Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie unsorgfältig und tendenziös die Berichterstattung über Komplementärmedizin über weite Strecken ist, liefert ausgerechnet die Konsumentenzeitschrift „saldo“ in ihrer neuesten Ausgabe (Nr. 20 /2010).

Redaktorin Sonja Marti schreibt unter dem Titel:

“Homöopathie: Plazebo-Effekt ist nicht grösser als bei der Schulmedizin“:

„Kritiker unterstellen den homöopathischen Kügelchen oft, dass sie nur dank des Plazebo-Effekts wirken. Jetzt zeigt die Analyse mehrerer Studien: Homöopathie hat keinen grösseren Plazebo-Effekt als schulmedizinische Pillen. Die Mediziner einer deutschen Klinik in Nordrhein-Westfalen verglichen 25 Homöopathie-Studien über unterschiedliche Krankheiten mit jeweils drei entsprechenden schulmedizinischen Studien. Bei 12 Studien war der Plazebo-Effekt bei der Homöopathie kleiner als bei der Schulmedizin. Bei 13 Studien war er grösser. Das zeigt, dass Homöopathie noch eine andere Wirkung haben muss.“
Dazu kommt noch als Bildlegende:
„Kügelchen: Mehr als Scheinwirkung“

Entscheidend ist der letzte Satz:
„ Das zeigt, dass Homöopathie noch eine andere Wirkung haben muss.“
Diese Schlussfolgerung ist reine Phantasie. Aus der beschriebenen Studie lässt sich jedenfalls nicht ableiten, dass Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus noch „eine andere Wirkung haben muss“. Doch schauen wir uns die Sache Schritt für Schritt an.
Ich habe bei der Redaktion nachgefragt, wie die erwähnte Klinik heisst und wo die Studie erschienen ist. Bei der Klinik, so wurde mir eröffnet, soll es sich um die Klinik Roderbirken handeln. Als Quellenangabe lieferte die Redaktion:
http://www.homeopathyeurope.org/news-and-press/news/placebo-effects-in-homeopathy-not-larger-than-in-conventional-medicine

Titel der Studie:
Nuhn T, Lüdtke R, Geraedts M., Placebo effect sizes in homeopathic compared to conventional drugs (2010)

Schaut man sich nun die Studie genauer an, so sagt sie aus, dass sowohl bei konventionell-medizinischen als auch bei homöopathischen Studien Placebo-Effekte auftreten und dass diese sich bei ähnlichem Studienaufbau nicht gross unterscheiden. Soweit ist das nicht gerade erstaunlich. Niemand bestreitet, dass es bei homöopathischen und bei medizinischen Studien Placeboeffekte gibt. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass diese bei ähnlichem Studienaufbau sehr unterschiedlich ausfallen.

Die Autoren der Studie ziehen folgenden Schluss aus ihrer Arbeit:
“CONCLUSIONS: Placebo effects in RCTs on classical homeopathy did not appear to be larger than placebo effects in conventional medicine.”

Soweit, so gut. Nur die Schlussfolgerung der Saldo-Redaktorin „..dass Homöopathie noch eine andere Wirkung haben muss“, lässt sich damit nicht im Ansatz begründen.
In den Wikipedia-Diskussionsseiten wird die Studie denn auch unter „Ist nichts Spezifisches” gelistet
(http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:DanSy/Nachweise).

Es kommt aber noch besser. Die Saldo-Redaktorin schreibt: “Die Mediziner einer deutschen Klinik in Nordrhein-Westfalen verglichen…..”
Diese Information ist falsch.
Korrekt ist:
Korrespondenzadresse für die Studie ist die Karl und Veronica Carstens Stiftung, welche die Förderung der Homöopathie-Forschung zum Zweck hat.
Autor Rainer Lüdtke arbeitet für diese Stiftung.
Autor Geraedts arbeitet an der anthroposophischen Privat-Universität Witten/Herdecke.
Tobias Nuhn hat früher tatsächlich an der Klinik Roderbirken gearbeitet (gemäss telefonischer Nachfrage). Nuhn hat sich bereits in seiner Dissertation (2010) mit dem Thema Homöopathie & Placebo befasst. Er wurde von der Carstens-Stiftung unterstützt, wie es korrekt in der Studie erwähnt ist. Auf der Website der Klinik Roderbirken sind die Forschungen der Klinik aufgeführt, aber die von „Saldo“ beschriebene Studie ist nicht dabei.

