Trost und Rat sind sehr positiv besetzte Worte, aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick sind damit aber auch einige Tücken verbunden.

Das drückt sich zum Beispiel in den folgenden zwei Zitaten aus:

Rathgeber des Kranken. – Wer einem Kranken seine Rathschläge giebt, erwirbt sich ein Gefühl von Ueberlegenheit über ihn, sei es, dass sie angenommen oder dass sie verworfen werden. Desshalb hassen reizbare und stolze Kranke die Rathgeber noch mehr als ihre Krankheit.

Friedrich Nietzsche, 1844 – 1900, Philosoph

Trost und Rat ist oft die Abwehr des Nicht-Betroffenen gegen das Leid des Betroffenen. Trost und Rat sind – neben anderem – auch eine Maske der Distanz.

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks, Diogenes 1995

Kommentar & Ergänzung: Zwiespältigkeit von Trost und Rat

Diese beiden Zitate von Friedrich Nietzsche und Ludwig Marcuse sprechen ein wichtiges Thema an. Chronischkranke und schwerkranke Menschen werden häufig überschwemmt mit Tipps und guten Ratschlägen – gerade auch aus den Bereichen Komplementärmedizin / Naturheilkunde / Pflanzenheilkunde. Das ist für die Betroffenen oft eine ziemlich grosse Belastung. Gar nicht so selten ist nämlich zu beobachten, dass die guten Ratschläge mit einer Prise Anmassung und sogar unterschwellig aggressiv verabreicht werden. Wer sich als kranke Person weigert, einen guten Ratschlag anzunehmen, gilt dann schnell als undankbar und ist selber schuld, wenn die Krankheit nicht heilt. So kann man dann mit Recht sagen, dass Ratschläge auch Schläge sein können.

Die Maske der Distanz, von der Marcuse schreibt, dient häufig der Abwehr von Ohnmachtsgefühlen. Schwere Krankheiten lösen oft auch Ängste und Ohnmachtsgefühle aus bei den nicht erkrankten Personen im Umfeld. Von solchen Gefühlen kann sich distanzieren, wer Ratschläge von sich gibt. Damit unterstellt man nämlich, dass das Problem lösbar ist, wenn die Betroffenen nur die richtigen Ratschläge befolgen.

Es kann meines Erachtens allerdings nicht darum gehen, jeden Ratschlag zu verdammen. Es kommt sehr auf die Haltung an, in der ein Ratschlag gegeben wird. Aber dass mehr Sorgfalt und Zurückhaltung beim Ratschlagen nötig wäre, das scheint mir sehr klar.

Auch beim Trost gilt es zu differenzieren: Ob Trost Distanz schafft oder Nähe, das hängt auch von der Haltung ab, mit welcher der Trost „daher kommt“. Vermutlich wird ein Trost, der mehr durch „Dasein“ wirkt, eher zu Nähe führen. Ein aktivistisch daherkommender und quasi überschwappender, sich aufdrängender Trost dagegen scheint mir eher der Distanzierung zu dienen und hilft allenfalls auch mehr dem Tröstenden selber.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

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