John Ray, 1627 – 1705), der bedeutendste Botaniker vor Linné, hat sich in seinem Werk „Catalogus Plantarum circa Cantabrigiam nascentium“ (Cambridge, 1660) kritisch mit der Signaturenlehre auseinandergesetzt, die davon ausgeht, dass Heilpflanzen mit ihren Farben und Formen aussagen, wofür sie gut sind. Da diese Kritik auch heute noch aktuell ist, hier das entsprechende Zitat und anschliessend einen Kommentar dazu:

„ Wir sind der Sache aufmerksam nachgegangen und zur Überzeugung gelangt, dass die Signaturen keine Zeichen natürlicher Eigenschaften und Kräfte sind, welche die Natur den Pflanzen eingeprägt hat. 1. Von den Pflanzen, denen eine spezifische Eignung für einen bestimmten Körperteil oder eine Krankheit nachgesagt wird, hat die Mehrheit keine Signatur, was leicht nachzuweisen ist bei Herz, Brust, Schädel und Leber. 2. Unterschiedliche Teile der einzelnen Pflanze, etwa Blätter, Wurzeln, Blüten und Samen, haben nicht nur unterschiedliche, sondern sogar sich widersprechende Signaturen. 3. Viele Pflanzen gleichen natürlichen oder künstlichen Objekten, zu denen nicht die geringste Affinität besteht, wie z.B. Orchideenblüten, die wie Spinnen, Frösche, Bienen oder Schmetterlinge aussehen. Diese Ähnlichkeiten sind hier so frappant (wie ich nebenbei wohl bemerken darf), dass sie jedem sofort auffallen und keiner sie für zufällig halten kann; die Natur hat dies klar beabsichtigt. Es gleichen die Samenkapseln des Hirtentäschchens einer Tasche, Thlaspi kleinen Schalen, Antirrhinum vulgaris einem Kalbskopf; Pisum cordatum ist herzförmig geprägt, ebenso das Blatt bei bestimmten Arten von Medick; Tragopogon gleicht einem Ziegenbart, die Wurzel der Erdnuss einer Maus, Iris und Gladiole einem Schwert, das Blattwerk von Fenugreek gleicht Hörnern: zu keinem dieser Wesen besteht eine Beziehung. 4. Die Teile einiger Pflanzen stellen Körperteile dar, denen sie aufs heftigste zuwider sind. So gleicht die Frucht von Anacarditum zwar einem Herzen, ist aber giftig; der Saft von Wolfsmilch ist wie Milch, aber niemand ist so einfältig und gibt ihn einer stillenden Mutter; das Fleisch von Mespilus gleicht menschlichem Kot, auch in der Färbung, ist aber als Abführmittel ungeeignet. Fungus ignarius, der auf Baumstrünken wächst, sieht zwar lungenförmig aus, ist aber für die Lunge trotzdem schädlich, ja gefährlich. Es nähme kein Ende, wollte ich alle Beispiele aufzählen. 5. Die gleichen Körperteile können von verschiedensten, oft widersprüchlichen Leiden betroffen sein, die nach ebenso verschiedenen Heilmitteln verlangen. Je nach Pflanzenart besitzen die Teile von gleicher Erscheinung und Form die unterschiedlichsten Eigenarten; bei einigen, z.B. bei der Narzisse, verursachen die zwiebelförmigen Wurzeln Brechreiz, während die Knollen der Tulpen sehr angenehm zu essen sind. 7. Die Anzahl der Signaturen ist weder so gross noch die Signatur selber so deutlich und allgemein erkennbar, dass man auf einen Hinweis oder gar absichtlichen Plan der Natur schliessen dürfte. Es gibt derart viele Pflanzenarten: selbst wenn sie alle aufs Mal und durch Zufall entstanden wären, hätte jeder intelligente und fantasiereiche Mensch alle heute bekannten Signaturen erfinden können.“

Kommentar & Ergänzung:

