Mich erstaunt immer wieder, wie verbreitet in den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde eine blinde Gläubigkeit ist. Je absurder eine Behauptung, desto glaubwürdiger scheint sie offenbar manchen zu sein. Es fehlt weitgehend eine Kultur der Wahl und der sorgfältigen Prüfung. Das ist nicht zuletzt auch aus politischen Gründen bedenklich. Wo kommen wir hin, wenn viele Menschen verlernt haben, Behauptungen und Versprechungen mit kritischem Nachfragen zu prüfen?

Der amerikanische Paläontologe, Geologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould (1941 – 2002) stellte dazu fest:

“Wenn es den Menschen an Urteilsvermögen mangelt und sie lediglich ihren Hoffnungen folgen, ist der politischen Manipulation Tür und Tor geöffnet.”

Zu diesem Thema hat auch Ludwig Marcuse (1894 – 1971) immer wieder wertvolle Gedanken formuliert. So schrieb der deutsch-amerikanische Philosoph und Schriftsteller beispielsweise:

“ Die Unlust, die das Denken zu begleiten pflegt, ist von derselben Art, wie die Unlust, die ursprünglich das Gehen oder das Schreiben oder das Klavier-Spielen zu begleiten pflegt. Das Gehen wird in frühen Jahren zwangsweise eingeübt, bis es nicht mehr schmerzt. Das Denken wird nie so hart trainiert; Lernen ist meist das Gegenteil von Denken-lernen. Die Erziehung geht mehr auf das Einrammen von angeblich Fraglosem als auf das In-Frage-stellen. Die Unoriginalität des Einzelnen ist nicht eine Gabe der Natur. Schopenhauer hatte schon recht, dass der Mensch, den er fand, Fabrik-Ware ist. Aber nicht die Natur pflegt Fabrik-Ware herzustellen; dieser Ruhm bleibt der menschlichen Gesellschaft. Der Mensch hat es nicht nötig, die Vernunft zu entwickeln. Ja, er hat gar keine Gelegenheit, die Vernunft zu entwickeln. Ja noch mehr, es ist lebensgefährlich, die Vernunft zu entwickeln. Ist es ein Wunder, dass er dankbar ist für jede Philosophie, die vom Denken dispensiert?”
(aus: Ludwig Marcuse, Das Märchen von der Sicherheit, Diogenes 1981)

Was heisst das nun bezüglich Komplementärmedizin, Naturheilkunde, Pflanzenheilkunde?

“Lernen ist meist das Gegenteil von Denken-lernen. Die Erziehung geht mehr auf das Einrammen von angeblich Fraglosem als auf das In-Frage-stellen.” – Diese Aussage von Ludwig Marcuse scheint mir ein wichtiger Prüfstein zu sein für Ausbildungen und Kurse im Bereich von Komplementärmedizin, Naturheilkunde und Pflanzenheilkunde.

Mir ist jedenfalls im Verlaufe von mehr als 25 Jahren Tätigkeit als Dozent im diesen Bereichen immer wieder aufgefallen, dass in vielen Ausbildungen ein ziemlich missionarischer Stil gepflegt wird. Es wird vor allem Überzeugung vermittelt und viel blinder Glaube an die eigenen Methoden. Das bewirkt bei Lernenden oft eine Überidentifikation, welche kaum mehr kritische Distanz zu diesen Methoden ermöglicht. Auf der Strecke bleibt das selbstkritische Denken, das In-Frage-stellen und die Fähigkeit zur sorgfältigen Prüfung von Behauptungen und Versprechungen. Das läuft dann auf eine Dispensation vom Denken hinaus, von der Marcuse spricht.
Kurse und Ausbildungen sollten aber nicht vom Denken dispensieren, sondern im Gegenteil Fähigkeiten vermitteln für das sorgfältige Prüfen von Behauptungen und für kritisches In-Frage-Stellen von Versprechungen. Die sorgfältige Schulung des Urteilsvermögens ist gefragt – auch im Bereich von Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde / Komplementärmedizin.
Kritisches In-Frage-stellen von Behauptungen und Versprechungen steht dabei der Freude an den Heilpflanzen und einer wachen Beziehung zur Natur überhaupt nicht im Wege.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
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