Ich werde immer wieder gefragt ob es richtig ist, dass Menthol & Kampfer nicht zusammen mit Präparaten der Homöopathie eingenommen werden dürfen. Menthol & Kampfer sollen – so die in der Homöopathie offenbar verbreitete Überzeugung – die Wirksamkeit der Homöopathie stören.

Diese Frage kommt in Heilpflanzen-Kursen auf, weil Menthol als Bestandteil von Pfefferminzöl und Kampfer als Bestandteil von Erkältungskrankheiten in der Phytotherapie eine Rolle spielen.

Als Vertreter der Phytotherapie kann ich diese Frage nicht wirklich beantworten, weil sie eigentlich an Vertreterinnen oder Vertreter der Homöopathie gerichtet werden müsste.

Ich selber habe allerdings beim Versuch,  von Homöopathinnen und Homöopathen  eine Antwort auf diese Frage und ein Begründung für die angebliche Störwirkung von Menthol & Kampfer zu bekommen, sehr widersprüchliche Antworten erhalten.

Und ich kann mir aus Sicht der Phytotherapie nicht vorstellen, weshalb ausgerechnet Menthol & Kampfer problematisch sein sollen, die Vielzahl von verwandten Stoffen in Heilpflanzen,  Gemüsen oder Gewürzen jedoch  nicht.

Darum bin ich dieser Frage nachgegangen.

Samuel Hahnemann (1755 – 1843), der Begründer der Homöopathie, hat 1810 ein Buch veröffentlicht: Das Organon der Heilkunst. In dieser “Bibel der Homöopathie” die noch heute das Mass aller Dinge in der Homöopathie ist, steht genau beschrieben wie Homöopathie nach Ansicht Hahnemanns funktioniert und wie man sie anwendet.

Aufschlussreich ist vor allem eine Anmerkung Hahnemanns zu §284 des Organons (3. Auflage von 1824). Dort listet Samuel Hahnemann alles auf, was einer effektiven Behandlung der Homöopathie entgegenwirkt:

„ Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z.B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind, (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben~ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll.“

 

Da steht jedenfalls nichts Konkretes von Menthol oder Kampfer, dafür eine ganze Reihe von Einschränkungen, bei denen man sich fragt, ob diese Regeln irgendjemand einhalten kann.

Meinem Eindruck nach handelt es sich bei diesen Einschränkungen – und wohl auch bei Menthol & Kampfer – um eine Immunisierung gegen Misserfolg.

Damit ist gemeint:

Wenn für den Erfolg einer Theorie – hier also für das Eintreten einer Heilwirkung – sehr viele komplexe Bedingungen erfüllt sein müssen, dann lässt sich beim Ausbleiben dieser Wirkung immer ein Faktor finden, der für das Scheitern verantwortlich gemacht werden kann. Irgend ein angenommener Regelverstoss erlaubt es, den Misserfolg zu erklären.  Eine ausbleibende Heilwirkung  weist dann nicht auf fehlende Wirksamkeit hin, sondern nur auf einen der zahlreichen Störfaktoren. So wird eine Theorie vor Misserfolgen geschützt bzw. eben „immunisiert“.

Falls Sie in homöopathischer Behandlung sind und kein Menthol bzw. Kampfer verwenden dürfen, dann fragen Sie doch nach genauen Begründungen für diese Regeln. Meiner Ansicht nach werden in der Komplementärmedizin allzuoft Regeln fraglos hingenommen, was jeder Idee eines mündigen Patienten widerspricht.

Wir sollten uns meiner Ansicht nach nicht daran gewöhnen, Regeln und Vorschriften einfach blind zu befolgen. Ich erwarte auch von meinem Hausarzt selbstverständlich Begründungen und bekomme sie auch. Ich will überzeugt werden und mich nicht schön brav  verhalten wie ein folgsames Schaf (…wobei das vielleicht ein Vorurteil ist gegenüber “Pullover-Kühen”).

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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