Wo immer es um Kritik an der Komplementärmedizin geht, ist Prof. Beda Stadler zur Stelle. Kein Wunder, entwickelte er sich mit den Jahren zum Buhmann der “Szene”. Dazu trägt er allerdings selber nicht unwesentlich bei – unter anderem mit seiner unverhohlenen Lust an der Provokation. Für die Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin ist Beda Stadler aus zwei Gründen ein Geschenk des Himmels:

Erstens weil er kaum genauere Kenntnisse aus dem Bereich Komplementärmedizin zu haben scheint. Er kann daher wohl nur pauschal und grob mit dem Zweihänder fechten. Weil Stadler nur selten präzise Argumente bringt, fallen die argumentativen Schwächen der Komplementärmedizin kaum auf.

Zweitens vertritt Beda Stadler den Standpunkt der Wissenschaft bodenlos schlecht. Wissenschaft ist in ihrem Kern eigentlich eine eher bescheidene Veranstaltung, die sich der Vorläufigkeit ihrer Ergebnisse und der vielen noch offenen Fragen bewusst ist. Diese differenzierte Haltung wird aber beim Polterer Beda Stadler leider kaum sichtbar. Insofern ist Beda Stadler ein Traumgegner für Anhängerinnen und Anhänger der Komplementärmedizin. Beda Stadler macht es ihnen ausgesprochen leicht, ihn in ein feindliches Lager zu stellen oder in die Abteilung für Skurrilitäten.

Beda Stadler bedient alle Klischees perfekt, aus denen sich das Feindbild “Wissenschaft” zusammensetzt.
So braucht man sich nicht wirklich mit ihm auseinanderzusetzen. Das ist schade, denn oft sind seine Anmerkungen durchaus bedenkenswert.
Verpackt in ständige Provokationen und einen oft verletzenden Diskussionsstil kommen allerdings auch bedenkenswerte Argumente kaum an. Selbst bei dafür offenen Personen.

Aber auch das Anti-Stadler-Lager agiert meines Erachtens oft plump und verwendet fragwürdige Argumente. Zum Beispiel wenn Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, über Beda Stadler sagt:

“Ausserdem missachtet er die Volksmeinung, die will nämlich die Homöopathie» (Weltwoche 23 / 2005).

Erstens ist die “Volksmeinung” betreffend Homöopathie meines Wissens nicht geklärt.
Auch nicht nach der Abstimmung vom 17. Mai 2009, die sehr pauschal die Förderung der Komplementärmedizin in die Verfassung schrieb.

Und zweitens wäre zu fragen: Wenn die “Volksmeinung” einmal festgelegt ist (und wer legt die hier fest?), wird dann jede Widerrede eine Missachtung dieser “Volksmeinung”?
Mir schaudert vor dieser Vorstellung. Ich halte sie für totalitär.

Selbst wenn 99,999 % der Bevölkerung für die Homöopathie votieren würden, dürfte Beda Stadler immer noch dagegen sein.

Niemand muss die “Volksmeinung” beachten, indem er oder sie keine gegensätzliche Meinung mehr vertritt.

Die SVP wird ja manchmal kritisiert, weil sie das “Volk” quasi für sich pachte und betupft reagiere, wenn nach gewonnener Volksabstimmung immer noch gegenteilige Meinungen vertreten werden. Das “Volk” soll quasi das letzte und endgültige Wort sprechen. Ein solch überhöhter und verabsolutierter Volksbegriff führt leicht dazu, dass Widerspruch und Gegenpositionen vereinnahmt werden. Ein monolytisches “Volk” in diesem Sinne gibt es aber nicht.
Wenn Jacqueline Bachmann Beda Stadler Missachtung der Volksmeinung vorwirft, dann halte ich das genauso für eine sehr problematische Argumentation.

Zudem ist die “Volksmeinung” nicht von vorneherein einfach ein Gütesiegel. Es müssten dabei immer auch die zugrunde liegenden Bedürfnisse, Interessenlagen, Marketing- und Lobbyingstrategien angeschaut und diskutiert werden. Das gilt selbstverständlich auch für die Komplementärmedizin.

In der selben Weltwoche warfen Peter Heusser (Anthroposophische Medizin) und André Thurneysen (Homöopathie) Beda Stadler vor: «Er verweigert sich wissenschaftlichen Studien, die seine Meinung nicht bestätigen».

Ob dieser Vorwurf zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Mir scheint nur, dass ein solches Vorgehen bei Vertreterinnen und Vertreter von Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auch nicht gerade selten zu beobachten ist: Jeder noch so kleine Hinweis auf eine Wirksamkeit der eigenen Methoden wird triumphierend präsentiert, während Studien mit negativem Ergebnis diffamiert oder ignoriert werden. Diese Art der verzerrten Darstellung schädigt meiner Ansicht nach die Glaubwürdigkeit der Komplementärmedizin.

Nötig wäre meines Erachtens eine differenziertere Argumentation in beiden Lagern – bei den Kritikern und bei den Anhängern der Komplementärmedizin. Das wäre ein erster Schritt weg vom Schwarz-Weiss-Denken.
Schwarz-weiss-gemalt wird nämlich oft von beiden Seiten.

Ich halte es gerne mit einem Zitat von Bruno Kesseli, Chefredaktor der Schweizerischen Ärztezeitung (2006;87:3):

“Komplementärmedizin…als Gesamtpaket zu befürworten oder zu verdammen ergibt
aus meiner Sicht etwa soviel Sinn, wie Pilze generell für geniessbar oder giftig zu erklären.”

Es geht darum, über Unterschiede innerhalb des weitläufigen Feldes der Komplementärmedizin zu diskutieren und nicht alles in den selben Topf zu schmeissen..

Es geht um Differenzierung anstelle einer pauschalen Haltung von Gut-oder-Böse.
Es geht um kritische Auseinandersetzung anstelle von simpler Diffamierung.

Das erwarte ich auch von Politikerinnen und Politikern – bisher jedoch mehrheitlich vergeblich.

Dumm ist allerdings, dass die Medien holzschnittartige, grobe Auseinandersetzungen vorziehen und differenziert-reflektierende Haltungen darum oft etwas untergehen.
Deshalb braucht es möglichst viele Menschen, die sich ausserhalb der Lager von “Schulmedizin” bzw. “Komplementärmedizin” positionieren und von beiden Lagern eine differenzierte Argumentation einfordern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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