John Ray stellt an dieser Stelle seines Werkes fundiert und detailliert die Signaturenlehre in Frage, die hauptsächlich in der Renaissance weit verbreitet war. Die Signaturenlehre geht davon aus, dass Pflanzen uns durch ihre Formen und Farben verraten, welche Heilwirkungen in ihnen steckt. So sollten zum Beispiel gelb blühende Pflanzen den Gallenfluss steigern, weil die Galle (angeblich) gelb ist. Und tatsächlich kennen wir einige gelb blühende Gallenpflanzen, was die Vorstellungen der Signaturenlehre scheinbar bestätigt. Allerdings geht auch hier – nach Karl Popper – die Theorie der Erfahrung voraus. Wer die Vorstellung hat, dass gelbe Pflanzen gut für Gallenleiden sind, wird gelbe Pflanzen bei diesen Krankheiten speziell beachten, mit ihnen Erfahrungen sammeln und dann tatsächlich gelb blühende Pflanzen finden, welche in diesen Fällen nützlich sind. So bestätigt sich die Theorie scheinbar, weil die Erfahrung vorselektioniert wurde. Hätte die Annahme gelautet, blaue Pflanzen seien gut für die Galle, wären blaue Pflanzen in diesem Zusammenhang besonders beachtet und darunter auch einige als gallenwirksam entdeckt worden. Die Signaturenlehre käme also auch bei dieser Variante zu ihrem „Wahrschein“.

Die Signaturenlehre ist historisch gesehen sehr bedeutend und spannend. Sie hatte viel Einfluss darauf, welche der gut 3000 Blütenpflanzen Mitteleuropas als Heilpflanzen beachtet und genutzt werden. Falls Sie sich für diese historische Signaturenlehre interessieren, empfehle ich Ihnen meinen Kurs über „Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit“.

Allerdings muss meines Erachtens auch deutlich gesagt werden: Zwar kann man zu jeder Pflanze unzählige Ähnlichkeiten finden, doch John Ray hat schon im 17. Jahrhundert überzeugend dargelegt, dass kein Zusammenhang besteht zwischen Farben und Formen der Pflanzen und ihren Heilwirkungen.

Pflanzen entwickeln ihre Formen und Farben für sich und nicht als Hinweis für uns.

Die Signaturenlehre spricht jedoch die Bedürfnisse vielen Menschen an, indem sie den schönen Eindruck vermittelt, dass die Pflanzen uns etwas zu sagen haben und dass wir gemeint sind. Damit stellt sich der Mensch allerdings sehr ins Zentrum der kosmischen Veranstaltung. Die Signaturenlehre wurzelt in einer ziemlich anthropozentrischen Naturauffassung. In der Renaissance, auf dem Höhepunkt der Signaturenlehre, verstand sich der Mensch als die Krone der Schöpfung. Pflanzen und Tiere waren um des Menschen willen da. Inzwischen spricht jedoch viel dafür, dass wir nicht so überaus wichtig sind in der Natur, als dass Pflanzen uns durch Formen und Farben mitteilen würden, wofür sie gut sind. Nur schon eine kleine Prise menschlicher Bescheidenheit stellt die Signaturenlehre fundamental in Frage. Weil sie jedoch das Bedürfnis nach einer besonderen Stellung des Menschen so gut bedient, findet die Signaturenlehre wieder Anklang, wird in sehr unhistorischer und oberflächlicher Form propagiert und ziemlich gedankenlos geglaubt. Das scheint mir ausgesprochen fragwürdig und irreführend. Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, sind wir verpflichtet, sorgfältig zu prüfen, ob unsere Empfehlungen plausibel begründet und sorgfältig dokumentiert sind. Für die heute herumgereichten, hoch spekulativen Signaturen der Pflanzen trifft das meines Erachtens nicht im Ansatz zu. Wer im Bereich von Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde Wirkungen von Heilpflanzen aus Signaturen ableitet, täuscht in meinen Augen die Patientinnen und Patienten und gefährdet möglicherweise sogar ihre Gesundheit.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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