Als Ausbildner mit über 25jähriger Tätigkeit im Bereich Phytotherapie / Naturheilkunde stehe ich bei der Abstimmung vom 17. Mai zur Förderung der Komplementärmedizin für die meisten Leute fraglos im befürwortenden Lager.

Ich bin aber überhaupt nicht gerne Teil eines “Lagers”. Das schränkt die Sicht ein. Und ich habe es auch nie geschafft, einfach pauschal die Komplementärmedizin als Ganzes toll zu finden.
Dafür habe ich als Ausbildner in diesem Bereich über 25 Jahren hinweg ganz einfach zuviel gesehen und gehört an Allmachtsphantasien, engen Feindbild-Haltungen gegenüber der “Schulmedizin”, dogmatischer Gläubigkeit und sektenhaften Überzeugungssystemen.

Diese verblendeten Überzeugungssysteme machen das eigentliche Risiko der Komplementärmedizin aus.

Darum geht es meiner Ansicht nach 1. um Differenzierung, 2. um Differenzierung und 3. um Differenzierung – und nicht um eine pauschale “Heiligsprechung” der Komplementärmedizin, wie ich sie nun bei vielen Befürwortern dieses Verfassungsartikels sehe.
Meine Position deckt sich mit der Aussage des Chefredaktors der Schweizerischen Ärztezeitung, Bruno Kesseli. Er schrieb in der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87: 3) :

“Komplementärmedizin… als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt…….etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären. Genau diese Haltung scheint aber einigermassen verbreitet zu sein.”

Ich habe meine Entscheidung für ein JA oder NEIN zu dieser Vorlage lange Zeit offen gehalten und den Argumenten der Befürworter und Gegner zugehört.
Ich habe zunehmend kritische Fragen entwickelt gegenüber der Argumentation und dem Auftreten der Befürworter, diese auch öffentlich gestellt und nicht ansatzweise befriedigende Antworten bekommen. Auf konkrete Fragen lassen sich die Befürworter meiner Erfahrung nach nicht ein. Sie kümmern sich lieber um das ganz grosse “Päckli”
Darum nun ein NEIN zu dieser Vorlage und zu dieser undifferenzierten, unreflektierten, schönfärberischen Art der Förderung von Komplementärmedizin.

Mein NEIN ist ein fachliches und politisches NEIN. Kein finanzielles NEIN. Ich kann nicht beurteilen, wie hoch die Mehrkosten sein werden, wenn die Vorlage angenommen wird. Das kann wohl gar niemand beurteilen, weil noch nicht ansatzweise klar ist, welche Konsequenzen die Aufnahme dieses Artikels in die Verfassung hat (“Bund und Kantone sorgen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten für die Berücksichtigung der Komplementärmedizin”).

Zu meinem fachlichen und politischen NEIN haben folgende Punkte beigetragen:

– Ich frage mich sehr, ob die befürwortenden Politikerinnen und Politiker eine Ahnung haben, worauf sie sich da eingelassen. Aus keiner mir zu Ohren gekommenen Äusserung kann ich entnehmen, dass sie sich vertieft inhaltlich-fachlich mit der hoch komplexen Situation im Bereich Komplementärmedizin auseinandergesetzt haben. Mein Eindruck ist eher, dass sich die konkreten Erfahrungen darauf beschränken, dass jede und jeder schon irgendwann ein Globuli geschluckt, ein Heilpflanzen-Präparate eingenommen oder sich mit Akupunktur behandeln lassen hat.
Die befürwortenden Politiker, die ich bisher gesehen oder gehört haben, machen mir eher den Eindruck, dass sie sich gutgläubig, aber ohne Detailkenntnisse für ein populäres Anliegen einsetzen, sich dabei aber von einer Komplementärmedizin-Szene einwickeln und einspannen lassen, die immer noch stark in der Feindbildhaltung gegenüber der “Schulmedizin” verharrt und dies auch so braucht.

– Die Befürworter machen wohlklingende Versprechungen, die sie so meines Erachtens niemals einhalten können. Die involvierten Politikerinnen und Politiker merken das mangels Detailkenntnissen wohl nicht. So tönt beispielsweise die Forderung nach staatlichen Diplomen für nichtärztliche Therapeuten sehr überzeugend. Versprochen wird damit Patientensicherheit, Qualitätssicherung und Schutz vor Scharlatanen.
Tönt gut, scheitert aber mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit sobald es konkret wird. Und zwar weil in keiner Weise klar ist, nach welchen Kriterien denn Qualität zu messen ist, wenn man wissenschaftliche Kriterien weglässt. Die Befürworter haben dazu jedenfalls noch keine Idee geliefert und befassen sich mit solch konkreten Fragen wohl gar nicht. Ich werde hier im Blog unter der Rubrik “Naturheilkunde-Debatte” noch einen detaillierten Text zu dieser Frage publizieren.

