuen und in Beziehung zu ihnen treten. Meiner Ansicht nach ist dies sogar eine bessere Basis für eine gute Beziehung zu den Pflanzen.
Eine Beziehung zu Pflanzen, die sich als Heilpflanzen um uns kümmern und auf uns ausgerichtet sind, ohne ihrerseits Ansprüche an uns zu stellen, ist ziemlich einseitig und simpel.
Dagegen scheint es mir anspruchsvoller und auch wertvoller, eine Beziehung zu Pflanzen zu pflegen im Bewusstsein, dass sie nur für sich da sind und nicht auf uns gerichtet.
Wenn ich mich kritisch zur Mode von der Signatur der Pflanzen stelle, dann aus diesen zwei Gründen:
– Erstens sind die propagierten Signaturen meines Erachtens ziemlich willkürliche Interpretationen von Farben und Formen der Pflanze, was zu unverantwortlichen Fehlbehandlungen führt. Die Phantasie von der zentrierenden Wirkung der Wilden Möhre ist hier ein gutes Beispiel.
– Zweitens geht es mir um weniger Anthropozentrik und mehr Bescheidenheit in der Beziehung zu Pflanzen und insbesondere zu Heilpflanzen.

Und das alles auf dem Hintergrund der Aufforderung Nietzsches, die Welt auch dann zu lieben, wenn sie keinen vorgegebenen Sinn und keine Botschaft für uns bereit hält, sich nicht um uns kümmert.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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