Chefredaktor Bruno Kesseli schrieb in der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87: 3) :

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen ver-
breitet zu sein.”

Das ist meiner Ansicht nach die einzige besonnene und konstruktive Haltung zum Thema Komplementärmedizin.

Es gibt wirksame und unwirksame Komplementärmedizin. Es ist nicht einfach, zwischen wirksam und unwirksam zu unterscheiden, aber wer seriöse Komplementärmedizin anbieten will, kommt um diese Unterscheidung nicht herum. Dann stellt sich sofort die Frage, nach welchen Kriterien diese Unterscheidung zu machen ist, und hier fängt die Arbeit erst an.

Auf diesem Hintergrund finde ich es ausgesprochen fragwürdig, wenn nun im Zuge der Abstimmung vom 17. Mai die Befürworter der Vorlage pauschal und undifferenziert behaupten, dass die Wirksamkeit aller fünf zur Diskussion stehenden Methoden (TCM, Homöopathie, Phytotherapie, Neuraltherapie, Anthroposophische Medizin) wissenschaftlich belegt sei.

Das ist meines Erachtens nicht im Ansatz wahr

Mein eigener Fachbereich, die Phytotherapie, ist unter den fünf erwähnten Methoden wohl unbestritten die am besten wissenschaftlich dokumentierte. Trotzdem gibt es viele Heilpflanzen, über die kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.
Es sind immer einzelne Heilpflanzen in bestimmten Zubereitungsformen (z.B. Extrakte), für die kontrollierte Studien existieren. Das heisst für mich nicht, dass andere Heilpflanzen nicht angewendet werden dürften, aber man muss um diese Unterschiede wissen und offen damit umgehen.

Wer Komplementärmedizin undifferenziert als Gesamtpaket toll findet und fördern will, unterstützt damit das “Lagerdenken” zwischen Medizin und Komplementärmedizin. In diesem Sinne scheint mir die Abstimmung vom 17. Mai nicht gerade konstruktiv. Der Slogan der Befürworter – “Natürlich gemeinsam” – ist zwar sympathisch, doch wage ich zu bezweifeln, ob ein solcher Verfassungsartikel dazu beitragen wird.

Als jemand, der seit über 25 Jahren versucht, Brücken zu bauen zwischen Medizin und Naturheilkunde, bin ich nicht sehr glücklich über die erneute Polarisierung, welche diese Abstimmung mit sich bringt – und dies vor allem wegen der pauschalen “Heiligsprechung” der Komplementärmedizin durch die Befürworter.

Die Haltung von Bruno Kesseli dagegen würde dazu beitragen, die Feindbilder zwischen Medizin und Komplementärmedizin aufzuweichen.

Darum wäre mein Slogan:

Mehr differenzieren, weniger pauschalisieren, wenn es um Wirksamkeiten geht.
Kritische Punkte in der Komplementärmedizin ansprechen und klären, statt unter den Tisch wischen.

Ich bin sicher, dass dadurch die Komplementärmedizin Fortschritte machen und die Kooperation von Medizin und Komplementärmedizin sich verbessern würde.

Für mich ist immer noch offen, ob ich am 17. Mai JA oder NEIN stimmen werde, aber ich erwarte von den Befürwortern dieses Verfassungsartikels viel differenziertere Argumente.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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www.phytotherapie-seminare.ch

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Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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