Beda Stadler, Immunologie-Professor an der Universität Bern, polemisiert manchmal gar heftig. In der “Südschweiz” antwortet er auf die Frage, welches Resultat er am 17. Mai erwarte, mit: “20 Prozent Nein-Stimmen”. Der Interviewer sagt darauf: “Sie sind bescheiden…”. Darauf Beda Stadler: “20 Prozent Gleichgesinnte würden mir in der Tat reichen. Ich wäre stolz, wenn sich zeigt, dass wenigstens ein Fünftel der Schweizer noch alle Tassen im Schrank hat.”

Das mit den “Tassen im Schrank” ist natürlich hoch polemisch und lässt jede konstruktive Diskussionskultur vermissen.
Damit gibt Beda Stadler aber auch das perfekte Feinbild ab für Homöopathen und Anthroposophen. Abstimmungstaktisch ist das ausgesprochen ungeschickt. Nichts kann nämlich das Komplementärmedizin-Lager wirksamer einigen als solche Polemik aus Beda Stadler‘s Küche.

Nur: Lässt man die Polemik mal beiseite, hat der Mann meines Erachtens in vielem Recht.
Es gibt tatsächlich eine grassierende “Faulheit-des-kritiklosen-Fürwahrhaltens” (Ludwig Marcuse), gerade auch in der Komplementärmedizin.
Diese weit verbreitete, vollkommen naive Gläubigkeit an alles Wunderbare, finde ich genauso wie Stadler hoch bedenklich, nicht zuletzt auch demokratiepolitisch.
Manchmal scheint mir wirklich, je abstruser die Theorie, desto glaubwürdiger ist sie für viele Leute.
Das halte ich für eine Fehlentwicklung von hoher Brisanz.

Ich verstehe inzwischen selber auch immer besser, wie man auf diesem Hintergrund zum Vollblutpolemiker werden kann.
Schaut man sich nämlich die Rhetorik der Befürworter dieses Verfassungsartikels zur Förderung der Komplementärmedizin an, so ist deren Diskussionskultur auch nicht gerade überzeugend. Meinem Eindruck nach sind sie oft sehr stark in dogmatischen Überzeugungen festgefahren und selten offen, um Argumente auch nur zu prüfen. Das ist auch eine Art der Diskussionsverweigerung. An einer solchen Mauer prallt eigentlich alles ab. Da ist die Versuchung, mit Polemik zu reagieren, oft nicht mehr weit. Ich selber neige in solchen Situationen zur Ironie, was aber in Diskussionen auch heikel sein kann. Ich versuche mich hier zurückzuhalten.

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: Die eindeutigen, Wahrheit beanspruchenden, pauschalen Slogans der Befürworter sind optimal medientauglich: “Komplementärmedizin ist wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich.” Das ist eingängig und bleibt hängen, wenn es immer wieder repetiert wird, auch wenn es punkto Wirksamkeit so pauschal nicht im Ansatz wahr ist.

Dagegen braucht es für eine differenzierte wissenschaftliche Stellungsnahme zu jedem einzelnen Thema wohl gut eine Seite Text oder ein halbstündiges Gespräch. Da klinkt sich aber ein grosser Teil der Zuhörenden nach drei Sätzen aus und die Medien zocken weg.
Das war auch in der Arena-Sendung vom 24. April gut sichtbar. An Punkten, an denen Stadler eigentlich eine differenziertere Stellungsnahme abgeben sollte / wollte, ging der Moderator weiter. Soviel Zeit ist nicht in einer TV-Diskussion.
Argumentation aber braucht Zeit.

Mir fehlt bisher zu dieser Abstimmung jede differenzierte Auseinandersetzung mit den fünf zur Diskussion stehenden Methoden Homöopathie, Chinesische Medizin (TCM), Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie und Phytotherapie. Die Frage sollte meines Erachtens nicht lauten: Komplementärmedizin JA oder NEIN? Diese Frage entspringt nämlich genau dem Lagerdenken – hier “Schulmedizin”, da Komplementärmedizin – das es meiner Ansicht nach zu überwinden gilt.
Wichtiger wäre die Frage, welche Art von Komplementärmedizin wir wollen und nach welchen Kriterien wir das entscheiden.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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