In der “NZZ am Sonntag” von 12. April 2009 setzt sich Urs Guthauser unter dem Titel “Noch nie etwas von Quantenphysik gehört?” für die Neuraltherapie ein, um die es in der Abstimmung vom 17. Mai unter anderem geht. Urs Guthauser ist Facharzt für Chirurgie und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Neuraltherapie. Der Artikel zeigt meines Erachtens einige Grundprobleme, die wir im Spannungsfeld zwischen Medizin und Komplementärmedizin haben.

Guthauser argumentiert vor allem mit Erkenntnissen der Quantenphysik, die von der Schulmedizin nicht zur Kenntnis genommen würden.
Nun ist Quantenphysik aber ein diffiziles Terrain. Tönt hoch wissenschaftlich und hat damit erstaunlicherweise auch in Esoterik-Kreisen eine hohe Glaubwürdigkeit. Andererseits versteht der allergrösste Teil der Menschen – ich schliesse mich hier ein – davon nicht einen Schimmer. Das ist eine gute Voraussetzung für Einnebelung.

Klar scheint mir: Die Ergebnisse der Quantenphysik werden von den Fachleuten unterschiedlich interpretiert, gerade auch was ihre Bedeutung für die Medizin anbelangt.
Sehr erstzunehmende Physiker wie Prof. Martin Lambeck haben beispielsweise mit präzisen Argumenten gegen die Vereinnahmung der Quantenphysik durch Fritjof Capra Stellung genommen.

Bezüglich der Abstimmung vom 17. Mai stellt sich nun die Frage:

Warum soll eine Interpretation der Quantenphysik, wie sie Urs Guthauser für die Neuraltherapie in Anspruch nimmt, und die sich in der wissenschaftlichen Diskussion (jedenfalls bisher) nicht durchsetzen konnte, von den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern auf politischen Weg bevorzugt werden. Notabene durch Stimmende, die von Quantenphysik überwiegendst keine Ahnung haben.

Dafür müsste man mir sehr starke Argumente liefern, und das tut Urs Guthauser meines Erachtens nicht.

Guthauser wendet sich gegen Doppelblind-Studien und macht dieses Instrument der Erkenntnisgewinnung tendenziell eher lächerlich. Seine Begründung dieser Ablehnung bleibt aber sehr nebulös. An anderer Stelle legt er dar, dass komplementärmedizinische Methoden mit schulmedizinischen Möglichkeiten eben nicht messbar seien, weil sie auf der quantenphysikalischen Ebene wirken.

Kein Argument

Zumindestens gegen die Doppelblind-Studien ist das kein Argument. Eine Doppelblind-Studie misst die Linderung von Beschwerden an Patienten. Wie diese Linderung zustande kommt – ob quantenphysikalisch oder “konventionell”, ist in diesem Zusammenhang egal. Was also spricht konkret gegen Doppelblind-Studien zur Überprüfung der Neuraltherapie? – Ich würde nicht behaupten, dass Doppelblindstudien der einzige gültige Massstab sind. Da könnte ich auch in meinem Bereich – der Phytotherapie / Pflanzenheilkunde – “den Laden dichtmachen”, weil nur ein paar Dutzend Heilpflanzen-Präparaten “doppelblind” belegt sind.

Allerdings sollte, wer Doppelblindstudien ablehnt, schon genauer erläutern, wie er denn gedenkt, eine Wirksamkeit seiner Methode plausibel zu machen. Wenn Urs Guthauser im Artikel einfach behauptet, die positiven Effekte der Neuraltherapie seinen “klar erkennbar, auch wenn sie nicht immer messbar sind”, dann reicht das nicht.

Placebo-Phänomen

Es braucht eine ernsthafte und sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Placebo-Phänomen, weil dieser Effekt bei allen therapeutischen Massnahmen auftritt, ob sie nun “schulmedizinisch” sind oder “komplementär”. Bei Injektionen, wie sie die Neuraltherapie einsetzt, ist der Placebo-Effekt zudem in der Regel grösser als bei Tees oder Tabletten. Guthauser wischt das Placebo-Phänomen etwas gar schnell vom Tisch.

Es braucht eine Auseinandersetzung mit dem oft hohen Anteil, welchen Selbstheilungvorgänge und normale Schwankungen im Verlauf chronischer Krankheiten an der Besserung von Beschwerden haben. Wer diese Effekte vorschnell der eigenen Therapie zuschreibt, macht sich etwas vor und täuscht möglicherweise auch Patientinnen und Patienten.

Ich sehe im Artikel von Urs Guthauser keine Offenheit für solch kritische Reflexion (aber vielleicht täusche ich mich da).

Im Gegenteil:

Der Artikel kommt ziemlich überheblich daher gegenüber allen, die halt zu borniert sind um Quantenphysik zu verstehen und immer noch skeptisch gegenüber der Neuraltherapie. Kein gute Voraussetzung für eine offene Diskussion.

Guthauser spielt undifferenziert mit dem Feindbild “Schulmedizin”:
“Die Schulmedizin sieht den Körper getrennt vom Geist. Sie sieht den Körper als aus Einzelteilen zusammengesetzte Maschine.”
So habe ich mich von meinem Hausarzt jedenfalls noch nie auch nur ansatzweise betrachtet bzw. behandelt gefühlt. Nicht einmal von meinem Augenarzt oder von meiner Ärztin für physikalische Therapie könnte ich das behaupten. Was soll also diese pauschale Verzerrung. Wer sich so behandelt fühlt, soll sich einen anderen Arzt oder eine andere Ärztin suchen.

Und wenn Guthauser schreibt, dass die Schulmedizin den Körper getrennt vom Geist sieht, dann stimmt das so generell auch nicht.

Wissenschaft ist meiner Ansicht nach tendenziell eher monistisch und weniger dualistisch

Die pauschale Polemik gegenüber der “Schulmedizin”, die in diesem Artikel anklingt, ist eines der Kernprobleme im Bereich der Komplementärmedizin. Genauso fragwürdig ist aber natürlich umgekehrt auch die (oft) faktenfreie Polemik eines Beda Stadlers, der die “Komplementärmedizin” in der Regel sehr undifferenziert in einen Topf wirft.

Ich hatte mal sehr viel Verständnis für die Klagen aus der Komplementärmedizin über die Feindbilder der “Schulmedizin”. Es hat lange gedauert bis ich gemerkt habe, dass sehr viele ärztliche und nichtärztliche Vertreter der Komplementärmedizin ihrerseits massiv auf das Feindbild “Schulmedizin” angewiesen sind.
Seither versuche ich mich möglichst ausserhalb dieser Lager zu positionieren.

Links zu weiteren Beiträgen zur Abstimmung vom 17. Mai finden Sie unten rechts.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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