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Wilde Möhre, Leberblümchen und die Signaturen der Heilpflanzen….

Naturheilkunde-Debatte

Avatar-FotoMartin Koradi02.12.2009

Zum Thema Signaturenlehre bin ich auf folgendes Zitat gestossen:

“Jahrhundertelang glaubte man in der Medizin, dass die Wirkung der Heilkräuter von ihren Formen abhänge. Die Blätter des Leberblümchen ähneln in ihrem Umriss zum Beispiel einer menschlichen Leber, folglich glaubte man an eine Heilkraft bei Leberinfektionen. Die Blätter des Huflattich haben die Form eines Pferdehufs, und man benutzte sie gegen Hufentzündungen……Falsch an der früheren Kräuterlehre war…die Theorie über den Zusammenhang von Form und Wirkung, aus der zum Teil falsche Schlüsse gezogen wurden. Heute wissen wir, dass die Effekte der Kräuter von ihren chemischen Inhaltsstoffen abhängen, von ihren sogenannten sekundären Stoffwechselprodukten, und dass die Form von Blatt, Wurzel und Blüte damit nichts zu tun hat. Aber solange man das annimmt, findet man natürlich immer irgendeine Analogie zwischen Form und Wirkung, um die Theorie aufrechtzuerhalten. Schliesslich sind höhere Pflanzen als Gestalten kompliziert genug, um alles mögliche in sie hineinzulesen.”

Hansjörg Hemminger / Joachim Keden; Seele aus zweiter Hand, Quell Paperback 1997

Kommentar & Ergänzung: Wilde Möhre, Leberblümchen und die Signaturen der Heilpflanzen…

Interessant an diesem Zitat sind die letzten beiden Sätze. Tatsächlich: Fast jede Pflanze zeigt einen so grossen Reichtum an Formen und Farben, dass wir hundertfache Ähnlichkeiten darin entdecken können. Welche dieser Ähnlichkeiten einem Menschen ins Auge fallen, das hat aber vor allem mit ihm zu tun.

Es sind nämlich unsere Erinnerungen, Assoziationen und Interpretationen, entsprechend denen wir aus der Vielzahl der Ähnlichkeiten einzelne auswählen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden. Ohne diese Vorgänge wäre die Welt für uns ärmer. Problematisch wird es nur, wenn man nicht erkennt, dass solche Deutungen aus unserem Inneren stammen und dass sie mit der Heilpflanze an sich nichts zu tun haben.

Buchautor

So kann dann beispielsweise ein Buchautor auf die Idee kommen, dass die Wilde Möhre (Daucus carota) gut für Menschen sei, die sich zentrieren müssen, weil diese Pflanze im Zentrum ihrer Blüte einen auffallenden schwarz-violetten Punkt hat. Das würde dann bedeuten, dass die Wilde Möhre uns Menschen etwas sagen will und sich damit quasi um uns kümmert. Das ist zwar eine anrührende, schöne Vorstellung, die heutige Menschen vor allem anspricht, weil wir im Grunde genommen in grosser Distanz zur Natur leben. Doch ist es meines Erachtens auch eine sehr irreführenden Vorstellung.

Vollkommen übersehen wird dabei nämlich, dass die Wilde Möhre sich mit ihrem schwarz-violetten Punkt nicht an uns, sondern an die Insekten als Besucher richtet. Wir stellen uns viel zu sehr in den Mittelpunkt der “Natur-Veranstaltung”, wenn wir diese Botschaft als an uns gerichtet auffassen. Es steckt eine gehörige Portion Anthropozentrismus in diesen Vorstellungen: Der Mensch steht im Zentrum der “Veranstaltung” – die Pflanzen sind auf ihn hin geschaffen und ausgerichtet. Mir scheint es sehr fragwürdig, wenn im Zuge der “Esoterik-Welle” solch anthropozentrische Sichtweisen auch in der Pflanzenheilkunde wieder auftauchen, weil daraus hoch spekulative, willkürliche und fragwürdige Heilungsversprechen entstehen.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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