“Naturheilkunde-Debatte”

– Die Befürworter beschönigen meinem Eindruck nach die Lage in der Komplementärmedizin massiv und schrecken auch vor offensichtlichen Unwahrheiten nicht zurück (Beispiele dafür in anderen Blogbeiträgen unter “Naturheilkunde-Debatte”).
Diese zum Teil stark verzerrte Darstellung hat meines Erachtens mit dogmatischen Grundhaltungen und pauschalen Feindbildern gegenüber Wissenschaft und “Schulmedizin” zu tun. Beispielhaft dafür ist die einseitige Interpretation und Darstellung der PEK-Studie durch die Befürworter.
Man soll und darf m. E. sowohl wissenschaftlichen Aussagen als auch “schulmedizinischen” Empfehlungen kritisch gegenüber stehen. Die undifferenzierte Feindbild-Haltung, welche ich in der Komplementärmedizin oft wahrnehme, hat aber mit einer kritischen Haltung nichts zu tun. Sie ist nämlich genauso blind wie die naive Gläubigkeit, welche der “Schulmedizin” alles aus der Hand frisst.

– Der vorgesehene Verfassungsartikel ist derart vage, dass ich keine Ahnung habe, was konkret ich mir mit einem JA einhandle. Das Parlament müsste die dazu passenden Gesetze noch ausarbeiten. Diesen Blankocheck möchte ich dem Parlament nicht geben, so populistisch, oberflächlich, ahnungslos und naiv es meinem Eindruck nach mit diesem Thema bisher umgegangen ist. Ich traue dem Parlament schlicht keine seriöse Arbeit zu in diesem Bereich – und hoffe, dass ich mich da täusche. Vielleicht erwachen ja einige ParlamentarierInnen noch, wenn sie sich mit konkreten Fragen z. B. betreffend Qualitätssicherung befassen müssen und nicht nur unverbindlich und gratis “mehr Komplementärmedizin” fordern können. Vielleicht gibt es dann aber auch einfach eine Pseudo-Qualitätssicherung, die nur Ausbildungsstunden zusammenzählt und sich um die Entwicklung von transparenten fachlichen Qualitätskriterien drückt.

– Meines Erachtens hat das Parlament seine Hausaufgaben nicht gemacht, indem es einfach alle offenen Fragen, Schwierigkeiten und Widersprüche ausblendet. Die Probleme werden nach einer Annahme dieses Verfassungsartikels erst anfangen, weil sie sich durch “Kopf-in-den-Sand-stecken” nicht einfach auflösen.

“Anthroposophische Medizin”

– Ich möchte nicht, dass eine Heilslehre wie die “Anthroposophische Medizin” in die Grundversicherung aufgenommen wird und vom Staat in Lehre (Professur an der Universität) und Forschung gefördert wird. Nicht mit meinen Steuergeldern.
Ich lehne die Karmalehre als zentrales Element der Anthroposophischen Medizin ab, die davon ausgeht, dass Krankheit und Behinderung durch moralisches Versagen in früheren Leben verursacht werden. Ich halte dies für behindertenfeindlich.

In Tibet beispielsweise werden Blinde massiv diskriminiert und beschimpft, weil sie angeblich in einem früheren Leben Schlimmes gemacht haben (Arte tv, Dokumentarfilm “blindsight” von Lucy Walker, 26. April 2009). Darum keine staatliche Unterstützung für solche Theorien.
Ich bin auch gegen die staatliche Unterstützung einer Heilkunde, die ihr Fundament einzig in den (angeblich) übersinnlichen Erkenntnissen eines Rudolf Steiners sieht. Solche Theorien sind durch niemand anderen überprüfbar, intransparent, guruhaft und daher meines Erachtens im Grunde genommen nicht demokratietauglich. Demokratie verträgt sich meiner Ansicht nach nicht mit dem Kult um einen “Menschheitsführer”, welcher in seinen höheren Welten auch gesehen haben will, dass die Blonden intelligenter sind als die Braunhaarigen, die Arier an der Spitze der Entwicklung stehen und die Indianer als dekadente Abzweigung in der Entwicklung der Menschheit zwischen Affen und Menschen anzusiedeln sind.

Konkretere Argumente, Infos, Stellungnahmen und Quellenangaben zu diesen Themen finden Sie in anderen Beiträgen in diesem Blog – dazu links oben auf “Naturheilkunde-Debatte” klicken.
Bis zur Abstimmung am 17. Mai werden noch weitere Beiträge zu anderen Aspekten dieser Vorlage folgen. Meiner Ansicht nach braucht es eine inhaltliche Debatte zu dieser Abstimmung, nicht einfach pauschale Zustimmung oder Ablehnung zu einem Gesamtpaket “Komplementärmedizin”.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Klinik, Palliative Care

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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