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Abstimmung Komplementärmedizin: Beda Stadler’s „alter Hut“…

Gesellschaftliches

Avatar-FotoMartin Koradi24.04.2009

Das Diskussionsniveau bereffend der Abstimmung von 17. Mai zum Verfassungsartikel betreffend Förderung der Komplementärmedizin scheint mir immer noch sehr tief – und das auf beiden Seiten.
In den Stellungsnahmen der Befürworter zeigt sich meinem Eindruck nach immer wieder jenes verkrampft-einseitige Lagerdenken, das sie mit dem Slogan “natürlich gemeinsam” zu überwinden vorgeben.
Die Gegner kommen hauptsächlich mit finanziellen Argumenten (Mehrkosten!), was mir aber ziemlich lasch und nicht sehr überzeugend scheint.
Dann gibt es von der ablehnenden Seite noch den Blog von Beda Stadler in der NZZ.
Beda Stadler ist als Immunologe zweifellos eine Kapazität auf seinem Gebiet.
Bezüglich Komplementärmedizin bringt er aber in seinem Blog bisher viel Polemik mit schwachen Argumenten.

Im Blog-Beitrag von 23. April befasst sich Beda Stadler unter dem Titel “Avogadro oder Uri Geller” mit der Homöopathie:

“Häufig werden Präparate mit mehr als D30 verkauft. Würde man eine solche Verdünnung mit einem Tropfen in einem Schritt machen, würden alle Weltmeere dazu nicht ausreichen. Man bräuchte 50-mal das Volumen unseres Planeten. Warum weiss ein Wissenschaftler so was? Ganz einfach, Herr Avogadro, ein Zeitgenosse von Herrn Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, hat das berechnet. Das ist eigentlich Lehrstoff eines Untergymnasiums und wird von niemandem bestritten. ?Steht also auf einem Fläschchen eine Zahl grösser als D23 oder C12 (siehe Hausapotheke!), können Sie Gift drauf nehmen, dass kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist. Wer sowas einem Patienten verabreicht, verkauft also reinen Zucker oder Hahnenwasser.”

Natürlich kann man gegen die Homöopathie den Einwand erheben, dass in so hohen Verdünnungen kein einziges Molekül mehr vorhanden sei.

Nur: Dieses Argument ist schon so alt wie die Homöopathie selber, also etwas über 200jährig. Nicht mehr ganz taufrisch also.

Und es greift nur beschränkt, weil die Homöopathinnen und Homöopathen gar nicht abstreiten, dass in so hohen “Potenzierungen” keine materiellen Wirkstoffe mehr vorhanden sind.

Häufig zu hören sind aus Homöopathie-Kreisen Vorstellungen, wonach das Wasser eine Art von Gedächtnis habe. Dieses “Wasser-Gedächtnis” könne Informationen des Ausgangstoffes speichern und an den Organismus weitergeben.

Ich finde, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Homöopathie müsste auf diese Vorstellungen eingehen und nicht nur den “Alten Hut” mit den fehlenden Inhaltsstoffen wiederkäuen.
Aus der Physik gäbe es offenbar starke Argumente gegen eine “Wassergedächtnis”. Ich selber bin in diesem Bereich allerdings nicht fachkundig genug.

Noch zentraler scheint mir die Frage:

Angenommen, das Wasser hätte tatsächlich ein Gedächtnis.
Wenn nun die potenzierte Lösung mit dem “Wasser-Gedächtnis” und der darin enthaltenen Information auf das Milchzucker-Globuli aufgesprüht wird, verdunstet doch das Alkohol-Wasser-Gemisch.
Wo bleibt nun das “Gedächtnis”? Verdunstet es mit dem Alkohol-Wasser-Gemisch? Dann ist die Information nicht auf dem Globuli. Oder geht es auf das Milchzucker-Globuli über? – Dann müsste jedoch auch der Milchzucker ein Gedächtnis haben? Davon war aber meines Wissens noch nie die Rede und es dürfte auch physikalisch kaum denkbar sein.

Ich wünsche mir eine ernsthafte argumentative Auseinandersetzung mit der Homöopathie und den anderen zur Diskussion stehenden Methoden Neuraltherapie, TCM, Anthroposophische Medizin und Phytotherapie. Nicht nur flotte Sprüche und Schlagworte bitte.
Und ich wünsche mir von einem kompetenten Wissenschaftler wie Beda Stadler, dass er verständlich erklärt, weshalb Wissenschaft nötig ist, warum es wichtig ist, Studien zu machen, welchen Täuschungen und Selbsttäuschungen damit vorgebeugt werden kann.

Die Wissenschaft hätte hier nämlich durchaus starke Argumente.
Nur braucht es dafür auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich nicht zu schade und fähig sind, diese Argumente der breiten Öffentlichkeit in verständlicher Form darzulegen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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