Wer sich mit Pflanzenheilkunde bzw. Phytotherapie befasst, sollte dies meiner Ansicht nach nicht nur mit Büchern oder vor dem Computer tun. Es braucht zwar diese Art des Wissens, doch genauso wichtig scheint mir das Kennenlernen der Heilpflanzen in der Natur, in ihren Lebensräumen. Dabei kann die Beziehung zu Heilpflanzen und Wildblumen aber sehr unterschiedliche und zum Teil auch fragwürdige Formen annehmen.

Dazu gibt es eine interessante und anregende Geschichte bei Arthur Schopenhauer:

“Ich fand eine Feldblume, bewunderte ihre Schönheit, ihre Vollendung in allen Teilen und rief aus: “Aber alles dieses, in ihr und Tausenden ihresgleichen, prangt und verblüht, von niemandem beachtet, ja oft von keinem Auge nur gesehn.” Sie aber antwortete: “Du Tor! Meinst du, ich blühe, um gesehen zu werden? Meiner und nicht der anderen wegen blühe ich, blühe, weil‘s mir gefällt: darin, daß ich blühe und bin, besteht meine Freude und Lust.”

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860, Philosoph, aus: Parerga und Paralipomena: Kleine philosophische Schriften,
veröffentlicht 1851

Kommentar & Ergänzung:

Ein feiner und vielschichtiger Text. Allerdings spricht einiges dafür, dass Blumen durchaus gesehen werden wollen – nur nicht von uns, sondern von ihren Bestäubern, den Insekten. Das war zu Zeiten Schopenhauers vielleicht noch gar nicht so klar. Blumen sind dazu da, um uns Menschen zu erfreuen, zum Lobpreis des Schöpfers oder als Nahrungsquelle für Bienen. So lauteten über lange Zeiträume die Erklärungen. Erst 1793 veröffentlichte Christian Konrad Sprengel sein Buch: “Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen”. Er hatte unter anderem am Schmalblättrigen Weidenröschen entdeckt, dass die Insekten für Bestäubung und Vermehrung vieler Pflanzen notwendig sind.

Mit dieser Idee hatte er allerdings keinen Erfolg. Erst Charles Darwin verschaffte ihm 1859 die verdiente Anerkennung. Schopenhauer dürfte daher 1851 wohl noch nichts davon gewusst haben, dass die Blumen auf eine bestimmte Weise gesehen werden wollen – wenn auch nicht von uns. Wobei “wollen” in diesem Zusammenhang in die Irre führt.

Wir Menschen unterstellen der Natur gerne Absichten, weil uns das vertraut ist von unserem eigenen Verhalten. Die Natur “will” aber nichts. Sagen kann man jedoch, dass Blumen an ein Gegenüber gerichtet sind, und dass wahrgenommen werden für sie wichtig ist. Das ist vielleicht ein Grund dafür, dass uns Blumen so ansprechen, obwohl wir nicht gemeint sind.

Wesentlicher scheint mir aber ein anderer Aspekt in dieser “Feldblumen-Geschichte”: Schopenhauer‘s Text drückt vielleicht auch aus, dass sich der Mensch in seinem Verhältnis zu den Pflanzen nicht zu wichtig nehmen soll.

Wir Menschen sind den Pflanzen wohl ziemlich egal. Pflanzen brauchen unsere Bewunderung nicht. Sie sind nicht auf uns gerichtet. Wir sind nicht das Zentrum der Veranstaltung, die man Natur nennt. Das scheint mir wichtig festzuhalten auch bezüglich Pflanzenheilkunde & Phytotherapie.

Hier hört oder liest man zum Beispiel immer wieder die Ansicht – auch in Ausbildungen – dass wir genau diejenigen Heilpflanzen benötigen, die zu uns in den Garten kommen. Ich halte dies für eine sehr fragwürdige Idee, die aber zweifellos ihre Vorteile hat. Erstens braucht man mit dieser Einstellung nichts zu denken und nichts zu lernen. Man muss nur abwarten, wer kommt, und hat dann Gewissheit, dass dies nun richtig sei. Etwas hart ausgedrückt: Eine perfekte Lösung für denkfaule Leute.

Und zweitens ist die Vorstellung natürlich wohltuend, dass da jemand – eine Heilpflanze – zu mir kommt und sich um mich kümmert. Ohne Ansprüche zu stellen. Das ist im Grunde genommen eine Haltung, wie sie ein Kleinkind gegenüber den Eltern hat, keine reife Beziehung. Wenn Pflanzen sich so um uns Menschen sorgen, dass sie uns aufsuchen, wenn wir sie nötig haben, dann stehen wir wirklich im Zentrum der Veranstaltung. Viel angemessener und bescheidener scheint mir, wenn wir davon ausgehen, dass Pflanzen in unseren Garten kommen, weil sie dort Bedingungen finden, die für sie günstig sind.

Eine ähnliche Selbstüberschätzung liegt in der Vorstellung, dass Pflanzen uns durch eine Signatur, durch Farben und Formen mitteilen, wofür sie für uns Menschen gut sind. Auch in dieser Signaturenlehre steht der Mensch im Mittelpunkt. Im Mittelalter und in der Renaissance, als die Signaturenlehre ihren Höhepunkt erreicht hatte, verstand sich der Mensch tatsächlich als Krone der Schöpfung und Pflanzen und Tiere galten als auf ihn hin erschaffen. Wer sich historisch fundiert mit der faszinierenden Signaturenlehre befassen will, kann dies in meinem Kurs über die “Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit
(Info: www.phytotherapie-seminare.ch/index.php).

Heute scheint es mir allerdings, dass wir uns nicht so wichtig nehmen sollten. Formen und Farben der Blüten entwickeln die Pflanzen nicht als Zeichen für uns, sondern weil sie genau so richtig sind für sie in ihrem Lebensumfeld.

Schopenhauers Text drückt diese Bescheidenheit der Natur gegenüber aus. Und er zeigt, dass man die Feldblumen auch mit dieser Grundhaltung lieben und sich an ihnen freuen kann.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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