Ich habe nichts an dieser Studie auszusetzen.
„Saldo“ erweckt aber meines Erachtens einen falschen Eindruck, wenn von den “Medizinern einer deutschen Klinik…” geschrieben wird.
Eine “schulmedizinische” Klinik, denkt sich dabei wohl die Leserschaft. Auch die „Schulmediziner“ sehen es also langsam ein…
Transparent wäre gewesen, die Interessenlage der Beteiligten korrekt offenzulegen, wie es die Autoren der Studie gemacht haben.

Noch interessanter wird die Sache, wenn man sich die Dissertation von Studienautor Tobias Nuhn anschaut. Dort steht:
Mögliche Konsequenzen für die zukünftige Beurteilung der Ergebnisse
placebokontrollierter Studien zur klassischen Homöopathie

In der hier vorgelegten Studie variierte die Größe des Placeboeffekts zwar deutlich zwischen
einzelnen Studien (abhängig vom betrachteten Erkrankungstyp, der Studiendauer etc.), jedoch
nicht im Sinne eines grundsätzlich größeren Placeboeffektes in Studien der klassischen
Homöopathie. Die Untersuchungsergebnisse sprechen daher für die herkömmliche Auffassung
und Nullhypothese dieser Arbeit, dass der Placeboeffekt bei vergleichbarem Design in
homöopathischen und konventionellen Studien ähnlich groß ausfällt. Der fehlende
Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der
auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend
großen Verumeffekt.”

Quelle:
http://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-16135/Tobias%20Nuhn%2C%20Dissertation.pdf
Aus:     Die Placebo-Problematik in klinischen Studien der Klassischen Homöopathie, Dissertation von Tobias Nuhn, S. 85.

Interessant ist auch hier der letzte Satz:
„Der fehlende Wirksamkeitsnachweis der klassischen Homöopathie kann demnach nicht über die Größe der auftretenden Placeboeffekte erklärt werden, sondern vielmehr durch einen nicht ausreichend großen Verumeffekt.”

Verum = das zu testende Medikament im Gegensatz zu Scheinmedikament (Placebo).

Der Studienautor Tobias Nuhn widerspricht also in seiner Dissertation der Interpretation von Saldo-Redaktorin Sonja Marti diametral.

Meines Erachtens ist dieser Artikel im Saldo ein Beispiel dafür, wie durch tendenziöse und unsorgfältige Berichterstattung die Faktenlage im Bereich Komplementärmedizin stark verzerrt dargestellt wird. Und es ist diese verzerrte Darstellung, die mich zunehmend skeptisch macht diesem Terrain gegenüber.
Nach diesem Artikel werden nun wieder Tausende denken: „Also doch, wir haben es ja immer gewusst. Es ist doch alles längst bewiesen! Nur diese bornierten Beamten im BAG, welche Komplementärmedizin von der Grundversicherung fernhalten, wollen es einfach nicht begreifen…..“

Und dabei gehen sie einfach einer tendenziösen, irreführenden Berichterstattung auf den Leim – und dies allerdings nicht zuletzt darum, weil sie es nicht anders hören wollen……

So funktioniert Manipulation: Zuerst einen wissenschaftlichen, Seriosität vermittelnden Rahmen aufspannen, dann die eigene Überzeugung daran anhängen und dabei den Eindruck erwecken, dass letzteres aus ersterem hervorgeht (ich unterstelle niemanden Absicht).

Ich fordere mit Nachdruck mehr Ernsthaftigkeit und Sorgfalt in der Berichterstattung über solche Themen. Die Konsumentinnen und Konsumenten werden meinem Eindruck nach über weite Strecken verarscht beim Thema Komplementärmedizin – von naiv-unkritischen Medien und populistischen Politikerinnen und Politikern.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde

Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz

Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse

www.phytotherapie-seminare.ch

Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital

Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch

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